Straßenkampf

Wendy Call

Im Dorf. Auf der Suche nach einem besseren Leben (Ausgabe II/2012)


Was ist an einer Straße gut oder schlecht? Ein Großteil der Landschaften Europas und Nordamerikas sind bereits seit so vielen Jahren von Autobahnen durchzogen, dass wir uns darüber kaum noch Gedanken machen. In ländlichen Gegenden überall auf der Welt dagegen entscheiden Straßen darüber, wer Zugang zu Arbeit, Bildung, zum Gesundheitswesen und zu den Märkten hat. Straßen bestimmen, wie Gemeinden miteinander vernetzt und Landschaften gegliedert sind. Manchmal verändern sie das gewohnte Leben einer ganzen Dorfgemeinschaft.

In Boca del Monte, einem indigenen, 500 Einwohner zählenden Dorf in Oaxaca, Mexiko, mehrten sich Ende der 1990er-Jahre die Gerüchte, dass der Bau einer Schnellstraße bevorstehe. Man erzählte sich, der neue Highway würde vier-, wenn nicht sogar sechsspurig sein. Riesige Lastzüge würden darauf in mörderischer Geschwindigkeit vorbeiziehen. Natürlich würde er durch Felder, Wald und Dörfer führen. Und er würde der Region internationale Investitionen bringen. Folgendes spielte sich daraufhin in Boca del Monte ab:

Auf der Eingangsveranda des örtlichen Gemischtwarenladens versammelten sich im September 1999 50 Dorfbewohner. Das Stimmengewirr, aus dem die kehligen Laute der lokalen Mixe-Sprache heraus­zuhören waren, mischte sich mit dem Geprassel des späten Septemberregens. Die Veranda war groß genug, dass alle darauf Platz fanden, ohne sich zu drängen, aber klein genug, dass man von allen gehört werden konnte, ohne die Stimme zu erheben. Von ihr aus schaute man auf Gärten, in denen Bananen, Papayas, Mangos und Mandarinen wuchsen. Stacheldrahtzäune trennten sie von vereinzelten, samtig grün bewaldeten Flächen. Dahinter ächzten Busse und Lastzüge eine zweispurige Schnellstraße entlang und wurden von abenteuerlichen Bremsschwellen und Schlaglöchern gezwungen, ihr Tempo zu drosseln. Noch viel weiter hinten lagen tiefgrüne Hügel, die am Horizont in blaue Bergketten übergingen.

Carlos Beas duckte sich unter den rostigen Streben des Verandadaches hindurch, als er etwas verspätet zu den Wartenden eilte. Diese nickten dem Koordinator von UCIZONI, einer lokalen Vereinigung indigener Gemeinschaften, zu und murmelten Begrüßungen, während er sich seinen Weg in die Mitte bahnte. Die Dorfbewohner hatten das Treffen wenige Tage zuvor einberufen, nachdem ein paar Fremde sich an ihren Feldern zu schaffen gemacht hatten. Die Fremden hatten gesagt, sie seien Landvermesser, die im Auftrag der Regierung handelten. Ohne weitere Erklärungen hatten sie ihre Arbeit – worin auch immer diese bestand – beendet, ihre moderne Ausrüstung zusammengepackt und waren in ihren schicken Transportern davongefahren. Die Neuigkeit vom Besuch der Vermesser verbreitete sich rasend von Tür zu Tür, über Schotterstraßen und dicht behangene Wäscheleinen hinweg. Die Leute machten sich Gedanken. Konnte das etwas zu tun haben mit den Gerüchten, die seit einigen Jahren herumgeisterten? Über die riesige neue Fernstraße? Bedeutete das plötzliche Interesse an ihrem Land etwa, dass die berüchtigte neue Straße direkt durch ihr Dorf führen würde?

Die bisherige zweispurige Schnellstraße stammte aus den 1950er-Jahren. Sie flankierte Boca del Monte am Ortsrand. Mit der Einweihung der Straße wurde der Ort, einst nur ein Punkt in der Landschaft, der mehrere Kilometer von der nächsten Eisenbahnstrecke entfernt lag, zu einem Boxenstopp für Fernfahrer. Das Ortsende im Westen wurde zum Tor zur Welt, zu erreichen über einen kurzen Abstecher von der Panamericana.

Boca del Monte – übersetzt etwa das „Tor zur Wildnis“ – liegt am Rand des Chimalapa-Gebirges, das Nordamerikas größten intakten Regenwald beheimatet. Genau hier, in Boca del Monte, zweigte eine schmale geteerte Straße von der Schnellstraße ab, die durch das Dorf in den Regenwald führte. Mithilfe dieser Straße wurde ein großer Teil des Chimalapa-Waldes in Acker- und Weideland verwandelt. Die Bewohner von Boca del Monte sahen jahrzehntelang dabei zu, wie Bulldozer und Kettensägen an ihrem Dorfladen vorbei in den Wäldern verschwanden. Heraus kamen Lastwagen voller Holz und Vieh, die über die Schnellstraße davonfuhren. „Bald schon werden wir Boca de Nada sein – das Tor zum Nichts“, beliebten einige der Einwohner zu scherzen. Dennoch konnten sie sich eine Zukunft fernab der Gegend nicht vorstellen. Ihre Vorfahren bewohnten den Isthmus Tehuantepec bereits seit mehreren Tausend Jahren.

