Fluss ohne Wiederkehr

Sheng Keyi

Im Dorf. Auf der Suche nach einem besseren Leben (Ausgabe II/2012)


Der Dichter und hohe Beamte Song Zhiwen verfasste in der Tang-Zeit, um 700 vor Christus, während seines Exils in Lingnan folgende Zeilen:

„Mit jedem Schritt aufs Dorf der Heimat zu

wachsen auch Angst und inneres Unbehagen.

Wer immer mir von dort entgegenkommt,

ich wag ihn nicht nach Neuem auszufragen.“

Starke, ganz ähnliche Gefühle spüre ich heute in mir. Fast 20 Jahre liegt es zurück, dass ich mein Dorf, in dem ich geboren wurde, verlassen habe. Danach wuchs mit jedem Besuch bei Familie und Freunden die gegenseitige Fremdheit ein Stück mehr, bis ich zuletzt völlig zu einer Ortsfremden geworden bin. Einmal stieg ich in der Provinzhauptstadt in ein Taxi und ließ mich bis nach Hause fahren. Als wir die Kreisstadt Yiyang erreichten, fand ich zu meinem Erstaunen die Abzweigung nach Lanxi nicht mehr. Stattdessen verschlug mir der Anblick einer nagelneuen Asphaltstraße und einer unbekannten Brücke die Sprache. Ich hatte mich quasi vor meiner alten Haustür verirrt. Dass ich hier jemanden nach dem Weg fragen musste, kam mir absurd vor.

Von Yiyang nach Lanxi braucht man mit dem Auto nicht mehr als eine halbe Stunde. In meiner Kindheit fuhr man mit quietschenden Autorädern über Kopfsteinpflaster, das Sträßlein führte durch eine idyllische Landschaft. Vereinzelte Bauernhäuser erstreckten sich zwischen ausgedehnten Feldern, die ihre Farbe mit den Jahreszeiten wechselten: schneeweiß, gelblich grün, goldgelb. Im März leuchteten die Rapsblüten noch greller als die Sonne. Gelegentlich trug der Wind Hahnenschreie oder Hundegebell herüber. Ringsum war es ruhig und friedlich. Dann verwandelte sich das Kopfsteinpflaster eines Tages in eine asphaltierte Straße, an der entlang sich bald dicht an dicht neue Gebäude reihten. Die Häuser sind dem Lärm und dem aufgewirbelten Staub der Fahrzeuge direkt ausgesetzt, aber das scheint die Leute nicht zu stören. Sie müssen sich ihre Stellungen an verkehrsgünstigen Knotenpunkten sichern, das verlangen ihre wirtschaftlichen Interessen. Jeder Haushalt ist nun ein kleiner Reisverarbeitungsbetrieb. Die nicht länger bewirtschafteten Felder liegen brach und Bäume und Hausdächer sind mit einer dicken Schicht von grauem Industriedreck überzogen. Das Reis verarbeitende Gewerbe in Lanxi hat sich einen Namen gemacht und seine Bewohner sind tatsächlich reich geworden. Ihren Reichtum erwirtschaften sie in einer Umwelt, in der man keine Luft mehr bekommt, weil man Staub einatmet. Vor lauter Geldverdienen nehmen sie nicht einmal mehr Notiz davon, wenn die Blüten aufgehen und das Gras grün wird. Nur ich als Durchreisende habe Zeit, über Armut und Poesie nachzudenken, über den Zusammenhang zwischen Kommerz und Verschmutzung.

Hat man die von hektischer Geschäftigkeit geprägte Übergangszone zwischen Stadt und Land passiert, erreicht man schließlich Lanxi. Es ist ein alter, schon in der Ming-Dynastie von 1368 bis 1644 als Markt bezeichneter Ort, der in der Republikzeit nach 1912 unter anderem durch Ladenhandwerk, Zwischenhandel und die Flussschifffahrt einen starken Aufschwung erlebte. Das alte Lanxi besitzt klassischen Charme im Überfluss: hölzerne Mansardenhäuser, breite Steinplattenwege, schlicht gehaltene Geschäftsfassaden. Doch manche Leute, die ihr Geld in den Städten verdienen, reißen die alten Mansardenhäuser ab und errichten an ihrer Stelle moderne Häuser im westlichen Stil. Groß und auffällig wirken sie, wie buntfarbige Flicken, die man dem kleinen Ort aufgeklebt hat.

Früher existierte hier auch ein ganz passables Theater, in dem die Landbevölkerung der Gegend zusammenströmte, um die Aufführungen zu sehen. Schon als Kind schwärmte ich für die Oper und lief manchmal ganz allein die Strecke von meinem Dorf nach Lanxi, um heimlich zuzuschauen. Später kam weniger Publikum, sodass sich die Schauspieler einen anderen Beruf suchen mussten. Das Schild „Theater von Lanxi“ verschwand und das Gebäude versank in Düsternis und Totenstarre. Doch jedes Mal, wenn ich daran vorbeikomme, kann ich die Trommeln und Röhrengeigen wieder hören, die zum Öffnen des Vorhangs drängen. Und ich sehe den Glanz der prächtigen Kopfbedeckungen und Kostüme der Schauspieler, und auch mich selbst vor 30 Jahren als kleines Kind im dicht gefüllten Zuschauerraum.

