Du schon wieder

Sharon Macdonald

Im Dorf. Auf der Suche nach einem besseren Leben (Ausgabe II/2012)


In einer urbaner werdenden Welt stehen Dörfer für das Versprechen eines Lebens in „menschlicherem“ Maßstab, wo Nachbarn einander kennen und helfen. Dörfer erwecken sogar den Anschein, ein Gegengift für alle möglichen Übel der Stadt, wie fehlende oder schwache soziale Normen, bereitzuhalten. Dörfer werden also als Orte betrachtet, an denen sich die Menschen „zu Hause“ fühlen und die eine besondere Lebensqualität – nämlich Gemeinschaft – bieten. Selbst wenn sich Ferdinand Tönnies’ Unterscheidung zwischen Gesellschaft und Gemeinschaft nicht direkt auf den Gegensatz von Stadt und Dorf bezogen hat, wird sie oft so verstanden.

Die meisten Arbeiten der Ethnologie wurden klassischerweise im kleinen Rahmen durchgeführt, typischerweise in Dörfern. Dabei kann das, was als „Dorf“ zählt, sehr schwanken. In England versteht man unter einem Dorf etwas Größeres als einen Weiler, aber etwas Kleineres als eine Stadt. Aber eine amtliche Größe für ein Dorf gibt es nicht. Geschichtlich betrachtet unterschied sich ein Weiler von einem Dorf dadurch, dass Letzteres eine Kirche besaß. Heute kann ein Dorf aus nur zehn Haushalten oder einer Bevölkerung einiger Zehntausend Menschen bestehen. In der Vorstellung der Engländer ist ein Dorf ein Haufendorf – und im Idealfall ballen sich die Häuser auch noch um eine Dorfwiese. Diese gemeinsam genutzte Grünfläche, auf der sich das Gemeinschaftsleben abspielt, gehört zum symbolischen Aufbau des Dorfes. Darüber hinaus besitzt das vorgestellte englische Dorf eine Kirche, eine Grundschule, ein paar kleine Läden, einen Gemeindesaal und einen oder mehrere Pubs. Dies alles gehört zur symbolischen Ausstattung der Gemeinschaft: Plätze, wo die Menschen zusammenkommen, um ein harmonisches Sozialleben zu formen.

Sicherlich gibt es Dörfer, die so aussehen, aber es sind wenige. Auf den schottischen Hebriden, wo ich Feldforschungen durchgeführt habe, wird der Begriff township, „Ortschaft“, eher gebraucht als village, Dorf, obwohl in der gängigen Vorstellung der Menschen die Hebriden voller „Gemeinschaft“ sind. Aber townships sind selten als Haufen angelegt, sondern zerstreuen sich entlang von Straßen. Ihre Häuser stehen manchmal weit voneinander entfernt, weil aufgrund des schottischen Pachtsystems die meisten Häuser innerhalb des dazugehörigen Ackerlandes errichtet wurden.

Anthropologen konzentrierten ihre Forschung früher oft auf Dörfer, weil sie annahmen, dass diese eine soziale Einheit bildeten und eine überschaubare Größe für die Untersuchung hätten. So könnten sie die verschiedenen gesellschaftlichen Bereiche, die zum Aufbau eines harmonischen sozialen Ganzen beitragen, beobachten. Viele Studien sahen es als gegeben an, dass das Sozialleben so „funktionierte“.

Aber es gab auch schon früh Forschungen, die ihre Aufmerksamkeit auf Konflikte und unterschiedliche Interessengruppen innerhalb eines Dorfes richteten. Ein Beispiel dafür ist Ronald Frankenbergs „Communities in Britain“ von 1966. Darin untersuchte er anhand verschieden großer sozialer Einheiten, von kleinen Dörfern bis hin zu Städten, das Thema Gemeinschaft. Frankenberg kam zu der Auffassung, dass Gemeinschaft nichts sei, was eindeutig mit der Größe eines Ortes zusammenhängt: Es gibt Dörfer ohne Sinn für Gemeinschaft und es gibt Städte mit ihm. Dennoch spielen natürlich Ausmaß und Größe einer menschlichen Siedlung eine Rolle. Dies liegt zuerst daran, dass in kleineren Orten die Gelegenheiten für persönliche Beziehungen größer sind. Daneben gibt es die sogenannte „soziale Redundanz“, das heißt die Leben der Menschen überschneiden sich auf vielfältige Art und Weise: Der Postbote mag nicht nur der sein, der die Briefe bringt, sondern steht vielleicht auch im Tor des örtlichen Fußballteams und sitzt im Komitee, das das Frühlingsfest des Dorfes organisiert. Frankenberg zeigt, dass das entscheidende Element der Gemeinschaft nicht die gesellschaftliche Harmonie ist, sondern dass „Menschen einander nie gleichgültig sind“.

