Wo die Zivilisation endet

Anna Kim

Im Dorf. Auf der Suche nach einem besseren Leben (Ausgabe II/2012)


Ich war schon als Kind fasziniert von Geschichten über die Unsichtbarkeit, ich versuchte mir vorzustellen, welchen Begrenzungen man als unsichtbarer Mensch unterliegen würde. Ob man mitsamt der Kleidung unsichtbar würde oder ob man sie ablegen müsste, ob die Gegenstände, die man im Moment des Unsichtbarwerdens in den Händen hält, mit einem verschwinden oder ob sie sichtbar bleiben, einen somit verraten würden, gleichsam als Koordinaten der eigenen Existenz; ob man sich als unsichtbare Person durch die Wände hindurchbewegen oder ob man an ihnen anstoßen würde.

Mit den Jahren verblasste der Reiz dieses Spiels, die Wirklichkeit, die sich an zu viele Gesetze hält, schien nicht mit sich reden zu lassen, nicht in diesem Punkt – bis ich mich eines Augusttages an Deck des Frachtschiffs Johanna Kristina der Küste Kuumiuts im Osten Grönlands näherte. Es war ein heller Tag, die klare Luft schien die Konturen der Natur deutlicher hervortreten zu lassen, um nicht zu sagen: nachzuziehen, die Berge, die Felsen, Steine, die Erde, die Wellen, durch die sich das Schiff bohrte, waren gestochen scharf, während mich eine Friedlichkeit einhüllte, bei der ich versucht war, sie Harmonie zu nennen – als sich mit einem Mal Stimmen näherten, Schritte und meine Mitreisenden an den Bug traten, in mein gestochen scharfes Bild, und aufgeregt winkten und lachten. „Kuumiut“, riefen sie, als ich sie verwirrt ansah, und deuteten in die Ferne, Kuumiut, ihre Heimat, das Ziel meiner Reise, ein 350-Einwohner-Dorf, der zweitgrößte Ort Ostgrönlands mit der zweitbesten Infrastruktur: einer Schule, einer Kirche, einem Supermarkt und einem kleinen Hafen, das hatte ich gelesen und danach hielt ich Ausschau, konnte aber nichts sehen. Nicht gar nichts, sondern etwas, das ich unter Natur zusammenfassen würde, aber keine Spuren einer menschlichen Siedlung, weder ein Haus noch ein Hausteil: nichts.

Erst eine halbe Stunde später sah ich Kuumiut, erst als die Straße, die zur Küste führt, direkt vor meinen Augen lag und der Schiffsarbeiter nach dem Seil griff, um die Johanna Kristina zu vertäuen. Dann betrat ich das Vorzimmer Kuumiuts, seinen Indus­triehafen, der nur aus einem Landungssteg besteht, an dem der Frachter einmal wöchentlich anlegt und Kisten mit Lebensmitteln und anderen Haushaltswaren bringt und jedes Mal die Mannschaft von den gleichen Typen begrüßt wird, die in dieser Gegend herumlungern: von den zwei Hafenarbeitern, die mithelfen, die Johanna Kristina sicher anzuknoten; von den zwei betrunkenen Fischern, die mich mit einem feuchten Kuss auf den Mund begrüßen, mit einem Schmatz, der mir verrät, wie viel und was sie getrunken haben (Bier), und auch, dass ihr letzter Fang groß gewesen sein musste, denn sie tragen Bierdosen in ihren Händen, und ihre Jackentaschen sind ausgebeult; und von einer Menschenschlange, die an den Stufen des staatlich geführten Supermarktes Pilersuisoq ihren Anfang nimmt und bis zum Hafen geht, bis zu den Bergen von ausgemusterten Geräten, verrosteten Maschinenteilen, Bootsteilen. Sie stehen hintereinander, Frauen und Männer, als stellten sie sich an, und ich denke, während ich an ihnen vorbeigehe, dass sie tatsächlich auf etwas warten, mit der Zeit dämmert mir, dass sie auf diese Art und Weise stehen, um besser sehen zu können, denn das ist es, womit sie ihr Leben verbringen: Sie stehen, schauen und trinken, und doch blicken sie durch mich hindurch, alle, bis auf die zwei Fischer und eine Frau, die mich, gelehnt aus dem Fenster, zu sich ruft und in gebrochenem Englisch fragt, ob ich eine Touristin sei und heute Abend in der Dorfversammlung von meinen Erlebnissen dort draußen, sie macht eine vage Handbewegung in der Luft, erzählen wolle. Ich bewege mich durch die Dorfstraße, als hätte ich meine Sichtbarkeit verloren. Manchmal allerdings glaube ich zu fühlen, dass man mich beobachtet, dann drehe ich mich um, aber wann immer ich das tue, stoße ich auf eine Atmosphäre der Leere; es sind unsichtbare Augen, die mir folgen.

An diesem Tag hatte ich nur vier Stunden, um mich umzusehen; ich kehrte nach einer Woche zurück und blieb für zwei Wochen an diesem Ort, der wie so viele kleine Orte in Grönland nur wahrgenommen wird, wenn man weiß, dass es ihn gibt. Und wie in der Peripherie oft üblich, haben sich ihre Bewohner diese Kuriosität zu eigen gemacht, auch sie scheinen nur dann sichtbar zu sein, wenn man von ihrer Existenz weiß, ansonsten bewegen sie sich selbst Unsichtbarkeit simulierend durch diesen Landstrich: als würde es sie gar nicht geben.



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