Schuld regiert die Welt

David Graeber

Im Dorf. Auf der Suche nach einem besseren Leben (Ausgabe II/2012)


Seit Jahrtausenden wird der Kampf zwischen Arm und Reich hauptsächlich als Konflikt zwischen Schuldnern und Gläubigern ausgetragen – in Ausein­andersetzungen über Recht und Unrecht von Zinszahlungen, von Schuldknechtschaft und Schuldenerlass, von Pfändungen und Zwangsenteignungen, von der Beschlagnahmung von Schafen und Weinbergen oder gar der Versklavung der Kinder eines Schuldners. Ebenso kam es in den letzten 5000 Jahren mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit immer wieder zu Volksaufständen, die alle auf die gleiche Weise begannen: mit der rituellen Zerstörung von festgeschriebenen Schulden, ob das Steintafeln, Papyri, Schuldscheine oder Journale waren. In den Wirren der jüngsten Wirtschaftskrise, im Laufe derer die grundlegenden Institutionen des kapitalistischen Systems kollabiert sind, sprach sich Umfragen zufolge eine überwältigende Mehrheit der US-Amerikaner – ungeachtet der wirtschaftlichen Folgen – gegen eine Rettung der Banken aus, wohl aber für eine Rettung der einfachen Bürger, die auf Ramschhypotheken hereingefallen waren. Ein erstaunliches Meinungsbild in einem Land, dessen Bürger schon zu Kolonialzeiten wenig Mitgefühl mit Schuldnern an den Tag legten. Damals war es üblich, die Ohren eines zahlungsunfähigen Schuldners für jeden sichtbar an einen Pfahl zu nageln. Die Vorstellung, es sei eine Frage der Moral, seine Schulden zu begleichen, ist in den USA tiefer verwurzelt als in fast jedem anderen Land – seltsam, waren die ersten amerikanischen Siedler doch häufig selbst auf der Flucht vor Gläubigern.

Trotz alledem weiß niemand so recht, was „Schulden“ eigentlich sind. Auf der Vielschichtigkeit dieses Begriffes und der damit verbundenen moralischen Verwirrung gründet sich seine Macht. Ein Blick in die Geschichte der Schulden zeigt, dass die meisten Menschen weltweit schon immer davon überzeugt waren, Schulden zurückzuzahlen sei eine simple moralische Pflicht. Andererseits gilt seit jeher als böse, wer regelmäßig Geld verleiht. In jüngster Zeit scheint jedoch erstere Annahme über letztere triumphiert zu haben, was wohl daran liegt, dass wir es tunlichst vermeiden, unsere sklavische Abhängigkeit von Gläubigern zu hinterfragen. Doch spätestens wenn wir den Sozialstaat opfern sollen, um unsere Schulden begleichen zu können, sollten wir uns fragen: Wem genau schulden wir eigentlich etwas? Und woher nehmen unsere Kreditgeber das viele Geld, das sie uns leihen? Fast immer, wenn derartige Fragen in Europa offen ausgesprochen wurden, kam es zu Tumulten. Diese heftigen Reaktionen zeigen, dass das Thema Schulden aus den hohen Sphären der Moral, in die es die transnationalen Institutionen gehoben haben, heruntergeholt werden muss, um wieder Teil der offenen politischen Debatte zu werden. In der Antike galten nicht die Schulden als heilig, sondern vielmehr die Macht, sie zu erlassen. Es scheint höchste Zeit zu sein für ein modernes Jubeljahr – im antiken Judentum ein Jahr des Schuldenerlasses –, in dem sowohl Verbraucherschulden als auch Staatsschulden getilgt und damit ein beträchtliches Maß an menschlichem Leid gelindert werden könnten. Gleichzeitig würde es uns auch daran erinnern, dass Geld nicht heilig und das Zurückzahlen von Schulden keine Frage der Moral ist. Vielmehr sind das Ver- und Entleihen Vereinbarungen, die von Menschen getroffen wurden, und wenn unsere Demokratie irgendeinen Sinn haben soll, dann doch den, dass wir gemeinsam beschließen können, neue Vereinbarungen zu treffen.

