„Kinder sind nervös, aber zeigen es nicht“

ein Gespräch mit Michael Ondaatje

Im Dorf. Auf der Suche nach einem besseren Leben (Ausgabe II/2012)


Mynah, die Hauptfigur Ihres neuen Buchs, befindet sich in einer Zwischensituation. Der Junge hat seine Heimat in Ceylon verlassen, um künftig in England bei seiner Mutter zu leben, von der er lange getrennt war. Jetzt ist er auf dem Boot, nicht mehr am alten Ort und noch nicht am neuen – eine total unsichere Situation. Wie kommt es, dass er trotzdem so abenteuerlustig ist?

Mynah ist am Anfang sehr unsicher. In den ersten Szenen ist das wirklich traurig. Doch dann trifft er Cassius und Ramadhin und sie bilden eine Gang. Sie begreifen, dass sie als Kinder für diejenigen, die auf dem Schiff das Sagen haben, wie unsichtbar sind. Kinder in diesem Alter sind nervös, aber sie zeigen es nicht. Man sagt ihnen, was sie tun sollen, und sie machen das dann. Es gibt zum Beispiel einen Dieb, der will, dass Mynah ihm beim Stehlen hilft. Und dieser tut, was ihm gesagt wird. Es ist eine merkwürdige Form der Pflichterfüllung. Zugleich verhält Mynah sich aber auch sehr anarchisch, denn er geht einfach seiner Neugier nach.

Einige der Erwachsenen lernen die Kinder auf der Reise sehr gut kennen: ihre Tischnachbarn am „Katzentisch“, die Randfiguren der Schiffsgesellschaft. Sehr spezielle Persönlichkeiten finden sich dort zusammen. Wen haben Sie besonders gern?

Mister Mazappa, den Klavierspieler. Er ist laut, er ist auffällig, er ist derjenige, der es einem leicht macht, ihn zu mögen. In einer Gruppe von Leuten gibt es ja immer einen lus­tigen Kerl und das ist Mister Mazappa. Aber von ihm bleibt nichts. Er ist zunächst eine sehr schillernde Figur, doch dann verschwindet er einfach. Vielleicht hat er eine Depression oder etwas anderes, man weiß es nicht genau, aber plötzlich ist er weg. Ich mag auch Miss Lasqueti, die viel stiller ist, viel rätselhafter. Sie besitzt die Tauben, die auf dem Schiff transportiert werden, und sie ist diejenige, die vielleicht – vielleicht aber auch nicht – für den Geheimdienst arbeitet. Zunächst bleibt sie sehr im Hintergrund und wirkt ganz unbedeutend. Aber sie wird immer wichtiger. Es gibt mehrere Erwachsene, die erst unauffällig sind und dann immer mehr in den Vordergrund treten, so auch Mister Nevil, der Typ, der Schiffe abwrackt.

Die Figuren in Ihrem Roman haben alle sehr interessante Berufe.

Ich finde Berufe sehr wichtig. Ich möchte immer wissen, welchen Beruf jemand ausübt.

Denken Sie lange darüber nach, welchen Tätigkeiten Ihre Charaktere nachgehen sollten?

Eigentlich muss ich nicht lange darüber nachdenken. Die Berufe tauchen einfach auf. Der Klavierspieler und der Dieb sind mir schnell eingefallen. Es gibt immer einen Dieb. Anders war es bei dem Typen mit den Pflanzen: Ich interessiere mich für Pflanzen und für die Frage, wie man mit ihnen reisen kann, also kam der Mann mit den Pflanzen auf das Schiff.

Mynah ist noch kein Mann, aber auch kein Kind mehr. In einer Szene besucht er seine Cousine Emily in ihrer Kabine. Sie umarmt ihn, was ihn verwirrt: Einerseits sehnt er sich nach Nähe, andererseits erwacht sein sexuelles Begehren. Ist diese Begegnung eine Art Urszene für Beziehungen, also auch für Beziehungen zwischen Erwachsenen?

