Kommen und Gehen

von Ronald Grätz

Brasilien: alles drin (Ausgabe I/2013)


Im Januar 1955 bestiegen in Hamburg zwei junge Ehepaare aus Hamborn bei Duisburg und Bocholt, Westfalen, das Schiff "Rio Tunuyan". Gerhard und Rita Grätz (mein Vater und meine Mutter) und Irene und Rolf Schmitz (meine Tante und mein Onkel) wollten in Brasilien, im "Land der Zukunft", den Traum verwirklichen, es in einigen Jahrzehnten vom Tellerwäscher zumindest zu ansehnlichem Wohlstand zu bringen. Danach - so lautete ihr Plan - wollten sie wieder zurückkehren, um einen schönen Lebensabend in Deutschland zu verbringen.

Brasilien war damals ein magisch-exotisches Paradies, ein großes Versprechen, ein Land unbegrenzter Möglichkeiten. Die beiden Ehepaare aus Deutschland gründeten in Bom Retiro, dem Viertel der Libanesen und der jüdischen Einwanderer in São Paulo, eine Fabrik für Verpackungsmaschinen, die GEROPAC. Hundert Arbeiter und Angestellte hatten sie am Ende und etliche Patente, unter anderem das auf die Verpackung des vielleicht berühmtesten brasilianischen Bonbons "Sonho de Valsa" ("Walzertraum"), einer etwa tischtennisballgroßen Kakaomasse in Waffelhülle mit Schokoladenüberzug. Man bekommt sie einzeln oder auch in der Fünf-Kilo-Packung an jeder Ecke.

Da jedoch Umsatz nicht Gewinn ist, war an ein Wohnen in einem Viertel mit asphaltierten Straßen nicht zu denken. Die beiden Ehepaare lebten in Brooklin Paulista, dem Stadtteil der Deutschen, genauer im Viertel Jardim Carmen (Carmen-Garten). Den Plan, für ihre letzten Lebensjahre wieder nach Deutschland zurückzukehren, konnten sich beide nicht erfüllen: Mangels medizinischer Versorgung starb erst mein Vater, 20 Jahre später mein Onkel. Ihr Lebenswerk, die Fabrik, musste verkauft werden. Zurück blieb der Eindruck, dass sie gescheitert waren in einem Land, das wenig von dem hielt, was es versprochen hatte.

Es kamen auch andere Deutsche, nach 1945 auch Alt-Nazis, unter ihnen Josef Mengele, der perverse "Schlächter von Auschwitz". Er wurde vom "Kameradenwerk" und Freunden jahrzehntelang versteckt und ertrank 1979 bei einem Badeunfall im Meer bei Bertioga in der Nähe von São Paulo. Er wurde in dem nahen Ausflugsort Embu begraben.

Im Jahr 1960 blickte São Paulo schon auf vier Jahrhunderte der Einwanderung zurück: In den ersten 30 Jahren nach ihrer Gründung im 16. Jahrhundert kamen überwiegend portugiesische Einwanderer und Sklaven aus Afrika in die Stadt. Der Kaffeeboom Mitte des 19.?Jahrhunderts und die Befreiung der Sklaven 1888 sowie eine offene Einwanderungspolitik bis Anfang des 20.Jahrhunderts brachte neben Portugiesen, Italienern, Deutschen und Libanesen auch Türken, Spanier und Syrer ins Land und nach São Paulo. Liberdade ("Freiheit") ist das Viertel der Asiaten, vornehmlich der Japaner, aber auch der Koreaner, Bela Vista ("Schöne Aussicht"), auch "Bexiga" genannt, das Gebiet der Italiener, in Bom Retiro siedelten die Libanesen und Juden aus mehreren europäischen Ländern und in Brooklin Paulista und Santo Amaro die Deutschen. Die meisten der elf Millionen Einwohner São Paulos sind italienischer Abstammung, etwa sechs Millionen, gefolgt von den rund drei Millionen Portugiesen, einer halben Million Japaner (der größten Anzahl Japaner in einer Stadt außerhalb Japans) und den Deutschen. Russen, Griechen, Skandinavier - von überallher kamen sie und verschwanden in der Stadt.

Seit Mitte des 20.?Jahrhunderts kamen dann vor allem Binnenzuwanderer aus dem Nordosten Brasiliens, die der Dürre und dem Hunger des Sertão (einer Halbwüste) entfliehen wollten und am Stadtgürtel siedelten. Graciliano Ramos hat 1938 dieser Bewegung, die ein brasilianischer Mythos wurde, in seinem Roman "Vidas Secas" ("Karges Leben") ein eindrucksvolles Denkmal gesetzt.

