„Ausdruck von Humanität“

Monika Grütters

Im Dorf. Auf der Suche nach einem besseren Leben (Ausgabe II/2012)


Nationale Identität erwächst vor allem aus dem Kulturleben eines Landes. Dazu gehört nicht allein das kulturelle Erbe vergangener Zeiten, so eindrucksvoll und schützenswert unser Kulturerbe auch ist. Dazu gehört vor allem das Neue, die Avantgarde. Damit diese möglich wird, gibt es als Grundlage staatlicher Daseinsfürsorge für Kultur und Wissenschaft bei uns in Deutschland den Artikel 5, Absatz 3 des Grundgesetzes: „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“ Dies aber können sie nur sein, wenn der Staat ihre Freiheiten schützt, sie unabhängig macht von Zeitgeist und Geldgebern. Kunst und Kultur brauchen Freiraum, um sich entfalten zu können.

Obwohl Länder, Kommunen und der Bund insgesamt nur circa 1,7 Prozent der Steuern für Kultur aufwenden, ist Deutschland, das Land der Dichter und Denker, nach wie vor das Land mit der höchsten Theaterdichte der Welt; das gilt ebenso für die Museen, Orchester, Literaturhäuser, Archive, Bibliotheken, Festivals. 113 Millionen Menschen besuchten 2010 deutsche Museen – zehnmal so viele Gäste, wie alle Bundesligaspiele einer Saison Besucher hatten. Fast die Hälfte aller professionellen Orchester der Welt spielen auf deutschem Boden. Gut 31,1 Millionen Theaterbegeisterte besuchen pro Spielzeit die Aufführungen der 888 Bühnen in Deutschland. Auf 1000 Einwohner kommt eine Erstausgabe deutscher Verlage und nie waren mehr Personen in der Kultur und Kreativwirtschaft beschäftigt als heute.

Diese staatliche Fürsorge für die Freiheit der Kultur in Deutschland, die mit dem Mut zum Experiment auch immer das Risiko des Scheiterns in Kauf nimmt, dafür aber auch immer wieder weltweit beachtete Leistungen ermöglicht hat, dieses hartnäckige Engagement für die Künste hat entscheidenden Anteil am hohen Ansehen Deutschlands in der Welt. Jährlich stehen darüber hinaus für die Auslandskulturarbeit circa 760 Millionen Euro zur Verfügung. So sollen Begegnungen und Austauschprozesse zwischen den kulturellen Milieus im In- und Ausland intensiviert werden. Mit einem weitverzweigten Netzwerk an Mittlerorganisationen ist Deutschland weltweit aktiv: dem Goethe-Institut, dem Institut für Auslandsbeziehungen und dem DAAD mit seinem weltweiten Lektorennetz und dem Berliner Künstlerprogramm. Gemäß unserem Kulturverständnis verbreiten wir auch im Ausland Werte wie Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Toleranz. Mit diesen Werten hat die Kultur noch jedes politische (Unrechts-)System auf der Welt überlebt.

In China haben drei deutsche Museumszentren im letzten Jahr die große Ausstellung zur „Kunst der Aufklärung“ im neuen Chinesischen Nationalmuseum auf dem Platz des Himmlischen Friedens eröffnet. Kurz drauf wurde Ai Weiwei, Chinas wohl berühmtester Künstler, vor den Augen der Welt verhaftet. Damals sahen wir Kulturpolitiker uns Vorwürfen ausgesetzt, wir seien naiv, degradierten uns mit Großprojekten wie dieser Ausstellung zur Dekoration totalitärer Regime, und das alles im Zweifelsfall der wirtschaftlichen Interessen wegen. Doch gerade diese unsere Museumspolitik steht im Dienst der Menschenrechte. Erreichen wollen wir mit unserer Auswärtigen Kulturpolitik nicht die Administration, die Politik oder deren Funktionäre, sondern die Zivilgesellschaft – die Menschen.

Wie groß die Kraft der Kultur ist, haben die chinesischen Funktionäre genau dadurch demonstriert, dass sie gerade einen Künstler seiner Freiheit beraubten. Wir sind nicht so naiv, zu glauben, dass wir auch nur einem einzigen Funktionär den Kopf verdrehen könnten, aber für Menschen, die unter den Restriktionen leiden, sind derartige Angebote oft ein Hoffnungsschimmer. Daher gilt jetzt mehr denn je, auch und nicht zuletzt in China: Haltung bewahren. Einen trotzigen Abbruch der Ausstellung in Peking habe ich damals abgelehnt. Denn einen Wettlauf der Rigorismen haben wir alle nicht nötig. Eine Schließung hätte keinen chinesischen Funktionär beeindruckt und schon gar nicht zur Freilassung Ai Weiweis geführt, sondern nur die Menschen der Möglichkeit, freiheitlichen und demokratischen Werten zu begegnen, beraubt. Denn wer Ateliers verwüstet, verwüstet auch die Seele der Menschen.

Gerade in hermetischen Gesellschaften erreichen wir die betroffene Zivilgesellschaft über unser Kulturengagement am besten: in Nordkorea etwa mit einem Lesesaal, in Afghanistan mit Mädchenschulen. In Vietnam haben wir den „Parzival“-Mythos neu erzählt, in China waren wir vor zwölf Jahren die erste Nation, die ein Kulturinstitut eröffnen konnte, heute sind wir die einzigen, die zwei haben.

Mit dem Prinzip „Wandel durch Annäherung“ haben wir über die Kultur weit mehr erreicht als die Politik, die Wirtschaft, die Diplomatie. Kultur ist eben kein dekorativer Luxus, sondern ein menschliches Grundbedürfnis. Sie ist nicht nur ein Standortfaktor, sondern sie ist Ausdruck von Humanität. Wir brauchen diese nachhaltigen Verbindungen, diese Netzwerke in den meinungsbildenden Milieus der verschiedenen Gesellschaften zur Stärkung des interkulturellen Dialogs – denn Kunst und Kultur, das sind die entscheidenden Schrittmacher moderner Gesellschaften.



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