Emily und Mynah sind unschuldige Kinder, doch sie könnten auch erwachsen sein. Es ist eine heikle Szene. Mynah ist ein Junge, und er ist sehr bedürftig. Seine Mutter ist schon so lange weg. Und zugleich ist da dieses neue Verlangen, das er in Emilys Gegenwart entdeckt. Es war die Szene im Buch, die für mich am schwierigsten zu schreiben war. Man darf nicht zu viel sagen und auch nicht zu wenig. Man will es auf keinen Fall zu sexuell machen und gleichzeitig ist es für Mynah eine solch entscheidende Erfahrung. Es ist nicht das Gleiche, wie zum ersten Mal eine Zigarette zu rauchen.

Die Geschichte wird aus der Perspektive des erwachsenen Mynah erzählt, der zurückschaut und sich an die Schiffsreise erinnert. Später erfahren wir plötzlich, dass Mynah eigentlich Michael heißt. Das kann kein Zufall sein ...

(lacht) Wissen Sie, für mich war es tatsächlich zuerst eine Überraschung. Als ich angefangen habe zu schreiben, habe ich mir nicht vorgestellt, dass die Figur Michael heißen würde. Und ich glaube, wenn ich ihm nicht meinen Namen gegeben hätte, wäre die Geschichte viel autobio­grafischer geworden. Zwar ist man mit dem eigenen Namen näher am Leser dran, weil der echte Autor in Erscheinung tritt. Aber für mich hat es die Figur gleichzeitig objektiviert.

Ist es so wie in der dritten Person von jemandem zu erzählen?

Ja, genau. Als der Name Michael ins Spiel kam, konnte ich die Geschichte besser verfälschen. Seine Geschichte ist ja meiner eigenen sehr ähnlich: Er wird als Erwachsener Schriftsteller, er kommt nach Kanada. Aber der Name Michael hat mir erlaubt, ihn mehr als eine Figur zu sehen, als einen der Jungs auf dem Schiff, wie Ramadhin oder Cassius.

Es gibt im Buch eine sehr wichtige Figur, doch sie ist fast die ganze Zeit abwesend: Michaels Mutter. Sie kommt in der Geschichte kaum vor. Als Leser versteht man schnell, dass die entscheidende Frage für Michael ist: Wird sie da sein, wenn ich ankomme? Warum erzählen Sie von der Mutter so wenig?

Ich wollte nicht zu viel von ihr erzählen. Es ist eine Überraschung, wenn sie am Ende des Buchs auftaucht. Sie ist am Anfang da und kommt dann kurz in der Szene mit Emily vor und dann erst wieder am Schluss.

Lässt der Junge die Geschichte mit der Mutter aus, weil es die einzige Sache ist, über die er nicht reden kann?

Ja. Es ist zu schmerzvoll, zu beängstigend.

Ihr Buch heißt „Katzentisch“, ein sehr schönes Wort. Aber wie kamen die Katze und der Tisch in einem Wort zusammen? Wissen Sie das?

Nein, ich kannte das Wort gar nicht, bis ich einmal mit meiner deutschen Lektorin telefonierte. Sie erzählte, sie hätte geträumt, dass sie an einem Katzentisch saß. Ich fragte: „Wo hast du gesessen?“ Und dann erklärte sie mir, was das ist. Später war sie dann sehr überrascht, dass ich mein neues Buch „The Cats Table“ genannt habe. Das Wort existierte bisher im Englischen nicht. Ich habe einen Freund gefragt, was er sich unter einem „Cats Table“ vorstellt, und er sagte: „Ich sehe eine Menge Katzen in viktorianischer Garderobe vor mir“ (lacht).

Katzentisch. Von Michael Ondaatje. Aus dem Englischen von Melanie Walz. Hanser Verlag, München, 2012.

Das Interview führte Jenny Friedrich-Freksa
 



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