Der Naqsch-e Dschahān in Isfahan

von Ayat Najafi

Im Dorf. Auf der Suche nach einem besseren Leben (Ausgabe II/2012)

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Als der Naqsch-e Dschahān (zu Deutsch: „Abbild der Welt“) um 1590 erbaut wurde, galt er mit seinen 560x160 Metern als der größte öffentliche Platz der Welt. Foto: Pieter-Jan De Pue/laif


Immer wenn ich nach Isfahan fahre, besuche ich den Naqsch-e Dschahān. Den Namen des Platzes könnte man mit „Abbild der Welt“ übersetzen. Später hieß der Platz offiziell „Platz des Schahs“ und nach der Iranischen Revolution „Platz des Imams“, aber niemand nennt ihn so, die Leute benutzen den ursprünglichen Namen.

Der Platz wurde Anfang des 17. Jahrhunderts wahrlich als „Bild der Welt“ angelegt: In den umstehenden Gebäuden sind die Institutionen der Religion, der politischen Macht, der Wirtschaft und der Justiz untergebracht. Es gibt zwei Moscheen (eine davon war früher das höchste Gebäude Isfahans), den Palast des Schahs und einen prächtigen Basar. Wenn man unten am Basar steht, wirkt der Platz unermesslich groß. Von hier aus denke ich an meinen Vater, der in dem Viertel aufgewachsen ist, das hinter der großen Moschee beginnt. Heute lebt in dem Quartier niemand mehr, die Regierung hat die Häuser aufgekauft, will sie renovieren und in ihnen ein Museum einrichten.

Über dem Eingang des Basars, im zweiten Stock, gibt es ein Café. Als mein Vater klein war, befand sich dort nur eine Hausruine, zu der er einen Weg gefunden hatte. Mein Vater war wohl 14 oder 15, als er da oben saß, den Platz überblickte und den Entschluss fasste, Architekt zu werden. Wenn ich heute in dem Café im zweiten Stock sitze, denke ich wie er: Durch die Architektur kann man die Geschichte eines Landes lesen. Von da oben bekommt man ein Gefühl für die Religion, die Macht und die Wirtschaft. Man sieht in den Gebäuden den traditionellen Iran, aber man blickt auch in die Gegenwart und die Zukunft.

Protokolliert von Timo Berger



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