Am Anfang der Rua 13 de Maio in der Bexiga liegt das italienische Restaurant "Speranza". In den 1950er-Jahren kam die aus Italien stammende Familie Ta­rallo, regiert von Dona Speranza, einer wirklichen "Mamma" aus Neapel, nach São Paulo. Das Restaurant wurde eine Institution, der Tortano (ein Brot mit eingebackenen Wurststückchen) ein Muss unddie Pizza gilt noch immer als eine der besten der Stadt. Italien hatte einen besonders ausgeprägten Einfluss auf Essen und Gebräuche. Die Esskultur sichern Hunderte italienische "cantinas" (Restaurants), viele Feste und Gebräuche erinnern an Neapel, etwa das traditionelle Fest zu Ehren des San Gennaro im Stadtteil Mooca. Und die Musik hat hier ein wichtiges Zuhause - so finden sich viele Musikkneipen in Bela Vista. Die Deutschen waren und sind handels- und industrieorientiert, die Araber oft im Stoffhandel tätig. Die Japaner wiederum bestimmen die Landwirtschaft und die Straßenmärkte und brachten eines der heutigen brasilianischen Nationalgerichte mit. "Pastel" heißt die Teigtasche, die mit verschiedenen würzigen Füllungen in heißem Fett gewendet wird, bis sie zu einem eckigen Ballon aufgeht. Es gibt sie überall zu kaufen.

Ganz in der Nähe der Praça da Liberdade befindet sich eine kleine katholische Kirche, aus deren Keller es penetrant verbrannt riecht. Steigt man in die kleine Katakombe hinab, brennen Tausende Kerzen, oft zu Bündeln von zehn oder zwanzig geschnürt, in Becken vor sich hin. Ohne genügend Abzug hängt ein schwarzer Schleier verbrannten Wachses in den Räumen. Je inniger der Glaube, desto mehr Kerzen werden von den Gläubigen angezündet. Auf der Straßenseite gegenüber der Kirche schreit sich ein selbst ernannter Prediger die Kehle aus dem Leib, er weint und warnt, versöhnt und spendet Hoffnung. Und in der alten Fabrikhalle nebenan, die nur notdürftig getüncht wurde, stehen Dutzende Menschen und beten vor blanken Holzbänken.

Es gibt wenig Geschichte in einer Stadt, die sich selbst ständig verändert. Als Claude Lévi-Strauss 1935 nach São Paulo kam, nannte er die Stadt "ein System ohne zeitliche Dimension, wie jene amerikanischen Städte, die gebaut wurden, um sich mit derselben Geschwindigkeit wieder zu erneuern, mit der sie errichtet wurden". Auch Migrantenviertel erneuern sich. Die jüdischen Einwanderer haben die Spanier aus Bom Retiro verdrängt. Jetzt kommen die Koreaner mit Macht. "Die typischen Merkmale eines Viertels überdauern im Durchschnitt 20 Jahre, dann wird alles anders", schreibt der Schriftsteller Ignacio de Loyola Brandão.

Die Assimilation der Einwanderer erfolgt rasch. Brasilien hat in diesem Sinne viel mit den USA gemein - und São Paulo mit New York. Die Bevölkerung besteht im Grunde nur aus Einwanderern, hier wie dort erhalten alle, die dort geboren werden, automatisch Pass und Staatsangehörigkeit. Ob der "American way of life" oder die "Brasilidade" (das Brasilianer-Sein): Beide Länder erzeugen ein hohes Identifikationspotenzial bei Einwanderern und ihren Nachkommen. Hier wie dort ist die Flagge allgegenwärtig, von den Badelatschen bis zum Golfball, vom Strandhandtuch bis zur Verzierung der klassizistischen Fassade der Börse. Englisch und Portugiesisch sind die eindeutig dominierenden Sprachen unter den Einwanderern: "Sprich Deutsch!", "Sprich Italienisch!", "Sprich Japanisch!" bleiben oft vergebliche Mahnungen der Eltern. Beide Länder sind Versprechen und so, wie es hier wie dort die schönsten und wunderbarsten Dinge gibt, gibt es hier wie dort auch die schlechtesten und furchtbarsten.

"Don't think of New York as something you will ever understand. Think of it as something that can only be loved", heißt es in der amerikanischen Metropole. Das gilt in gleicher Weise für São Paulo - doch ein bisschen kann man São Paulo verstehen, eben durch seine Einwanderungsgeschichte. Es gab auch diejenigen, die Millionäre wurden, die Familie Martinelli etwa, die 1929 den ersten Wolkenkratzer São Paulos bauen ließ, oder die Matarazzos, die Ende des 19. Jahrhunderts kamen und zu den Rockefellers Brasiliens wurden. Da wurde das Versprechen gehalten. Aber es geschah selten.



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