Schwester in der Notaufnahme

von Sigrid Löffler

Im Dorf. Auf der Suche nach einem besseren Leben (Ausgabe II/2012)


Karatschi ist eine der gefährlichsten Städte der Welt. In seinem neuen Roman „Alice Bhattis Himmelfahrt“ muss der pakistanische Autor Mohammed Hanif die Stadt gar nicht erst namentlich nennen – wir merken nur allzu rasch, wo wir uns befinden, nämlich im Zentrum der alltäglichen, beiläufigen Gewalt und der tödlichen Willkür. Jeden Augenblick können sich die Spannungen zwischen verfeindeten Parteien, Kasten, Religions- und Volksgruppen explosiv entladen; jeden Moment können Muslime und Christen aufeinander losgehen. Privatgangs sind allgegenwärtig, schwer bewaffnet und schießwütig. Und vor jugendlichen Auftragskillern auf Motorrädern ist ohnehin keiner sicher. Jeder Straßenpassant kann zum Zufallsopfer werden. Die Polizei mischt sich nicht ein, genauer gesagt: Sie hat die Schmutzarbeit an eine illegale Schattentruppe von Folterern, Vergewaltigern und Scharfschützen delegiert, die ihre Blutspur durch Karatschi ziehen, ohne je belangt zu werden. Hanif nennt sie ironisch das „Gentlemen-Korps“.

Mohammed Hanif hat sich vor drei Jahren als politischer Satiriker einen glänzenden Namen gemacht – mit seinem rasanten Debütroman „Eine Kis­te explodierender Mangos“, in dem er das Attentat von 1988 auf Pakistans Diktator Zia ul-Haq mit genüsslichem Hohn als böse Groteske darbot. In seinem zweiten Roman wechselt er nun die Zeit, das Milieu, das Personal und die Thematik, nicht aber den sarkastischen Ton und den grimmigen Blick auf die Grundübel der pakistanischen Gesellschaft: Neben dem Kastenwesen, den Konfessionskämpfen, der Korruption und dem ethnischen Hass ist dies vor allem die kulturell tief verwurzelte brutale Frauenverachtung eines islamischen Machismo, der sich auf eine aggressive Lesart patriarchalischer Koranstellen stützt und durch keinerlei Erziehungsprogramm aus seinen archaischen Angeln gehoben wird.

Hanifs Heldin Alice Bhatti bekommt es am eigenen Leib zu spüren: Frau sein, dazu Katholikin und auch noch Angehörige der untersten Kaste der Unberührbaren, der Putzleute und Kanalräumer im Slumviertel French Colony, das ist im heutigen Karatschi lebensgefährlich. Dabei lässt sich Alice, eine junge Hilfskrankenschwester im „Herz Jesu Krankenhaus“, keineswegs von vornherein auf die Rolle des hilflosen, passiven Opfers festlegen. Sie ist vielmehr gewitzt, energisch, couragiert, nicht auf den Mund gefallen und stets auf der Hut: bloß kein Augenkontakt auf der Straße, kein falsches Wort, keine falsche Ges­te, kein falsches Signal. Hanif nennt sie „eine Allwetter-Kämpferin und das auf jedem Terrain“. Und sie weiß sich zu wehren, manchmal auch bestürzend handgreiflich.

Schon in der Schwesternschule hat sie sich mit aggressiven Muslim-Mädchen geprügelt, die keine Jesus-Poster im Schlafsaal dulden wollten. Und gegen den brutalen Übergriff eines Oberschicht-Schnösels, der sie in einem V.I.P.-Krankenzimmer zum Oralverkehr zwingen will, setzt sie, mit prompter Wirkung, eine Rasierklinge ein. Wie man sieht, verschmäht Mohammed Hanif mitunter auch keine burlesken, polemischen und drastischen Erzählmittel. Was Schwester Alice in der Notaufnahme erlebt, müsste jede Menschenrechtsorganisation auf den Plan rufen: „Kein Tag verging, an dem Alice nicht eine Frau sah, die erschossen, erschlagen, stranguliert oder erstickt, vergiftet oder verbrannt, gehängt oder lebendig begraben worden war. Die Mörder waren eifersüchtige Ehemänner, Brüder, Väter, Söhne, verschmähte Liebhaber, die ihre Ehre verteidigten. Anscheinend wurden die meisten Streitigkeiten geschlichtet, indem man Frauenkörpern alles nur Mögliche antat.“ Alice lernt, dass in Pakistan „das Zerstückeln von Frauen ein älterer Sport ist als Cricket, aber nicht minder beliebt und ebenso vielen dunklen Ritualen und verworrenen Regeln unterworfen“.

Gleichwohl besticht Hanifs Roman durch das vielschichtige und nuancierte Sozialpanorama Pakistans, das er im Mikrokosmos eines Krankenhauses auffaltet. Gewiss: Im Umfeld wütet das Gentle­men-Korps, doch im Krankenhaus erfährt und verströmt Alice auch Freundlichkeit, Zuwendung und selbstlose Güte. Das bringt sie zum surrealen Schluss sogar in den falschen Ruf einer wundertätigen Heiligen. Hanif spart auch nicht an Seitenhieben gegen katholische Frömmelei und Scheinheiligkeit. Doch im Zentrum des Romans steht die unheilvolle und schließlich wüst entgleisende Liebesgeschichte zwischen Alice und Teddy Butt, einem Muslim, Bodybuilder und Angehörigen des Gentle­men-Korps. In Teddy brodelt ein explosives Gemisch aus Religion, sexueller Frustration, Kontrollzwang, Gruppendruck und exzessiver Gewalt. Liebe ist für ihn auch nur eine Art Schutzgelderpressung. Sein Liebesüberschwang äußert sich in Freudenschüssen, die er mit seiner Mauser ziellos in die Luft feuert – wodurch er allerdings eine Kettenreaktion von Gewalt auslöst, die zu dreitägigen blutigen Unruhen in der Stadt führt. Und wie er seine Liebesenttäuschung ausdrückt, nämlich mittels Salzsäure, das bildet die schreckliche Schlusspointe dieses beklemmend unterhaltsamen Romans des zornigen Humanisten Hanif.

Alice Bhattis Himmelfahrt. Von Mohammed Hanif. Aus dem Englischen von Ursula Gräfe. A?1 Verlag, München, 2012.



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