„Auswandern ist nichts Schlechtes“

ein Gespräch mit Elena Margott Valenzuela Arias

Brasilien: alles drin (Ausgabe I/2013)


Frau Valenzuela Arias, Sie wurden in Peru geboren und sind mit 18 Jahren nach Brasilien ausgewandert. Wann ist Ihnen zum ersten Mal der Gedanke gekommen, Peru zu verlassen?

Als ich etwa neun Jahre alt war, dachte ich schon daran, wegzugehen. Ich sagte meiner Mutter und meinem Vater, dass ich Englisch lernen und in die USA ziehen wolle. Ich hatte gehört, dass es dort viel Arbeit gibt. Ich wollte meinen Eltern helfen und ihnen ein besseres Leben ermöglichen.

Wenn Sie eigentlich in die USA auswandern wollten, wie kam es dann dazu, dass Sie jetzt in Brasilien leben?

Ich bin das siebte von zehn Geschwistern. Meine Mutter ist Näherin, mein Vater arbeitet auf dem Bau. Als ich mit 16 Jahren die Schule beendete, konnten meine Eltern mir keine weitere Schulbildung bezahlen. Aber ich wusste ganz genau: Ich würde erst mit 18 Jahren anfangen zu arbeiten, denn Arbeit ist etwas für Erwachsene. Also vertrieb ich mir die Zeit, indem ich mit Freunden in der Straße vor dem Haus Volleyball spielte. Bis eines Tages meine Schwägerin sagte, dass ihre Chefin für ihre Nichte, die in São Paulo lebte, ein Kindermädchen suche. Ich wusste kaum etwas über Brasilien, aber ich habe ohne groß nachzudenken zugesagt.

Was hatten Sie für Pläne bei Ihrer Ankunft in Brasilien?

Ich wollte arbeiten und lernen. Ich habe einen Tourismus-Kurs an der Universität begonnen, um später als Reiseführerin tätig zu sein. Aber das hat nichts gebracht. Der Stundenplan war sehr eng und ich konnte das Mädchen, das ich betreute, ja nicht allein lassen. Jetzt passe ich auf zwei andere Kinder auf, aber ich habe immer noch die gleichen Pläne. Ich werde nächstes Jahr diesen Tourismus-Kurs noch einmal besuchen.

Haben Sie Kontakt zu anderen Migranten aus Peru oder Lateinamerika?

Seit kurzer Zeit mache ich bei einer peruanischen Tanzgruppe mit und ich gehe oft zu einer katholischen Kirche, zur Igreja da Paz. Diese Friedenskirche ist sehr gastfreundlich. Sie ist die Kirche für Migranten, hier treffen sich Jugendgruppen, Tanzgruppen, Leute aus Paraguay, aus Bolivien oder aus Argentinien ... Es gibt Gottesdienste auf Spanisch und Italienisch, und inzwischen sogar auf Französisch für die vielen Haitianer, die nach Brasilien kommen. Die Priester helfen den Einwanderern auch bei der Beschaffung von Papieren.

Wie sieht das Leben Ihrer lateinamerikanischen Freunde aus?

Fast alle arbeiten in Nähereien, sie stellen Kleidung her. Das ist harte Arbeit, sie sind überlastet, arbeiten oft bis zum Morgengrauen, um die Kleidungsstücke fertig zu nähen.

Wie denken Sie heute über Ihre Entscheidung, auszuwandern? Haben Sie es jemals bereut?

Für mich hat das Auswandern nichts Schlechtes bedeutet. Ich habe schon immer reisen wollen. Ich weiß, dass es vielen Menschen, die ihre Länder verlassen, schlecht geht, weil sie keinen sicheren Ort haben, wo sie hingehen können. Und dann ist es auch noch schwer, Arbeit zu bekommen, die Papiere zu beschaffen. Ich kann nur dankbar sein, denn von dem Augenblick an, in dem ich mein Zuhause verließ, hatte ich bereits eine Stelle und wusste, wohin ich ging. Ich identifiziere mich nicht mit dieser leidvollen Migration. Ich habe Glück.
 

Das Interview führte Tânia Caliari
Aus dem Portugiesischen von Stefanie Karg



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