Wer fährt nach Jerusalem?

von Kurt-Jürgen Maaß

Im Dorf. Auf der Suche nach einem besseren Leben (Ausgabe II/2012)


Von Anfang an spielte der Jugendaustausch für die Außenkulturpolitik Deutschlands gegenüber Israel eine besondere Rolle. Vor dem Hintergrund der Zeit des Nationalsozialismus waren die Erwartungen an die Teilnehmer riesig: Sie sollten „Botschafter“ einer neuen Generation in den Beziehungen zu Israel und den Juden werden. Vor allem die deutschen Medien bis hin zur Tagesschau begleiteten den Austausch in den ersten Jahren mit einem ungewöhnlich hohen Interesse.

Simone Heil legt nun eine umfangreiche Dissertation zu diesem Austausch in englischer Sprache vor. Ihr Ziel ist es, neues Wissen zu generieren über die Interdependenz der „special relationship“ zwischen Deutschland und Israel und dem in diesem Rahmen organisierten Jugendaustausch. Sie untersucht dafür sowohl die Makroebene (welche Ereignisse haben die politischen Beziehungen beeinflusst und welchen Einfluss hatten sie auf den Jugendaustausch?) als auch die Mikro­ebene (wie wirkte sich der Austausch auf die Politik aus?). Ihre Forschungsthesen sind zum einen, dass die deutsch-israelischen Sonderbeziehungen Einfluss auf den Auswahlprozess und die Durchführung des Austausches hatten, zum anderen, dass dieser aber auch einen „retroaktiven Effekt hat“, sich also auf die Beziehungen auswirkt.

Auf der Makroebene entscheidet die Autorin sich für neun Ereignisse, denen sie erhebliche Bedeutung für die Beziehungen zumisst: die Aufnahme diplomatischer Beziehungen 1965, den Sechs-Tage-Krieg 1967, das Terrorattentat auf die israelische Olympiamannschaft in München 1972, den Staatsbesuch Willy Brandts in Israel 1973, den Yom-Kippur-Krieg 1973, das Ende des Kalten Krieges 1989/90, den ersten Golf-Krieg 1991, die erste Rede eines deutschen Präsidenten (Johannes Rau) in der Knesset 2000 und den Ausbruch der Zweiten Intifada im selben Jahr. Schwerpunktmäßig untersucht die Dissertation den Jugendaustausch zwischen den Städten Köln und Tel Aviv sowie Bremen und Haifa. Als Instrument nutzt die Autorin – neben Literatur und einer Medienauswertung in Deutschland und Israel – einen umfangreichen Katalog mit 18 Fragenkomplexen.

Damit hat sie 170 „stakeholder“, also Organisatoren und Teilnehmer, auch aus früheren Austauschgruppen, befragt. Ihr Ansatzpunkt in der Analyse und Interpretation aller Ergebnisse ist der Sozialkonstruktivismus mit dem Wendt’schen Begriffspaar der Akteure und Strukturen, die sich gegenseitig konstituieren. Heil sieht den Sozialkonstruktivismus für die wissenschaftliche Begleitforschung zur Außenkulturpolitik als besonders geeignet an. Natürlich ist die Arbeit aber in ers­ter Linie ein Beitrag zur Austauschforschung in der Außenkulturpolitik. Und da gelingt es der Autorin, ihre beiden Thesen eindeutig zu bestätigen. Die Sonderbeziehungen zwischen Deutschland und Israel haben die Auswahl für den Austausch – zumindest in den ersten Jahrzehnten – stark in Richtung Elite-Jugendgruppen beeinflusst. Erst im Laufe der Normalisierung der Beziehungen wurde die Zusammensetzung der Gruppen breiter. Auch die Motivation der Teilnehmer hat sich gewandelt und der eines „normalen“ Jugendaustausches angenähert.

Besondere politische Ereignisse führten immer wieder dazu, dass Austauschprojekte – meist aus Sicherheitsgründen – abgesagt werden mussten. Stand in den ersten Jahren die Geschichte des Holocaust im Mittelpunkt der Programme, ist deren Bedeutung für die Jugendgruppen beider Länder zurückgegangen. Dafür gibt es heute intensivere Diskussionen über den Nahostkonflikt, auch befördert durch die Teilnahme arabischer Israelis am Austausch. Auch ihre zweite These hat die Autorin bestätigt gefunden. Die Jugendlichen waren nach ihren Besuchen im anderen Land intensive Multiplikatoren – in den ersten Jahrzehnten naturgemäß mehr als in jüngerer Vergangenheit –, wobei die nationalen institutionellen Strukturen, die dies unterstützen können, in Deutschland wesentlich vielfältiger sind als in Israel. Neu und überraschend ist, dass der Einfluss des Austausches auf die individuellen Biografien sehr unterschiedlich war. Hatten die frühen Austauschgenerationen noch von einem „entscheidenden Wendepunkt in ihrem Leben“ gesprochen, der sie auch veranlasst habe, sich gesellschaftlich und politisch für die Beziehungen zwischen beiden Ländern zu engagieren, so ließ diese Intensität der Erfahrung, die biografische Fortsetzung und die generelle Bedeutung später schrittweise nach, parallel zu der in der Jugendforschung beobachteten Entpolitisierung der späteren Generationen von Schülern und Studenten.

Simone Heil hat mit ihrer Dissertation, die nun als Buch erschienen ist, einerseits die außenpolitiktheoretische Ebene mit der sozialkonstruktivistischen Analys­e bereichert. Ferner leistete sie einen großen Beitrag zur langfristigen empirischen Jugendaustauschforschung in der Außenkulturpolitik und schließlich ist ihre Arbeit ein praktisches Beispiel für Evaluation in der Außenkulturpolitik: Erkenntnisse über die Entwicklung von Strukturen und Prozessen, eine Kontrolle der Zielerreichung, Befunde zur Weiterentwicklung, Legitimation der Programme und Mittel und schließlich taktische Funktionen für die künftige politische Gestaltung des Jugendaustausches zwischen Deutschland und Israel.

Young Ambassadors. Youth Exchange and the Special Relationship between Germany and the State of Israel. Von Simone Heil. Nomos, Baden-Baden, 2011.



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