In Mesopotamien war um 2.400 vor unserer Zeitrechnung Wucher an der Tagesordnung. Amtspersonen oder Kaufleute gewährten Kleinbauern Darlehen. Konnten diese ihre Schulden nicht zurückzahlen, nahmen die Gläubiger ihnen ihre Besitztümer: zunächst Getreide, dann Ziegen und Möbel, dann Haus und Felder und schließlich selbst die Familienmitglieder. Auf die Diener folgten die Kinder, die Ehefrauen und am Ende sogar der Schuldner selbst. Sie wurden zu Arbeitssklaven, bis die Schulden beglichen waren. Doch die Gesellschaft drohte an dieser Praxis zu zerreißen: Fiel aus irgendeinem Grund die Ernte einmal schlecht aus, wurden große Teile der Bauernschaft zu Schuldknechten und verschuldete Bauern, die eine Enteignung fürchteten, verließen ihr Land.

Angesichts der Gefahr eines drohenden gesellschaftlichen Kollapses riefen die Könige Sumers und Babylons regelmäßig Generalamnestien aus. Alle privaten Schulden wurden für null und nichtig erklärt (Geschäftsschulden waren davon nicht betroffen), Grund und Boden gingen zurück an ihre ursprünglichen Besitzer und die Schuldknechte kehrten heim zu ihren Familien. Schon bald wurde es zur Gewohnheit, dass Könige bei der Thronbesteigung derartige Amnestien verkündeten – der Souverän sah sich im wahrsten Sinne des Wortes als Erneuerer der Gesellschaft, in dessen Macht es lag, alle bisherigen moralischen Verbindlichkeiten aufzuheben. Auf Sumerisch wurden solche Amnestien Freiheitserklärung genannt. Das sumerische Wort amargi ist die weltweit erste überlieferte Bezeichnung für den Begriff der Freiheit. Wörtlich bedeutet der Ausdruck „Rückkehr zur Mutter“, denn dazu berechtigte die Amnestie die befreiten Schuldknechte.

Wenn Ökonomen vom Ursprung des Geldes sprechen, erwähnen sie Schulden immer nur beiläufig am Rande: Zunächst kam der Tauschhandel, dann das Geld. Das Kreditwesen entwickelte sich erst später. Auch Bücher über die Geschichte des Geldes, egal ob aus Frankreich, Indien oder China, handeln meist von der Entwicklung des Münzgeldes und lassen das Kreditwesen fast völlig außen vor. Doch seit fast einem Jahrhundert weisen Anthropologen bereits darauf hin, dass diese Darstellung vollkommen falsch ist. Kreditsysteme, offene Rechnungen und sogar Spesenzahlungen existierten schon lange, bevor es Bargeld gab. Sie sind so alt wie die zivilisierte Welt selbst. In der Vergangenheit folgten Phasen, in denen Edelmetalle dominierten und Gold und Silber als Zahlungsmittel betrachtet wurden, immer wieder auf Phasen, in denen Geld als abstrakter Wert galt, als virtuelle Recheneinheit. Die Standardversion der Geschichte des Geldes hat nur wenig mit der Wirklichkeit des Wirtschaftslebens an realen Marktplätzen und in realen Gemeinschaften gemein, in denen wahrscheinlich jeder bei jedem auf mannigfache Art in der Schuld steht und die meisten Transaktionen ohne irgendeine Art von Währung vonstattengehen. Diese Diskrepanz hängt zum Teil mit der historischen Beweislage zusammen: Antike Münzen werden durch Archäologen dokumentiert und datiert, antike Kreditvereinbarungen für gewöhnlich nicht. Doch das eigentliche Problem reicht tiefer. Ökonomen nehmen gewissermaßen seit jeher Anstoß an der Existenz von Kreditsystemen und Schulden, weil kaum davon auszugehen ist, dass das Ver- oder Entleihen von Geld immer auf der Grundlage rein „wirtschaftlicher“  Überlegungen geschieht – so ist es etwas anderes, einem Fremden Geld zu leihen, als einem Cousin etwas zu borgen. Deshalb lassen sie die Geschichte des Geldes in einer imaginären Welt beginnen, aus der Kredite und Schulden komplett ausradiert wurden: Es war einmal der Tauschhandel. Er war kompliziert. Deshalb erfanden die Menschen das Geld. Danach entwickelte sich das Banken- und Kreditwesen. Die logische Vorstellung von einer unaufhaltsamen Entwicklung der Menschheit vom Mammutzähne tauschenden Steinzeitmenschen hin zum Manager komplexer Finanzinstrumente hat sich allgemein durchgesetzt.