Um sich über die Straße zu beraten, waren die Männer an jenem Tag im Jahr 1999 auf der Veranda des Dorfladens zusammengekommen: Einer der Männer fragte Carlos Beas nach dem angeblichen Verlauf des Superhighways. „Vielleicht mitten durchs Dorf, vielleicht direkt daran vorbei“, sagte dieser mit ratloser Mine. So oder so würde er die Bauern von ihren Feldern trennen. „Ich weiß nicht, wie unsere Männer da rüberkommen sollen. Sollen sie fliegen oder was?“

Spöttisches Gemurmel antwortete ihm. Einige der Bewohner von Boca del Monte liefen, die Machete über der Schulter, länger als eine halbe Stunde zu ihren abgelegenen Feldern, auf denen Mais, Bohnen, Maniok, Chili und Tamarinden wuchsen. Carlos Beas hievte einen dicken Ordner hoch und entnahm ihm drei Briefe, in denen Regierungsbeamte auf Anfragen der Dorfbewohner bezüglich des Straßenbaugerüchts antworteten. Er las der Gruppe die Briefe einen nach dem anderen vor und erklärte, was sie zu bedeuten hatten. Im Wesentlichen stand darin, dass wahrscheinlich eine neue Fernstraße gebaut werden würde, die Regierung sich jedoch weder zu irgendwelchen Gerüchten äußern noch genauere Details bekanntgeben würde. Beas wartete ab, bis das Flüstern verstummt war, mit dem die jüngeren Dorfbewohner einigen älteren seine Worte ins Mixe übersetzten. Dann schloss er den Ordner und hielt ihn in die Höhe.

„Was bedeutet das alles?“, fragte er in die Runde und lieferte die Antwort gleich mit: „Es bedeutet, dass sie nicht vorhaben, euch in ihrer Planung zu berücksichtigen, lasst euch das von mir gesagt sein. Ihr solltet euch auf was gefasst machen. Das hier ist nicht wie vor fünfzig Jahren, als sie die alte Fernstraße asphaltiert haben. Über einen Megahighway kannst du nicht einfach rüberlaufen. Die Autos fahren dort mit mörderischer Geschwindigkeit.“

Noch passierten die Fahrzeuge Boca del Monte mit Ortsgeschwindigkeit. Die alten Frauen und Kinder verkauften am Straßenrand Tüten mit geschälten Orangen und totopos, gebackenen Maisfladen, die sie den Fahrern durchs offene Autofenster reichten. Beas fuhr fort: „Ich glaube kaum, dass die Regierung Brücken für Menschen und Ochsenkarren einplanen wird, wenn ihr keinen Druck macht. Wie wollt ihr dann da rüberkommen? Wenn wir nichts unternehmen, sind sie mit ihren schweren Maschinen hier, ehe wir es uns versehen. Aber allein kann niemand etwas bewegen. Wir müssen diesen Kampf gemeinsam kämpfen.“ Dann trat er aus der Mitte der Gruppe zurück. Nach und nach begannen die Männer, sich zu Wort zu melden. „Ohne Erlaubnis haben die auf unseren Feldern nichts zu suchen. Sie können hier nicht einfach herumschleichen wie die Viehdiebe und uns das Leben schwer machen.“ Ein anderer meinte, man müsse die Regierungsleute zur Rede stellen, falls sie noch einmal auftauchten. Wenn sich keiner rührte, sagte er, würde die Regierung gar nicht erst von ihren Sorgen erfahren. Ein zustimmendes Raunen ging durch die Menge.

Nach der Versammlung in Boca del Monte vergingen noch fünf Jahre, bis die Pläne der Regierung in die Tat umgesetzt wurden. In diesen fünf Jahren schrieben die Einwohner von Boca del Monte und Dutzender anderer Dörfer entlang der geplanten Highwaystrecke Briefe, blockierten den Verkehr auf der Schnellstraße und riefen eine internationale Kampagne ins Leben, um Druck auf die mexikanische Regierung auszuüben, ihren Belangen Gehör zu verleihen. Sie wollten mitreden können, was den Verlauf der Fernstraße anbelangte. Sie wollten, dass sie keine Gebühren für die Nutzung bezahlen müssten. Und sie wollten, dass soziale und ökologische Auswirkungen der Straße berücksichtigt würden.

Heute gibt es eine neue Fernstraße und sie führt  bedenklich nah an Boca del Monte vorbei. Aber ihre Nutzung ist nicht gebührenpflichtig, sodass die Autos und Busse der lokalen Gemeinden sie befahren können. Es gibt Stoppzeichen und Bremsschwellen, sodass alle Fahrzeuge ihr Tempo drosseln müssen. Trotzdem hat die Fernstraße Veränderungen mit sich gebracht. Immer größere Teile des Chimalapa-Regenwaldes sind zu Bauholz verarbeitet worden.

Aus dem Englischen von Hanna Schüssler



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