Im Osten was Neues

von Katrin Hillgruber

Im Dorf. Auf der Suche nach einem besseren Leben (Ausgabe II/2012)


Auf einmal ist es da, das weiche polnische Ł mit seinem Schrägstrich. Als Anfang Februar Polens berühmteste Dichterin Wisława Szymborska im Alter von 88 Jahren starb, bewegte ihr Tod das ganze Land. Premierminister Bronislaw Komoroski bezeichnet sie als dessen „guter Geist“. Gut ein Jahr zuvor hatte er der öffentlichkeitsscheuen Literatur-Nobelpreisträgerin im Krakauer Wawel, der einstigen Königsresidenz, die höchste polnische Auszeichnung verliehen – den Orden des Weißen Adlers. Ausgerechnet „Wystarcy“, „Es reicht“, heißt ihr letzter Gedichtband.

Auch in Deutschland war die Trauer um jene Frau groß, die einmal mit der ihr eigenen kristallinen (Selbst-)Ironie bemerkte, „mit der Beschreibung der Wolken müsst’ ich mich sehr beeilen“. Diese luftige Unmöglichkeit kennzeichnete vortrefflich die Haltung einer Frau, die die „Welt im Konjunktiv“ sah, wie der Literaturkritiker Jerzy Kwiatkowski einst schrieb. In einem Land, in dem man statt „Wie geht es Ihnen?“ „Wie fliegen Sie?“ fragt, wie der Futurist Stanislaw Lem in einem Interview betonte, ist der Freiheitsdrang seiner Bewohner ausgeprägt; nicht zuletzt diesen Geist verkörperte die Krakauer Dichterin. Hierzulande hatte sie vor allem ihr Übersetzer Karl Dedecius ab 1959 mit seiner Lyrik-Anthologie „Lektionen der Stille“ bekannt gemacht, dem Grundstein für die wirkmächtige Polnische Bibliothek. Nachrufe auf Wisława Szymborska erschienen in allen größeren deutschen Tageszeitungen – und siehe da: Im Gegensatz zu früher achteten die Redaktionen stärker auf die richtige Schreibweise des Polnischen inklusive Sonderzeichen. Wisława darf Wisława bleiben und wird nicht zu einem hart klingenden „Wislawa“.

So traurig dieser Anlass auch war, er signalisiert eine allgemeine Tendenz: dass die Zeit reif ist für eine neue Sensibilität und unvoreingenommene Zugewandtheit in den deutsch-polnischen Beziehungen. Von einem „neuen Narrativ“ spricht auch die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit und widmet sich auf einem Symposium zu ihrem 20. Jubiläum im Oktober 2011 sogar der „Übertragbarkeit der deutsch-polnischen Praxis im internationalen Kontext“. Zusammenarbeit als ideelle Transferleistung: Der Warschauer Historiker Adam Daniel Rotfeld beispielsweise stellte die deutsch-polnische Entente bei dieser Gelegenheit als Vorbild für die Bewältigung von Stereotypen zwischen Polen und Russland dar. Es ging aber auch um die Lösung exotischerer Nachbarschaftsverwerfungen, von Polen/Litauen bis nach Fernost. Für Janusz Reiter, den früheren polnischen Botschafter in Deutschland, sind einstige Vorurteile zwischen den „ungleichen Partnern“ Polen und Deutschland heute längst kein Standard mehr. Vielmehr existiere eine öffentliche Zustimmung für die Zusammenarbeit der Regierungen: „Was früher nur für die politische Elite galt, ist zur allgemeinen Überzeugung geworden.“ Ein neues „Zwischen uns“ nennt das Cornelia Pieper, die Polen-Beauftragte der Bundesregierung.

1991 aus dem deutschen Milliarden-Kredit für die Gierek-Regierung hervorgegangen, hat die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit ihren Sitz in der Ulica Zielna. Diese Straße gehörte während des Warschauer Aufstands zu den am härtesten umkämpften der Innenstadt. Geschäftsführender Vorstand ist der Slawist Albrecht Lempp. In seinem Nebenberuf als Literaturübersetzer übertrug er schon Prosa-Solitäre wie Anna Bolecka, Jerzy Pilch und Janusz Głowacki ins Deutsche, zuletzt Andrzej Barts „Die Fliegenfabrik“, ein düsteres Meisterwerk über den fiktiven Prozess gegen Chaim Rumkowski, den Vorsitzenden des sogenannten Judenrats im Lodzer Ghetto. Auch für ihn sind die deutschen Beziehungen zu Polen heute „normal und reif“, denn: „Die Geschichte oder die Geschichten, die man sich erzählt, machen die Atmosphäre und den Kontext aus. Wir stellen fest, dass in den deutsch-polnischen Beziehungen generationsbedingt, aber auch durch die politische und wirtschaftliche Entwicklung ein Paradigmenwechsel stattfindet, der sehr positiv ist, weil wir tatsächlich auch über neue Inhalte sprechen können. Ein Beispiel ist die große Ausstellung ‚Tür an Tür‘ in Berlin, die ganz neue Aspekte dieser tausendjährigen Beziehung herausstellt. Sie verdichten sich nicht länger nur auf die Problemjahre des Krieges, des Holocaust und der Nachkriegszeit.“

Diese Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau, die im Januar 2012 zu Ende ging, zählte insgesamt 73.000 Besucher. Die Kuratorin Anda Rottenberg lud dazu ein, „unbefangen und selbstständig die sensible Materie des historischen Stoffes zu erforschen“. Nicht die Abfolge von Konflikten stand im Vordergrund, sondern die Geschichte einer Gemeinschaft. So war Günther Ueckers „Splitter für Polen“ von 1982 zu sehen oder Dokumente der deutschen Polenbegeisterung um 1830. Das vereinigte Europa als Ausweg, als „wichtigsten und lebendigsten Wunsch der Völker“ propagierte bereits der glühende Romantiker Adam Mickiewicz. Sein 1834 erschienenes Langgedicht „Pan Tadeusz“ (triumphal von Andrzej Wajda verfilmt) gilt bis heute als polnisches Nationalepos.