Geht man aus dem Ort heraus und am Lanxi-Fluss entlang ein paar Kilometer nach Norden, erreicht man das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Es war der schönste Weg der Welt. Das Wasser war klar und leicht gekräuselt und entlang der Uferdämme wuchs überall grünes Gras. Den Fluss säumten Trauerweiden, deren Zweige ins Wasser hingen. Von den Dämmen konnte man weit in die Ferne blicken. Der Fluss war der Mittelpunkt unserer dörflichen Welt und Quelle der Freude für jedes Kind. Wie alle anderen lernte ich sehr früh schwimmen. Eines Tages schwamm ich bis an das unerreichbar scheinende andere Ufer und entdeckte, dass das Leben dort einfach weiterging. Manchmal beobachtete ich vom Ufer aus die weißen Segelboote, die so ruhig vorbeiglitten wie die Zeit.

Lärm und Trubel herrschten am Lanxi-Fluss nur während des Drachenbootfestes. Sobald die Boote zu Wasser gingen, wurden Büchsen abgefeuert und Trommeln geschlagen. Der fünf Kilometer lange Deich war voll mit Menschen – ein spektakulärer Anblick, der mittlerweile der Vergangenheit angehört, genauso wie die Trommel-, Drachen- und Löwentänze und andere Volksbelustigungen. Die jungen Erwachsenen sind aus Erwerbsgründen fast alle in die Städte abgewandert; es ist, als hätte sich über Nacht eine ganze Generation in Rauch aufgelöst. Niemand beschäftigt sich mehr mit Dingen, die keinen ökonomischen Nutzen haben. Auch die zwischenmenschlichen Beziehungen sind abgekühlt.

Der Fluss ist zum Glück noch nicht verschwunden, doch er hat sich enorm verändert. Nachdem man ein Teilstück zur Fischzucht abgetrennt hat, ist er unbemerkt aus dem Leben der Dörfler verschwunden und niemand verschwendet länger einen Gedanken an ihn. Sein verunreinigtes Wasser wimmelt von Saugwürmern, man kann es weder trinken noch darin baden. Das ist nicht mehr der Lanxi, wie ich ihn kannte.

Es gibt noch eine weitere kommerzielle Maßnahme, die dazu beiträgt, das Bild der Landschaft zu verändern. Es sind die schnell wachsenden Pappeln, deren Anpflanzung, wie es heißt, die Regierung befohlen hat. Die Bäume dienen der Papierherstellung, doch sie ziehen eine Schädlingsart an, die andere Nutzpflanzen bedroht. In kurzer Zeit schießen die Pappeln in die Höhe und versperren mir den Ausblick. Sie geben der Umgebung etwas Enges, Deprimierendes und zerschneiden den Raum. Ich mag sie ebenso wenig wie die neuen Wertvorstellungen der Leute: Während der Mann auf die Kinder aufpasst, arbeitet die Frau in der Stadt als Prostituierte. Sie kommt zwar mit dickem Geldbeutel nach Hause, erregt damit aber gleichzeitig den Neid oder den Hass der Nachbarn.

Heute stehen in meinem Dorf an den Uferböschungen zahlreiche Gebäude. Fast alle sehen gleich aus und scheinen sich heimlich Konkurrenz zu machen. Die Grashänge hat man umgepflügt, um darauf Gemüse anzupflanzen oder Schweinekoben zu errichten, und die Gräben, über die ich als Kind gesprungen bin, wurden mit Müll aufgefüllt. Ab und zu bläst der Wind einige alte Plastiktüten in die Luft.

Eine betonierte Straße führt jetzt direkt zu unserer Haustür. Trotzdem fällt mir jeder Schritt schwer. Ich mag nicht mehr lange verweilen, nehme eilig wieder Abschied und kehre zurück in meine eigene Welt. Lieber erinnere ich mich an mein Dorf und meinen Fluss, den Begleiter meiner Kindheit und Jugend. Er wärmt mich, wo immer ich auch bin. Ich hoffe, sein Wasser wird eines Tages wieder so klar sein wie früher.

Schon viele Jahre habe ich den Fluss nicht mehr im Schnee gesehen. Doch während meines diesjährigen Besuches zum Laternenfest Ende Januar schneit es ausgiebig. Die Flocken lösen sich schnell im Wasser auf, so, als würde die Zeit keine Spuren hinterlassen. Ich fotografiere den Fluss, mache Bilder, auf denen wir beide zu sehen sind. Vielleicht habe ich nur Angst vor dem eigenen Verschwinden.

Aus dem Chinesischen von Frank Meinshausen



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