Dank Aufzeichnungen aus dem alten Ägypten und Mesopotamien – die erst nach Adam Smith entdeckt wurden, für den die Wirtschaftsgeschichte mit Homer begann – wissen wir jedoch nun, dass Kreditsysteme (heute als virtuelles Geld bezeichnet) der Erfindung von Münzgeld Tausende von Jahren vorausgingen. Geld wurde von Bürokraten erschaffen. Es ermöglichte ihnen, den Verbleib von Staatsmitteln nachzuvollziehen. Bargeld verbreitete sich ungleichmäßig und hat Kreditvereinbarungen nie vollständig ersetzt. Der Tauschhandel wiederum ist in erster Linie ein unbeabsichtigtes Nebenprodukt der Verwendung von Münz- und Papiergeld, ein Notbehelf für Menschen, die in Systemen der Geldwirtschaft leben, aber aus irgendeinem Grund keinen Zugang zu Bargeld haben.

Woher nahmen die frühen Nationalstaaten eigentlich das Recht, Steuern einzutreiben? Heute scheinen wir die Antwort auf diese Frage zu kennen: Wir zahlen Steuern, damit der Staat Leistungen erbringen kann, angefangen beim militärischen Schutz. Diese Übereinkunft soll auf einen ursprünglichen Gesellschaftsvertrag zurückgehen. Allerdings weiß niemand so genau, wer ihn wann abgeschlossen hat und warum die Entscheidungen entfernter Vorfahren in dieser einen Sache für uns bindend sein sollten, wenn sie es doch in so vielen anderen Dingen nicht sind.

Eine alternative Erklärung bietet die Theorie der ursprünglichen Schuld, ein hauptsächlich in Frankreich von Ökonomen, Anthropologen, Historikern und Altphilologen entwickelter Denkansatz, der sich auf Michel Agliettas und André Orléans „La violence de la monnaie“ (1992) stützt. Seine Anhänger sind davon überzeugt, dass die Geldpolitik nicht losgelöst von der Sozialpolitik betrachtet werden kann, da beide schon immer eng miteinander verflochten waren. Regierungen schöpfen aus Steuern Geld. Dies ist ihnen möglich, weil sie zu den Hütern der Schulden aller Bürger untereinander geworden sind, die die Grundlage unserer Gesellschaft bilden. Ursprünglich, so die Theorie, stammt dieses Verständnis von Schulden nicht aus der Politik, sondern aus der Religion. Die ältes-ten überlieferten Gedanken zum Wesen der Schulden finden sich in den Hymnen, Gebeten und Gedichten der Veden und Brahmanas, der religiösen Schriften des Hinduismus, in denen Schulden mit Schuld und Sünde gleichgesetzt werden. In den Kommentaren zu den Brahmanas heißt es, allein durch seine Existenz habe der Mensch bereits Schulden auf sich geladen: Ein Menschenleben ist eine abzuzahlende Schuld. Der Mensch ist geboren, um zu sterben, und kann sich nur durch Opfer vom Tod freikaufen. In zwei berühmten Passagen der Brahmanas wird betont, dass wir nicht nur mit Schulden gegenüber den Göttern geboren werden (die wir durch Opfer begleichen müssen), sondern auch gegenüber den Schöpfern der Veden (die wir durch deren Studium begleichen müssen), gegenüber unseren Ahnen (die wir durch Kinder begleichen müssen) und nicht zuletzt gegenüber der gesamten Menschheit (die wir durch Gastfreundschaft gegenüber Fremden begleichen müssen).

August Comte war es, der erstmalig in seinem letzten Werk „Katechismus der positiven Religion“ (im Original von 1852) explizit formulierte, dass jeder Mensch der Gesellschaft, die seine Existenz erst ermöglicht, etwas schuldet. Nach ihm haben wir schon unendlich viele Schulden angesammelt, bevor wir überhaupt darüber nachdenken können, sie zurückzuzahlen. Und ist dieser Zeitpunkt erst einmal erreicht, ist es bereits unmöglich, zu ermitteln, wem wir was schulden. Der einzige Weg, unsere Schuld zu tilgen, ist somit der Dienst an der Menschheit.