Natürlich spiegelten auch zahlreiche Exponate geschichtliche Traumata wider. Besonders gespenstisch tat dies der Videoloop „Wartopia. Berlin 518, Moskau 1122“ von Aleksandra Polisiewicz: Darin rekonstruiert die Künstlerin in 3-D-Technologie die während des Zweiten Weltkriegs erstellten deutschen Pläne zum Umbau Warschaus. Das NS-Regime erwog, die alte Bebauung abzureißen und eine monumental-quadratische „Neue Deutsche Stadt Warschau“ für nur einige Zehntausend Bewohner zu errichten. Polisiewicz setzt diese Vision in Beziehung zu monströsen sowjetischen Umbauplänen für das zerstörte Nachkriegs-Warschau, die nicht realisiert wurden. Hier scheint sie wieder auf, die tradierte polnische Angst vor dem „Zangengriff“ seiner beiden Nachbarn, die zu Invasoren wurden.

Angesichts dieser historischen Schrecken ist es umso erstaunlicher, wie offensiv deutsche Firmen mittlerweile in Polen für sich werben, oft sogar auf Deutsch. Gibt es bei den Kunden keine Spur von Ressentiments? Ganz im Gegenteil, antwortet Christoph Blumenthal, Pressesprecher der Deutschen Bank. Sein Institut hat in Warschau eine der modernsten Filialen eingerichtet, die zum Vorbild für alle europäischen Filialen werden soll. Ein deutscher Automobilhersteller bekennt in seiner polnischen Werbung auf Deutsch, Autos zu lieben, ein deutscher Suppenhersteller bringt unter seinem teutonischen Signet urpolnische Spezialitäten wie „Zupa ogórkowa“ (Gurkensuppe) oder „Krupnik polski“ (Graupensuppe) auf den Markt.

„Die unbefangene Werbung deutscher Firmen ist ein Signal dafür, dass Polen auf einem sehr dynamischen Weg nach Europa ist“, meint Georg Blochmann. Aus Tel Aviv kommend, ist der neue Leiter des Warschauer Goethe-Instituts erst fünf Monate im Amt, aber glücklich über seine Entscheidung: „Polen ist im Moment das spannendste Land in Europa. Man wird hier in den nächsten fünf Jahren sicherlich Zeuge großer und signifikanter Veränderungen.“ Blochmann freut vor allem das anhaltende Interesse an Deutschkursen bei den Polen: Selbst in den östlichsten Woiwodschaften an der ukrainisch-belorussischen Grenze lernten „sehr erstaunliche“ 30 Prozent der schulpflichtigen Schüler im Primar- und Sekundarbereich Deutsch als erste oder zweite Pflichtfremdsprache oder als freiwillige dritte Fremdsprache. Im Gegenzug wünscht er sich von Institutionen wie dem Deutschen Akademischen Austauschdienst spezielle Polen-Programme, um mehr deutsche Studierende ins Nachbarland zu locken.

Das hyperdynamische Warschau manifestiert sich in Neubauten wie dem ultramodernen Kopernikus Wissenschaftszentrum am Weichselufer. Ähnlich wie in hiesigen Großstädten herrscht ein massiver Verdrängungswettbewerb. Vom „Warschau B“ der Glückssucher jenseits der Hochglanzfassaden erzählt der Filmregisseur Marcin Wrona. Er stellte sein bewegendes Gangsterdrama „Chrzest“ („Die Taufe“) Ende November 2011 beim Münchner FilmPOLSKA Festival vor. Wrona zeigt Warschau nur von oben: ein Ideal von Wohlstand, das in Reichweite scheint und es doch nicht ist. Die Stadt stellt für ihn ein optimales Feld dar, um Veränderungen zu beobachten, auch wenn er über verwöhnte Statisten klagt und ihn eine zweistündige Straßensperre 500.000 Złoty kostet. Bei aller Zukunftsgewandtheit vermisst Joanna Mytkowska, Mitbegründerin der richtungsweisenden Galerie Foksal und seit 2007 Direktorin des Museums für Moderne Kunst in Warschau, Unterstützung und Interesse für ihr Fachgebiet: „In den zwanzig Jahren des ‚neuen Polen‘ wurden vor allem historische Museen eingerichtet. Wir haben großartige Künstler, die weltweit agieren, aber das einheimische Publikum profitiert nicht davon.“ Polen verfüge über eine höchst lebendige Kunstszene, deren Mitglieder im Gegensatz zu Künstlern aus anderen osteuropäischen Ländern nicht nach Berlin zögen, das vielen zu künstlich und gentrifiziert erscheine.



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