Theorie der Zauberkunst

von Najem Wali

Im Dorf. Auf der Suche nach einem besseren Leben (Ausgabe II/2012)


Einer der berühmtesten Astronomen in der Geschichte des Abendlandes war Regiomontanus. Er verließ Italien im Jahr 1467 und ging zuerst nach Ungarn, wo er vier Jahre lang am Hof des Königs Mathias Corvinus seine Forschung auf dem Gebiet der Astronomie und Mathematik fortsetzte, bevor er später nach Nürnberg zog, wo er sich eine eigene Sternwarte und eine Druckerei einrichtete. Eines seiner wichtigsten wissenschaftlichen Werke waren die „Ephemeriden“, die ersten je gedruckten Planetentafeln, die die Positionen der Himmelskörper für jeden Tag zwischen 1475 und 1506 angaben. Ausgerechnet dieses Buch soll Kolumbus mit auf seine vierte und letzte Reise in die Neue Welt genommen haben, und die Vorhersage der Mondfinsternis vom 29.Februar 1504 machte er sich zunutze, um die feindseligen Eingeborenen von Jamaika mit Schrecken in die Unterwerfung zu zwingen.

Dies ist nur eine von vielen interessanten Geschichten, die uns der Amerikaner John Freely in seinem wunderbaren Buch „Platon in Bagdad“ erzählt. Wer sich von ihm an die Hand nehmen lässt, wird eine fabelhafte Wanderung im Garten des Wissens erleben. Der ehemalige Navy-Soldat aus dem Zweiten Weltkrieg, der später Philosophie und Physik an der New York University und Geschichte der Wissenschaft in Oxford studierte, präsentiert uns die aufregende Wanderroute, welche die Wissenschaft über Jahrhunderte eingeschlagen hat, um ihren heutigen Stand zu erreichen. Für John Freely hat alles in der Umgebung von Bagdad begonnen, in der Zeit vor der Entstehung der Stadt und danach. Sei es im damaligen Mesopotamien, als es noch kein Bagdad, dafür aber Städte wie Babylon und Ur gab, oder danach, in der Zeit, als die Dynastie der Abbasiden über den Irak herrschte, eine Epoche, die über 500 Jahre währen sollte.

Mit der Errichtung von Bagdad unter dem zweiten Abbasiden-Kalif Abu Jafr al-Mansur als neue Hauptstadt der arabisch-islamischen Welt legten die Abbasiden den Grundstein für die spätere arabisch-islamische Renaissance. Mit Begeisterung erzählt Freely von dieser Epoche. Der Leser erfährt, dass Bagdad sich unter al-Mansur, der von 754 bis 775 regierte, und den drei Generationen seiner Nachfolger, vor allem unter al-Mahdi, Harun al-Rashid und al-Ma’m?n, zu einem wichtigen kulturellen Zentrum entwickelte. Laut His­toriker al-Mas’udi war al-Mansur „der erste Kalif, der Bücher aus einer fremden Sprache ins Arabische übersetzen ließ“. Darunter waren Bücher von Aristoteles zur Logik und andere Bücher aus dem klassischen Griechisch, dem byzantinischen Griechisch, Pahlavi, Neupersisch und Syrisch. Es genügt zu wissen, dass einer der Astrologen, die am Hof des Kalifen tätig waren, Abu Salih ibn Nawbacht gewesen ist, dessen Schriften ins Lateinische übersetzt wurden und auf den Kopernikus sich Jahrhunderte später beziehen sollte.

Im Haus der Weisheit, dem Bait al-Hikma in Bagdad, das eine Art Universität und Übersetzungszentrum war, unterrichteten und arbeiteten Wissenschaftler und Philosophen, deren Namen durch Übersetzung ihrer Werke dem Abendland später geläufig wurden. Gabir ibn Hayyan etwa, im Abendland als „Geber der Weise“ bekannt, gilt in der Welt als Begründer der Alchemie. Oder Al-Chawarzmi, der für sein Buch „Kitab al-Dschabr wa’l-Maqabala“ berühmt ist, bekannter unter dem einfacheren Titel „Algebra“, aus dem die Europäer später den danach benannten Zweig der Mathematik übernahmen. Oder der 801 geborene Abu Yusuf ibn Ishaq al-Kindi, lateinisch Alkindus, der als Begründer der islamisch-arabischen Philosophie gilt und daher nicht umsonst im Abendland „der Philosoph der Araber“ genannt wird.

