„Oberflächliche Eindrücke“

von Roald Maliangkay

Im Dorf. Auf der Suche nach einem besseren Leben (Ausgabe II/2012)


Kaum ein anderes Land kann von sich behaupten, mit seinen kulturellen Produkten im vergangenen Jahrzehnt so viel Einfluss auf andere gehabt zu haben wie Südkorea. In ganz Asien fiebern Konsumenten nach TV-Dramen, Popmusik und Mode aus Südkorea und selbst in westlichen Ländern mit großen asiatischen Einwanderergruppen ist dieser Trend spürbar. Koreanische Politiker teilen unisono die Ansicht, dass der große Erfolg koreanischer Popkultur sich positiv auf die diplomatischen Beziehungen ihres Landes auswirke. Um den größtmöglichen Effekt aus der sogenannten „koreanischen Welle“ zu ziehen, hat die Regierung überall in der Welt kulturelle Zentren eröffnet. Doch bislang gibt es keinen Beweis dafür, dass die große Leidenschaft für koreanische Popkultur ein mehr als nur oberflächliches Interesse am Land geweckt hat.

Der amerikanische Politologe Joseph Nye hat warnend darauf hingewiesen, dass der Konsum von kulturellen Gütern nicht gleichzusetzen sei mit der vollen Akzeptanz einer Kultur – so wie diejenigen, die gerne amerikanisches Fast Food essen, nicht unbedingt die USA mögen müssen. Ein besseres Verständnis der Assoziationen, die mit bestimmten kulturellen Produkten im Hinblick auf ihre Herkunftskultur oder vermeintliche Herkunftskultur verknüpft sind, wäre für Hersteller, Politiker oder Bildungseinrichtungen sehr hilfreich. Mit der kulturellen Wirkungsmacht eines Landes ist aber meist nur der oberflächliche Eindruck gemeint, den es bei anderen mit seinen Kulturgütern hinterlässt, ein grobes Bild, bei dem man in der Vergangenheit schon oft danebenlag und das irgendwie zu Stillstand führt.

Politiker sprechen sich im Zusammenhang mit den vermuteten Wirkungen, die ihre Kultur im Ausland erziele, oft für mehr Förderung aus und unterschlagen dabei den Nutzen, den Außenkulturpolitik ihnen als Imagegewinn auch im Heimatland  bringt. Gerne stellt man im Ausland allseits bekannte kulturelle Leistungen in den Vordergrund, deren vermittelte Werte durchaus wichtig sein mögen. Doch mit Demokratie oder der Achtung von Menschenrechten allein kann man in Ländern, die über ein Rechtssystem verfügen und Verbrechen verfolgen, kaum Wirkung erzielen. Das gelingt einer Kultur nur, wenn sie mit etwas Einzigartigem aufwarten kann, etwas, das andere wollen, ohne dass sie es selbst einfach nachahmen können.

Ein wichtiger Faktor kultureller Stärke ist die Bereitschaft einer Nation, mit anderen über Differenzen zu verhandeln. Kulturelle Stärke ist letztendlich von Kommunikation abhängig, vom Erreichen des anderen. Technologie und Wirtschaftsmacht sind dabei von Nutzen, denn ohne sie kann man andere nicht zwingen, Notiz von einem Land zu nehmen. Als Joseph Nye 2009 über Südkoreas Außenwahrnehmung nachdachte, räumte er zwar den Erfolg der koreanischen Welle ein, sah das Image des Landes jedoch sehr viel stärker vom wirtschaftlichen und politischen Erfolg geprägt.

Eine friedvolle Historie sowie kulturelle Nähe zu anderen sind weitere wichtige Faktoren, die sich auf die Wirkmöglichkeiten einer nationalen Kultur auswirken können. So wird die Anziehungskraft japanischer Kultur in China noch immer durch die Erinnerung an Japans Aggressionen in der ersten Hälfte des Jahrhunderts und die Unwilligkeit, sich dafür zu entschuldigen, gedämpft. Das koreanische TV-Drama dagegen hat es leicht in China, denn es behandelt historische Themen und Ereignisse, die beide Nationen gleichermaßen bewegt und beeinflusst haben.

In ganz Asien muss sich erst noch zeigen, ob die Fans mehr als nur ein flüchtiges Interesse an Südkorea entwickelt haben. Solange sich ein positives Image nutzen lässt, um bestimmte politische Ziele zu erreichen, werden Politiker kaum eine Notwendigkeit sehen, die Außenwahrnehmung ihres Landes zu korrigieren oder zu verkomplizieren, auch wenn möglicherweise die Darstellung der Nation zu kurz greift oder sogar falsch ist. Eine Untersuchung der mit bestimmten Kulturgütern verknüpften Assoziationen über die wahrgenommenen Herkunftsländer könnte wichtige Erkenntnisse zu Wirkungsmöglichkeiten liefern. Es könnte sich dabei auch herausstellen, dass der kulturelle Austausch und der Export von Kulturgütern in den Sphären der Diplomatie kaum Wirkung zeigt, weil er lediglich festgefahrene Bilder transportiert.

Aus dem Englischen von Karola Klatt



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