Wenn einer von uns stirbt

Thomas Hyndman

Im Dorf. Auf der Suche nach einem besseren Leben (Ausgabe II/2012)


Auf dem Weg nach draußen schlüpfe ich in meine Gummistiefel. Den Spaten auf der Schulter, mache ich mich auf den Weg zum Friedhof. Einige der Männer haben bereits begonnen zu graben, zusammen sind wir etwa ein Dutzend. Es wird wenig gesprochen. Du schaust einfach zu und lernst, bis du an der Reihe bist. So macht man das hier. Wir graben, weil es einen Todesfall in der Familie gegeben hat.

Mit „Familie“ meine ich die 65 Einwohner von Fair Isle, eine der schottischen Shetlandinseln und die abgelegenste bewohnte Insel Großbritanniens. Es ist eine sehr kleine Insel, nur etwa drei mal fünf Kilometer groß. Ähnlich wie viele Familien ist unsere Gemeinschaft ein wenig dysfunktional. Hier leben viele starke und unabhängige Persönlichkeiten, die manchmal sehr unterschiedliche Vorstellungen haben. Letztendlich wissen aber alle, dass sie miteinander auskommen müssen. Wenn ich von meiner Familie spreche, sollte ich wohl besser sagen: meine neue Familie. Denn mein elfjähriger Sohn, meine Frau und ich wurden erst vor Kurzem adoptiert. Im November 2006 sind wir aus dem amerikanischen Saratoga Springs, einer Stadt im Bundesstaat New York, nach Fair Isle gezogen. Meine Frau hatte im Radio gehört, dass auf der Insel ein Haus zu vermieten ist. Unter Tausenden Bewerbern wurden wir ausgewählt. Glücklich stürzten wir uns ins Abenteuer. Im Nachhinein würde ich es als Midlife-Crisis bezeichnen.

Nach unserem Umzug fand meine Frau eine Teilzeitstelle als Altenpflegerin. Eine Tätigkeit, die niemand anderes ausüben wollte. Besonders für die älteren Herren waren die Hausbesuche der jungen Amerikanerin ein echtes Event. Für meine Frau war es eine ziemliche Umstellung – vorher hatte sie als Produzentin von Lehrfilmen gearbeitet. Aber sie liebte die Geschichten, die die Alten ihr erzählten – von Wikingern, Schiffsunglücken, der Entdeckung seltener Vögel oder den goldenenen Zeiten des Heilbutt- und Hummerfischens.

Meine Frau hatte angerufen und erzählt, dass einer der Männer  tot sei. Sie war dabei, als er starb. Gemeinsam mit der örtlichen Krankenschwester hatte sie den Toten gewaschen. Sie hatten ihn angezogen und für die Beerdigung vorbereitet. Eigentlich fällt das ja nicht in das Aufgabengebiet einer Altenpflegerin, aber wenigstens konnte meine Frau sich nützlich fühlen in einer Zeit der Trauer. Man ist oft überrascht, was man hier alles tut, einfach weil man es tun muss. Ich habe mein Leben in den USA nie als besonders abgeschottet empfunden, aber noch nie zuvor hatte ich einen toten Menschen außerhalb eines Sargs gesehen. Als man mir nach dem Tod des alten Mannes sagte, ich solle nach dem Mittagessen auf den Friedhof kommen, um beim Graben zu helfen, war auch das etwas völlig Neues für mich.

Während wir graben, wird es auf einmal immer dunkler und dunkler. Einer der Männer erinnert sich, dass er am Morgen in den Nachrichten gehört hat, es werde eine Sonnenfinsternis geben. Da stehe ich also während einer Sonnenfinsternis in dem schon einen Meter tiefen Grab und schaufele. Plötzlich entdecke ich etwas in der Nähe meiner Spatenspitze: einen Schädel! Respektvoll graben wir die Gebeine des Ahnen wieder ein.

Der Sarg kommt als Fracht mit der Fähre, die Freunde und Verwandten mit dem Flugzeug. In der Kirche findet ein einfacher Gottesdienst statt. Dann tragen wir den Sarg auf Stangen zum Friedhof. Wir wechseln uns dabei ab. Die übrigen Trauernden folgen dem Sarg zur letzten Ruhestätte hoch oben auf einem Felsenriff. Von dort kann man links die Nordsee, rechts den Atlantik und den Leuchtturm sehen. Sein Licht zeigt den Toten in der Dunkelheit den Weg.

In den letzten fünf Jahren sind drei der älteren Männer gestorben. Es waren weise Männer, Hüter ungeschriebener Geschichten und Legenden. Ihre Tode waren vorherzusehen und kein großer Schock. Doch in unserem Leben hinterlassen sie eine riesige Lücke. Mit ihnen begraben wir eine Schatztruhe voller kostbarem Wissen.

Aus dem Englischen von Stephanie Kirchner  



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