Mit vollem Bauch kann man besser putzen

von Bertha Hamases

Im Dorf. Auf der Suche nach einem besseren Leben (Ausgabe II/2012)


Früher war das Leben in Otjivero-Omitara hart. Wir haben sehr gelitten. Ich schickte die Kinder zur Schule, obwohl ich nie Geld für die Schulgebühren hatte, und ständig fragte die Schule danach. Wir waren hungrig, die Kinder konnten sich nicht auf ihre Aufgaben konzentrieren. Einmal monatlich reiste ich nach Windhoek, um bei Verwandten zu betteln. Davon kaufte ich ein bisschen Essen. Wir lebten in einer Wellblechhütte, einer „Kambusha“, mit nur einem kleinen Raum. Ich habe den ganzen Tag lang nichts getan, außer vielleicht Nachbarn zu besuchen, um zu sehen, ob sie mir etwas abgeben konnten.

In der Siedlung insgesamt ging es sehr rau zu. Dauernd kamen neue Leute an, die von benachbarten Farmen verjagt worden waren. Es gab viele Verbrechen, weil die Menschen kein Geld hatten, um Essen zu kaufen. Wilderei auf den Farmen war ein großes Problem. Es gab Prostitution, Gewalt gegen Frauen und viel Alkoholismus. In unserem kleinen Ort gab es fünf oder sechs „Shebeens“, informelle Bars.

Als im Jahr 2008 das Projekt zum Grundeinkommen startete, hat sich mein Leben schlagartig verändert. Wir waren ja fünf, die vier Kinder und ich, und hatten plötzlich 500 Namibia-Dollar (rund 50 Euro) im Monat. Zwei Monate blieb ich noch in Otjivero-Omitara und sparte das Geld. Dann reiste ich nach Windhoek und gab eine Anzeige in einer Zeitung auf und bot mich als Haushaltshilfe an. Nach zwei Wochen bekam ich einen Job.

Ich verdiene jetzt 1.000 Namibia-Dollar und bekomme Kost und Logis. Die Woche über bleibe ich in Windhoek und arbeite. Zweimal monatlich fahre ich nach Hause nach Otjivero-Omitara. Das Grundeinkommen hörte nicht einfach auf, weil ich woanders arbeitete. Jeder, der irgendetwas anfing, bekam es trotzdem weiter ausbezahlt. 2010, nach Ende des Projektes, wurde es von 100 auf 80 Namibia-Dollar pro Person gesenkt.

Mit den 1.400 Namibia-Dollar (rund 140 Euro), die wir jetzt monatlich haben, kann ich das Schulgeld und die Uniformen bezahlen. Mein Ältester geht in Windhoek zur Schule und die anderen drei auf eine Internatsschule in Witvlei, einer kleinen Stadt nahe Otjivero-Omitara. Was mich freut, ist, dass sie letztes Jahr alle ihre Prüfungen bestanden haben. Ich kaufe Schuhe, Kleidung und andere Waren in Windhoek und verkaufe sie dann an den Wochenenden in Otjivero-Omitara weiter. Manchmal handle ich auch mit Lebensmitteln aus dem Großhandel oder ich kaufe den kleinen Kindern im Dorf Flaschen ab und bringe sie Recyclingfirmen in Windhoek. Mit diesen Geschäften kann ich noch einmal bis zu 400 Namibia-Dollar verdienen.

Meine Hütte habe ich zu einem Haus mit drei Räumen ausgebaut. Der ganze Ort hat sich verändert. Alle kaufen jetzt Schuluniformen und zahlen das Schulgeld. Die Leute können sich Essen leisten und Fernseher, DVD-Rekorder, Herde. Viele haben ihre Häuser ausgebaut und es gibt jetzt fast ein Dutzend Läden. Es ist viel sauberer als früher, denn mit vollem Bauch kann man auch besser putzen. Es gibt keine Kriminalität mehr und wir können, wenn wir krank sind, ins Krankenhaus gehen. Das einzige Problem ist, dass unser Ort bekannt geworden ist und viele hierherziehen wollen. Sogar aus Windhoek kommen sie, weil sie denken, hier gibt es Geld. Statt 1.200 Einwohnern sind wir jetzt schon 2.000. Aber die neuen Bewohner bekommen kein Geld, wir müssen unseren Wohlstand teilen.

Der Präsident sagt, die Leute würden faul werden, wenn sie ein Grundeinkommen erhielten, aber das ist nicht wahr. Früher habe ich nicht gearbeitet, jetzt dafür umso mehr. Und wie mir geht es vielen. Ich fühle mich geehrt, dass ich dieses Geld bekomme. Im  ganzen Land sollte es das geben, damit wir die Armut stoppen. Andere sollen auch erleben, was wir erlebt haben.

Basic Income Grant in Otjivero-Omitara

Eine Koalition zivilgesellschaftlicher Gruppen und Kirchen zahlte von Januar 2008 bis Dezember 2009 im namibischen Otjivero-Omitara jedem Einwohner unter 60 Jahren ein Grundeinkommen von monatlich 100 Namibia-Dollar (10 Euro). Am praktischen Beispiel wollte man beweisen, dass ein Grundeinkommen die Armut reduzieren kann. Seit Ende des Projekts bekommen die Teilnehmer ein Überbrückungsgeld von 80 Namibia-Dollar (acht Euro).

Protokolliert von Servaas van den Bosch
Aus dem Englischen von Karola Klatt



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