„Mensch sein – dort, wo man ist“

Dominique Mercy

Im Dorf. Auf der Suche nach einem besseren Leben (Ausgabe II/2012)


Unser Tanztheater war etwas so Neues, dass das Wuppertaler Publikum, das an klassisches Ballett gewöhnt war, damit nichts anfangen konnte. Aber schon bei unseren ersten Tourneen Ende der 1970er-Jahre nach Paris, Südostasien und später nach New York hatten wir Erfolg. Die Reaktionen hingen allerdings auch von den Stücken ab: In Madrid tanzten wir 1998 in der ersten Woche „Iphigenie auf Tauris“ und es war ein Riesenerfolg, danach tanzten wir „Nelken“ und es gab Buhrufe. Meistens haben wir heute das Glück, warm empfangen zu werden, egal wohin wir fahren.

Sie haben immer wieder sogenannte Reisestücke von Ihren Tourneen mit zurückgebracht. Wie kam es dazu?

Das erste Reisestück war die Koproduktion „Viktor“. Sie entstand 1986 auf Wunsch des Teatros Argentina in Rom. Seither sind wir immer wieder eingeladen worden: nach Hongkong, Lissabon, Istanbul oder São Paulo. Durch diese Einladungen gingen Türen zu Ländern auf: Meistens blieben wir zwei bis drei Wochen und hatten viele Begegnungen. Nicht nur mit den Leuten im Theater, sondern vor allem mit den Städten selbst.

Wollten Sie gezielt ein Stück über ein anderes Land machen oder haben Sie sich frei inspirieren lassen?

Die Reise war der Ausgangspunkt, um in einen kreativen Prozess überzugehen. Die Motivation war natürlich, dass ein Stück entsteht, aber nicht als direktes Abbild von dem, was wir dort gesehen haben. Wir haben uns der Stadt ausgeliefert, versucht, die Antennen aufzustellen, um so viel wie möglich zu erleben und zu empfinden. Es ging darum, unsere Eindrücke zu übersetzen. Für Pina war es wichtig, dass wir gleich vor Ort unsere Impressionen testeten. Sie hat auf Reisen schon mit den Proben und ihren Fragen an uns begonnen.

Können Sie ein Beispiel geben?

In „Viktor“ spiele ich eine respekteinflößende alte Frau, die gebückt auf einen Stock gestützt geht. Das ist eine Figur, die ich in Rom auf der Straße gesehen habe. Pina hat mich gebeten, damit tänzerisch zu spielen, und sie ist im Stück geblieben. Es ist immer eine Mischung von verschiedenen Dingen: Manche sind simpel und konkret und andere führen weiter.

Das Japanstück „Ten Chi“ hat tatsächlich ganz woanders hingeführt: Es geht darin viel eher um Mann und Frau und die Frage, wie man sich einander annähert. Ist der Eindruck richtig?

Unser Interesse war nicht, etwas über ein bestimmtes Land zu erzählen. Pina bezog ihre Fragen nicht auf den konkreten Ort, sondern auf Menschen: Was bedeutet es, Mensch zu sein, dort, wo man sich befindet? Warum ist man traurig, warum lacht man, warum verliebt man sich? Das sind Fragen, die immer und überall wiederkehren.

In „Ten Chi“ wird auch die Fotografierwut der Japaner parodiert. Waren Sie sich der Gefahr bewusst, in Klischees zu verfallen?

Das spielte für uns keine Rolle. Pina hat sich gewünscht, dass wir zeigten, was uns in den Sinn kam. Und sie hat das dann sortiert. Sie war genial darin, in dem Einfachen, dem Unbewussten etwas zu erkennen.

Seit Pina Bauschs Tod vor knapp drei Jahren ist kein neues Stück mehr entstanden. Die Truppe geht aber weiter auf Tournee. Wollen Sie wieder ein Reisestück mitbringen?

Für ein neues Stück bräuchten wir einen Choreografen. Robert Sturm und ich haben nur die künstlerische Leitung übernommen. Wir empfinden es als unsere erste Pflicht, Pinas Repertoire zu pflegen. Die Stücke sind Teil unseres Lebens.

Das Interview führte Antje Landmann



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