Einige seiner Werke sind sogar nur in lateinischen Handschriften aus dem Mittelalter überliefert, wie „Theorie der Zauberkunst oder über Planetenstrahlen“, worin er behauptet, dass die Himmelskörper Strahlen aussenden und alles im Universum, einschließlich der Menschheit, beeinflussen. Die Wissenschaftler der griechischen Antike waren nicht nur Quellen für die Naturwissenschaft – Astronomie, Astrologie, Mathematik, Geometrie und Medizin –, sondern auch für die Geisteswissenschaften. Bedeutende arabische Philosophen wie der vorher erwähnte al-Kindi oder der spätere Abu Nas al-Farabi haben sich an den alten Griechen orientiert. Al-Farabi, lateinisch Alpharabius, welcher der zweite aristotelische Wissenschaftler und Philosoph nach al-Kindi war, war ebenso stark von Platon beeinflusst.

Freely stellt uns eine Vielzahl von Wissenschaftlern und Philosophen der arabisch-islamischen Welt vor, die nur dank einer großen, von Bagdad ausgehenden Welle von Übersetzungen aus dem Griechischen ins Arabische zugänglich wurden. Namhafte Übersetzer wie etwa Thabit ibn Qurra, der aus dem Syrischen und Griechischen ins Arabische übersetzte, oder Qusta ibn Luqa, ein griechischsprachiger Christ aus dem Libanon, gingen in die Geschichte ein. Ohne diese Übersetzungen wäre es für Wissenschaft und Philosophie nicht möglich gewesen sich zu entfalten. Mit seiner Erzählkunst entwirft John Freely seine Kapitel wie eine Reise. Wir erfahren, dass „die islamische Renaissance“ sich ostwärts nach Zentralasien und westwärts nach Nordafrika und auf die Iberische Halbinsel verbreitete und Werke in allen den alten Griechen bekannten Wissenszweigen hervorbrachte. Die meisten frühen Vertreter dieser Renaissance waren in der Region zwischen Bagdad und Zentralasien tätig, wo die arabisch-islamische Wissenschaft, insbesondere die Astronomie, noch lange Zeit gedieh. Städte wie Damaskus, Kairo, Córdoba setzten fort, was in Bagdad anfing.

In Bagdad wirkte der Mediziner al-Razi, der im Orient und Okzident als Arzt berühmt war. Als er später das Krankenhaus der Stadt leitete, kamen die Studenten von weit her, um von ihm zu lernen. „Der arabische Galan“ soll laut Freely 232 Werke verfasst haben, von denen die meisten verschollen sind. Zu den behandelten Substanzen bei seinen chemischen Experimenten gehörte „naft“, das Petrol, das in heutiger Zeit die unverzichtbare Energie für die Menschen darstellt. Der andere bedeutende Arzt war al-Magusi, lateinisch Haly Abbas. Er erkannte die Bedeutung der Psychotherapie für die Behandlung psychosomatischer Erkrankungen Jahrhunderte bevor Sigmund Freud davon sprach. Der Mediziner und Philosoph Ibn Sina, im Abendland Avicenna, als „Fürst der Ärzte“ bekannt, kombinierte platonische mit aristotelischen Auffassungen. Seine Ideen prägten das abendländische Denken des 13. Jahrhunderts. Freely berichtet auch von der goldenen Zeit der Wissenschaft in Al-Andulus, in Córdoba. Hier lebten und forschten Astrologen und Mathematiker wie Abbas ibn Firnas, der erste Flugversuche wagte, oder al-Zarqali, dessen Name mit den Toledaner Tafeln, auch Tafeln von Marseille genannt, verbunden ist.

