„Für unsere Leser ist das Land ein mythischer Ort“

Fabián Casas

Im Dorf. Auf der Suche nach einem besseren Leben (Ausgabe II/2012)


Herr Casas, in Deutschland boomen Landzeitschriften, El Federal widmet sich schon seit 2004 dem Landleben. Was bedeutet das Land für Argentinier?

Das Land ist für uns ein mythischer Ort, denn die argentinische Nation entstand in ihrer heutigen Form, indem man der Pampa immer größere Landstücke abtrotzte und sie dem Staatsgebiet einverleibte. Das Land stand für das Unbekannte, das Wilde, das domestiziert werden musste. Wie in den USA gab es Pioniere, die immer weiter in die Ödnis vordrangen: Die Gauchos sind die argentinische Variante der Cowboys. Die Einwanderer aus Europa lockte man Ende des 19. Jahrhunderts schließlich mit dem Versprechen, dass sie hier ein Stück Ackerland bekommen würden.

Wie sieht das Leben auf dem Land heute aus?

Es hat sich viel geändert: Selbst in den entferntesten, dünn besiedelten Gegenden haben die Farmer heute Internet. Sie sind technologisch auf dem neuesten Stand. Wir nennen sie „Cyber-Gauchos“. Ihr wichtigstes Arbeitsgerät ist das Notebook. Mithilfe des Internets betreiben sie über die Distanz hinweg Handel, bilden sich fort und können bei der Rinderzucht zeitnah auf die Marktlage reagieren.

Ihre Zeitschrift hat 15.000 Leser. Wie ist sie entstanden?

Die Ursprungsidee war es, ein Magazin zu machen, das die Kultur Argentiniens zeigt und Interesse für die Menschen, die auf dem Land arbeiten, weckt. Wir blicken auf die Menschen in den Provinzen, auf ihre Bräuche und Sitten, auf die Art und Weise, wie sie sich organisieren, wie sie Unternehmen gründen und ihr Überleben sichern. Vor uns gab es nur Fachzeitschriften für Agrarproduzenten oder Zeitschriften über das Stadtleben. El Federal ist ein Mix: Wir bringen eine Reportage über den Mate-Tee-Anbau, ein Porträt über einen Folkloremusiker und einen Artikel darüber, wie man zu Hause selbst Bier herstellt – das kann man auch in der Stadt. Wir wollen beide Leserkreise ansprechen. Viele unserer städtischen Leser interessieren sich zum Beispiel für die besonderen Landschaften Argentiniens, den Urwald, die Anden, Feuerland – um sich Anregungen für Urlaubsreisen zu holen. Gern gelesen werden aber auch die Tipps für den eigenen Garten.

Das Motto Ihrer Zeitschrift lautet „Für das Argentinien, das wir lieben“. Wie ist das zu verstehen?

Damit ist das Argentinien, das produziert, gemeint, das Argentinien der Hoffnung, das an die Zukunft denkt, an Wachstum und Solidarität. Viele Leute zieht es immer noch in die Hauptstadt Buenos Aires. Das Ideal aber wäre es, die Wirtschaft so einzurichten, dass die Leute in ihrer Heimat bleiben und sich das Land auch in der Fläche entwickelt. El Federal sieht es als seine Vision, Projekte und Initiativen vorzustellen, die eine solche Entwicklung vorantreiben.

Welche zum Beispiel?

Wir porträtieren etwa einen Hightech-Sojaproduzenten, aber wir zeigen auch, wie althergebrachte handwerkliche Anbaumethoden, das Wissen und die Techniken unserer Urahnen wiederbelebt werden. Es gibt in Argentinien eine beeindruckende Zahl wilder Pferde. Und es gibt Gauchos, die die Pferde mittlerweile mit den Techniken der Indianer zähmen – ganz ohne Gewalt. Wir nennen ihre Methode „freundliche Zähmung“.

Das Interview führte Timo Berger



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