Sich die Hände schmutzig machen

von Stephanie Kirchner

Im Dorf. Auf der Suche nach einem besseren Leben (Ausgabe II/2012)


Städter auf dem Land waren schon immer die ideale Steilvorlage für Spott. Am lustigsten sind verwöhnte Gören – vorzugsweise weiblich –, die sich fernab allen Komforts auf matschigem Terrain voller widerspenstiger und eigensinniger Nutztiere beweisen wollen. Wie in der amerikanischen Reality-Serie „The Simple Life“, in der Millionenerbin Paris Hilton auf einen Bauernhof verfrachtet wird. Stilettos im Kuhmist – zum Totlachen. Unvergesslich auch der piekfeine Ethelbert aus dem 1950er-Jahre-Heimatfilm „Die Mädels vom Immenhof“. Als aktuelleres Beispiel ließe sich die Berliner „Dorfboheme“ anführen, über die sich der Liedermacher Reinald Grebe in seinem Lied „Landleben“ lustig macht („Dirk holt aus seinem Erdkeller das Dinkelbier“).

Das alles wusste ich, als ich mich im vergangenen Sommer dazu entschloss, in die südfranzösische Wildnis aufzubrechen, um dort Lavendel zu ernten, Bienenhonig zu sammeln und Ziegenkäse herzustellen. Tatsächlich machte ich mich dabei ziemlich zum Affen. Verlief mich im Gebirge, stellte mich im Nachthemd und bei Mondschein fliehenden Ziegen in den Weg (das Tor nicht richtig zugemacht, ups!), stand nach einem Malheur in der Käserei plötzlich in einem See aus Milch. Und als meine Hand nach einem Bienenstich wie ein aufgeblasener Gummihandschuh angeschwollen war, rannte ich in Panik zum Dorfarzt und ließ mir Kortison verschreiben. Der Imker hatte stoisch empfohlen, einfach ein bisschen Honig draufzuschmieren und abzuwarten.

Die Organisation, die diesen Selbsterfahrungstrip ermöglich hat, nennt sich WWOOF (World Wide Opportunities on Organic Farms) und vermittelt Farmaufenthalte auf Biobauernhöfen in über 50 Ländern. Der Deal: Wwoofer helfen den Bauern bei der täglichen Arbeit, dafür bekommen sie Kost und Logis gratis. Für eine geringe Gebühr kann man sich bei einer der nationalen WWOOF-Organisationen anmelden und erhält eine Liste mit Kurzbeschreibungen von Höfen, die nach Helfern suchen. Da das System auf Freiwilligkeit beruht, haben ausbeuterische Bauern und faule Wwoofer wenig Chancen – man kann ja jederzeit wieder auseinandergehen. Weltweit waren 2011 rund 80.000 Mitglieder angemeldet. Mancherorts, zum Beispiel in Nepal, nehmen die Mitgliederzahlen stetig zu.

Auch meine Bekannte Anna Caroline wollte sich selbst beweisen, dass sie allein auf dem Land überleben kann, und war schon mehrmals in Frankreich wwoofen. „Ich wollte frei sein von den Masken der Stadt, meine Muskeln benutzen, frieren, Durst haben“, sagt sie. Anna Caroline hat Beete angelegt,  Lehmhäuser gebaut, sich um Pferde gekümmert – aber auch Schafe zur Schlachtbank geführt und fasziniert zugesehen, „wie in zwanzig Minuten Fleisch wurde, was vorher noch ein Schaf war“. Für sie leistet WWOOF „Sozialarbeit an Städtern, die sich mit Mutter Natur verbinden wollen“. Nach eigenen Angaben verfolgt die Organisation das Ziel, weltweit das Bewusstsein für die ökologische Landwirtschaft sowie den Austausch zwischen den Kulturen zu fördern. Wie konkret dieser Austausch aussehen kann, erlebte Anna Caroline, als sich bei einem ihrer Farmaufenthalte ihr Gastgeber Phil – ein exzentrischer englischer Aussteiger – und „eine Belgierin in der Midlife-Crisis“ ineinander verliebten. Auch eine Japanerin hat sie auf dem Hof getroffen und bei Spaziergängen im Dorf oder bei Gesprächen mit dem Postboten die französische Kultur kennengelernt.

Anna Caroline und ich sind uns einig: Wir würden es wieder tun. Denn nichts kann mir die Schönheit eines Sternenhimmels auf dem Land vermiesen. Auch das Essen, Bio oder nicht, schmeckt dort einfach besser – besonders wenn man vorher stundenlang Ställe ausgemistet hat. Ein paar Tage im Jahr eine andere Kultur erleben, ein bisschen in der Erde wühlen, entschleunigen: Den meisten Wohlstandsverdrossenen in den Städten würde das sicher nicht schaden. Vielleicht könnte damit sogar das ein oder andere Burn-out verhindert werden. Man kann die Sehnsucht nach dem Land lächerlich finden. Ich schäme mich nicht dafür. Wwoofer aller Länder, steht zu eurem Dinkelbier!



Ähnliche Artikel

Toleranz und ihre Grenzen (In Europa)

Ein Erfolg der Geschichte

von Valéry Giscard d’Estaing

Was das deutsch-französische Verhältnis für Europa bedeutet

mehr


Une Grande Nation

Reise an die Peripherie

eine Fotostrecke von Cyrus Cornut

Wie sieht das Leben in französischen Vorstädten aus, fern von Eiffelturm und Notre Dame?

mehr


Une Grande Nation (Thema: Frankreich)

Der Mann im Rohzustand

von Alexis Jenni

Die Fremdenlegion galt lange als historischer Schandfleck. Doch langsam wird sie wieder gesellschaftsfähig

mehr


Körper (Bücher)

Frankreich nach 1945

von Gudrun Czekalla

Während es vor dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland nur ein Französisches Kulturinstitut gab, entstand bereits kurz nach Kriegsende ein dichtes Netz an französi...

mehr


Une Grande Nation (Thema: Frankreich)

Schwarze Hände

von Philippe Pujol

Ein Auszug aus Philippe Pujols »Die Erschaffung des Monsters«

mehr


Ich und die Technik (Wie ich wurde, was ich bin)

Der Blick einer Fremden

von Christina von Braun

Wie die Erfahrung des Nicht-Dazugehörens meine Arbeiten über Judentum und Geschlechterrollen prägte

mehr