Aus Comtes Konzept, nach dem jeder Einzelne der Gesellschaft maßlos verpflichtet ist, hat sich der Begriff der sozialen Schuld herausgebildet, der von Sozialreformern und letztendlich Sozialpolitikern in weiten Teilen Europas und anderswo aufgegriffen wurde. Letztlich rechtfertigen Theorien existenzieller Schuld immer autoritäre Strukturen – oder dienen gar dazu, diese einzufordern. Eigentlich verbirgt sich hinter dem Konzept der ursprünglichen Schuld eine absolute Glorifizierung der Nation. Früher schuldeten wir unser Leben den Göttern, die uns erschufen, zahlten unsere Zinsen mit Tieropfern und beglichen die ursprüngliche Schuld schließlich mit unserem Leben. Heute schulden wir unser Leben der Nation, die uns geformt hat, zahlen unsere Zinsen mit Steuern und begleichen die ursprüngliche Schuld mit unserem Leben, wenn es an der Zeit ist, die Nation gegen Feinde zu verteidigen. Hierin besteht eine der großen Tücken des 20. Jahrhunderts: Der Logik des Marktes zufolge sind wir uns gegenseitig gar nichts schuldig. Der Logik des Staates zufolge werden wir jedoch mit Schulden geboren, die wir niemals vollständig zurückzahlen können. In Wirklichkeit ist dieser Gegensatz falsch, denn Staaten schaffen Märkte und Märkte benötigen Staaten. Keiner könnte ohne den anderen existieren.

Die eigentliche Maxime unserer individualistischen Gesellschaft könnte man wie folgt ausdrücken: Auf uns allen lasten zahllose Schulden – gegenüber der Menschheit, der Natur, dem Kosmos, oder wie auch immer wir es nennen wollen, aber niemand kann uns sagen, wie wir sie zurückzahlen könnten. Jedes auf Autorität beruhende System  – Religion, Moral, Politik, Wirtschaft, Justiz – erweist sich letztlich als zweifelhafter Versuch, etwas aufzurechnen, was nicht berechnet werden kann. Freiheit bedeutete dann also, dass jeder für sich entscheiden kann, wie er seine Schulden begleicht.

Wie wurde uns eingebläut, dass uns das Aufkommen virtuellen Geldes, also die Metamorphose von Barem in Plastikkärtchen und elektronische Signale, in eine beispiellose Finanzwelt befördert hat, mit der wir absolutes Neuland betreten haben! Genau diese Behauptung hat es Goldman Sachs, AIG und Konsorten so leicht gemacht, die Menschen davon zu überzeugen, dass jeder Versuch, ihre neuen spektakulären Finanzinstrumente zu verstehen oder gar zu regulieren, aussichtslos bleiben müsste. Doch wenn man sich einmal eingehender mit der Geschichte beschäftigt, wird deutlich, dass die Vorherrschaft virtuellen Geldes nichts Neues ist – sowohl die mesopotamischen Bürokraten als auch frühe muslimische Händler würden dieses Prinzip wiedererkennen.

Wir müssen endlich verstehen, was den Philosophen zu Zeiten des Mittelalters von Italien über Indien bis nach China bereits absolut klar war: Geld ist kein Sachwert und es ist ganz sicher keine knappe Ressource. Geld ist ein Versprechen. Und dieses Versprechen lösen wir ein, wenn es um diejenigen geht, die wir wertschätzen, andernfalls brechen wir es. In Griechenland, Irland, Portugal und Spanien werden Staatsbankrotte immer wahrscheinlicher. Doch was passiert, wenn es so weit kommt? Einige Versprechen werden wohl eingelöst, andere gebrochen. Wie wir täglich von der Politik lernen, ist es selten möglich, seinem Wort absolut treu zu bleiben. Doch wenn Versprechen gegenüber gesetzlichen Abstraktionen den Vorzug genießen vor Versprechen gegenüber denjenigen, die immer noch gelegentlich – ob nun zärtlich oder zynisch – als das Volk bezeichnet werden, sollten wir uns fragen, warum unser Regierungssystem immer noch als Demokratie gilt.

Aus dem Englischen von Hanna Schüssler

Der vorliegende Text ist die gekürzte Fassung eines Essays, der zuerst im US-amerikanischen Internetmagazin Triple Canopy erschien. Er basiert auf Auszügen aus David Graebers Buch „Schulden. Die ersten 5.000 Jahre“ (erscheint bei Klett-Cotta, Stuttgart, Mai 2012).



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