Experten für Veränderung

Insa Wilke

Im Dorf. Auf der Suche nach einem besseren Leben (Ausgabe II/2012)


Zwischen Souvenirshops, die aus falschen Fachwerkhäusern blinken, und der historisierenden Fassade des Rathauses auf dem Frankfurter Römerberg wirkt das nüchterne Presse- und Informationsamt der Stadt wie ein leeres Blatt, das man beschreiben kann. Hier hat das „Amt für Umbruchsbewältigung“ vom 27. bis 29. Januar 2012 seine Tore geöffnet und wirbt mit rotgelben Signalschildern hinter einem Bauzaun um Aufmerksamkeit: „Einmischung am Römer“ und „Nur 3 Tage“.

Das „Amt“ ist Teil eines Kunstprojektes, das der Frankfurter Kunstverein und das Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ der Frankfurter Goethe-Universität konzipiert haben. Kernstück ist die Ausstellung „Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen“. In über 40 künstlerischen Positionen wurde bis zum 25. März im Frankfurter Kunstverein ein Denkbild entworfen, das nach Formationen und Formierungen von Zivilgesellschaft im Umfeld politischer Ereignisse fragt. Das „Amt“ ist der kurioseste Teil eines Begleitprogramms, das mit Vorträgen, Diskussionen und Performances kulturell und politisch zu intervenieren versucht.

„Auf so ein Amt haben Sie sicher schon lange gewartet“, eröffnet Rainer Forst den Abend. Der Philosophieprofessor ist einer der Sprecher des Exzellenzclusters, von dem er selbst, wohltuend neutral, als „Forschungsverbund“ spricht. Die Kuratoren der Umbruchsbewältigungsaktion, Fanti Baum und Jan Deck, kündigen „kurze, persönliche Gespräche zu relevanten Themen“ an: Dreißig „Experten“ des Clusters sitzen in den folgenden drei Tagen in 15 Büros des Presse- und Informationsamtes und bieten Bürgerinnen und Bürgern 20-minütige Beratungen zu Themen an wie „Arbeit und Anerkennung“ (Sachbearbeiter: Axel Honneth), „Frauenbefreiung im Islam?“ (die Sachbearbeiterin ist, wie es sich für ein Amt gehört, zur Einsatzzeit leider erkrankt) oder „Krise der Euro-Integration“ (Sachbearbeiter: Florian Rödl).

Konkret sieht das so aus: Man zieht eine Nummer, bekommt einen Leitfaden mit Gesprächsregeln in die Hand gedrückt und wartet auf seinen Aufruf. Der erfolgt schnell, denn der Andrang ist nicht so groß wie erwartet. Also bleibt keine Zeit, sich zu entscheiden, ob man den Satz, mit dem das Gespräch angekündigt wird – „Die Experten geben Antworten auf alle Fragen, die modernes Leben und globalisierte Welt aufwerfen“ –, für anmaßend oder ironisch hält. Keine Zeit auch, sich zu fragen, wie in 20 Minuten ein „persönliches“ Gespräch zustande kommen und was überhaupt diese typisch akademische Hohlform von der „Umbruchsbewältigung“ soll. Doch als sich die Bürotür öffnet und die Zeit läuft, schwindet bei den meisten wahrscheinlich die Skepsis.

Natürlich kann die zugewiesene Expertin nicht in wenigen Minuten die aktuelle Situation in Ägypten erklären. Aber es stellen sich zum ersten Mal ganz dringlich zwei Fragen, denn sie müssen im Beratungsgespräch als solche formuliert werden: Um was für einen Umbruch handelt es sich bei diesem Thema und wo muss man selbst ihn bewältigen, an welcher Stelle betrifft er einen persönlich? Der Spieltrieb ist geweckt, und so ertappt sich selbst die skeptische Testperson gegen 23 Uhr als Nummer 48 schon beim dritten Beratungsgespräch und trifft auf den Gängen ähnlich Angefixte. Zum Beispiel den eigentlichen Presseamtsleiter, der eine Beratung in Sachen Postdemokratie gewünscht hatte, nun aber mit einem lateinamerikanischen Thema auch zufrieden war. Für einen Moment entsteht im Spiel eine Solidargemeinschaft zwischen „Experten“ und „Bürgern“ und die interkulturellen Grenzen zwischen akademischer und nicht akademischer Welt werden durchlässig.

„Gespräche sind soziale Situationen, ihre Herstellung ist per se politisch“, begründet Jan Deck, einer der Kuratoren, das Konzept für das „Amt für Umbruchsbewältigung“. Deck erklärt, dass das „Amt“ bei aller Verspieltheit auch die zunehmende Serviceorientierung von Ämtern und Universitäten und die Vernachlässigung der eigentlichen Aufträge dieser Institutionen kritisieren soll. Freilich bleibt ein Wermutstropfen, den der Kulturwissenschaflter Josph Vogl im Podiumsgespräch vor der Amtseröffnung formuliert hat: „Wenn sehr viele von Veränderung reden, passiert sehr wenig Veränderung.“

Auch das „Amt für Umbruchsbewältigung“ ist Teil einer Kultur des vorschnellen Antwortens statt echten Fragens, des Theoretisierens und ausweichenden Reflektierens. Umbruchsbewältigungsamtsleiter Klaus Günther, im echten Leben Rechtswissenschaftler und ebenfalls Sprecher des Clusters, gibt zu, dass solche Aktionen im Namen einer Öffnung der Wissenschaften auch von der eigentlichen Arbeit abhalten. Ein vager Impuls geht aber doch vom Stempel „Umbruchsberatung absolviert“ aus. Und sei es das Gefühl einer graduell erwärmten Atmosphäre, sei es, dass an diesem Abend einmal mehr der Wunsch bewusst geworden ist, den politischen und sozialen Lähmungserscheinungen einer als Umbruchszeit empfundenen Epoche mit kollektiven Akteuren und Aktionen zu begegnen. Im nächs-?ten Jahr könnte das Exzellenzcluster übrigens die Bürger fragen.



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