Mediziner oder Philosophen wie al-Zahrawi, lateinisch Abulcasis, der nicht nur durch sein gigantisches Werk „Kitab al-Tasrif“, eine medizinische Enzyklopädie in 30 Bänden, bekannt war, sondern weil er Pionier bei der Anwendung von Medikamenten in der Psychotherapie gewesen ist. Unter anderem stellte er ein Medikament auf der Basis von Opium her. Córdoba, wie Freely bestätigt, war nach Bagdad die Quelle der Verbreitung der alten griechischen Schriften. Ihren Zenit erreichte die arabische Philosophie mit dem 1126 geborenen Ibn Ruschd, lateinisch Averroës, dessen philosophische Schriften sich in seine monumentalen Aristoteles-Kommentare und die eigenen Abhandlungen zur Philosophie unterteilen. Er war auch der erste Autor überhaupt, der die Diskriminierung der Frau beklagt, für ihn eines der gravierenden Probleme der muslimischen Gesellschaft.

Das Wissen der griechischen Antike kam über Córdoba und Toledo nach Europa. Die ersten Universitäten, die im Abendland gegründet wurden, verwendeten von dort kommende aus dem Griechischen und Arabischen ins Lateinische übersetzte Werke. Darunter die Universität Bologna, im Jahre 1088 gegründet, gefolgt von den Universitäten Paris (1150), Oxford (1167), Salerno (1173), Palenzia (1178), Reggio (1188) und Vicenza (1204). Bemerkenswert ist, dass viele dieser Werke später auf dem Index landeten. In der Zeit der Inquisition um 1616 erlebten die Schriften von Aristoteles, Kepler und Ibn Ruschd ihre ersten Verbote. Sie seien „absurd, philosophisch falsch und förmlich ketzerisch“, wie das Oberhaupt der katholischen Kirche, Papst Paul?V., in seinem Dekret gegen solche Schriften schrieb. Galileo Galilei wurde gerügt, weil er aus dem Wissen dieser Schriften seine Theorien entwickelte.

Verbote hin, Verbote her. Das Wissen der alten Griechen war da. Und es gelang Platon, Hippokrates, Aristoteles, Herakleides, Heraklit, Pythagoras, Anaxagoras, Euklid, Galen, Ptolemäus oder Archimedes einzig und allein über Byzanz und den Islam ins Abendland zu kommen, denn von früheren Übersetzungen gibt es kein Spur. Eine Frage, die sich immer noch stellt: Woher hatten die alten Griechen ihr Wissen? Um diese Frage zu beantworten, kommt Freely auf Mesopotamien zu sprechen. Die Handelswege der Insel Milet,  die Freely für den Beginn der griechischen Antike hält, führten die Griechen nach Mesopotamien, wo sie vermutlich das astronomische Wissen erwarben, das sie für Navigation und Zeitmessung brauchten.

Aus Mesopotamien brachten sie den Gnomon, den Schattenzeiger, mit. „Denn die Sonnenuhr mit ihrem Zeiger und die Einteilung des Tages in zwölf Stunden haben die Griechen von den Babyloniern übernommen“, heißt es bei Herodot. Die Griechen übernahmen von den Babyloniern auch das griechische Wort für Stern, aster, das sich von Ischtar, der babylonischen Fruchtbarkeitsgöttin, ableitet. Heute ist kaum zu glauben, dass 60 Kilometer südlich vom heutigen Bagdad, in Babylon, rund 5.000 Jahre vor Christus der Grundstein für dieses Wissen gelegt worden ist. Eine der antiken Städte, die Handelswege führten, war Harran. Von Harran kam das Wissen aus Mesopotamien und über Harran machte die griechische Antike ihren Weg ins Bagdad der Abbasiden-Dynastie. John Freely zeigt uns mit Leidenschaft, dass Kulturen nur durch den Austausch mit anderen Kulturen aufblühen. Isolation bedeutet Tod. Ein solches Buch sollte Pflichtlektüre in den Schulen sein, egal in welchem Land. Mit ihrer wunderbaren deutschen Übersetzung hat Ina Pfitzner das Buch zu einem Lesevergnügen gemacht.

Platon in Bagdad. Wie das Wissen der Antike zurück nach Europa kam. Von John Freely. Aus dem Englischen von Ina Pfitzner. Klett-Cotta, Stuttgart, 2012.



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