Das zeigt sich auch in Teilen meiner eigenen Arbeit. Auf den Hebriden habe ich im Norden der Isle of Skye geforscht, in einer Reihe von townships, die zu der Zeit, als ich dort arbeitete, halb offiziell unter der neuen Bezeichnung „Staffin community“ zusammengefasst wurden. Diese neue Gemeinschaft wurde von der Regierung durch den Aufbau einer Gemeindegenossenschaft und einer Gemeindehalle finanziell unterstützt. Durch Gemeindegenossenschaften konnten sich die Mitglieder zusammenschließen, um an staatliche Fördermittel zu gelangen, und so etwa kleinere Geschäfte gründen. Obwohl dies unter dem Label „Gemeinschaft“ geschah, waren nicht unweigerlich alle, die in der Gegend lebten, beteiligt, und einige Gemeindeentwickler wurden von manchen Ortsansässigen heftig abgelehnt. Bisweilen entpuppte sich die Gemeindegenossenschaft als ein Hauptgrund für Konflikte innerhalb der Gemeinschaft. Die staatlichen Stellen waren sehr besorgt darüber, weil sie gehofft und angenommen hatten, dass Gemeindeentwicklung innerhalb einer Gemeinschaft ganz von selbst und reibungslos verlaufen würde.

Obwohl die „Staffin community“ erst seit Kurzem existierte und die sozialen Beziehungen in ihr wahrlich nicht völlig harmonisch waren, zeigten sich dennoch einige Merkmale, die ich als charakteristisch für Gemeinschaften ansehe. Insbesondere waren die Menschen einander sicherlich nicht gleichgültig. Fast jeder kannte die Namen seiner Nachbarn sowie die der anderen, die in der Gemeinschaft lebten. Häufig wussten sie noch eine Menge über sie: Wer ihre Verwandten waren, welche Berufe sie ausübten, seit wann sie dort wohnten und für wen sie in den verschiedenen Konflikten über die Jahre Partei ergriffen hatten. Außerdem waren die Menschen durch verwandtschaftliche Beziehungen miteinander verbunden. Und es gab „lokale Berühmtheiten“, die jeder zu kennen schien.

Es gab auch eine ganze Menge sozialer Überschneidungen: Man konnte dieselben Leute in der Kirche, bei gemeinsamen landwirtschaftlichen Arbeiten und auf der Post treffen. Einige Menschen, gerade die lokalen Berühmtheiten, füllten mehrere Rollen aus: Der Arzt war außerdem der Zeremonienmeister beim Ceilidh, den traditionellen schottischen Tanzveranstaltungen, und in der Hauptsaison traf man ihn auch schon einmal als Aushilfe auf den Feldern. Weil die Gesamtbevölkerung ziemlich klein – um die 600 Menschen – und die Anzahl der Treffpunkte überschaubar war (eine Post, einige Läden, eine Bar, eine Praxis, eine Gemeindehalle, drei Kirchen sowie einige Plätze der nahen aber auch kleinen Inselhauptstadt), begegnete man oft denselben Leuten. Selbst wenn man ihre Namen nicht kannte, veränderte das den Charakter der sozialen Beziehungen. Diese veränderte Wahrnehmung eines Ortes, an dem man dieselben Menschen immer wieder in verschiedenen Situationen trifft, hat die Forschung auch in anderen Bereichen bemerkt. An der Bartlett School of Architecture am University College London fanden die Forscher Folgendes heraus: Menschen nahmen Orte, die so angelegt waren, dass sich die Leute beim Aufenthalt mehrmals treffen konnten, wie etwa in der Londoner Tate Gallery, als freundlicher wahr als Orte, die dies nicht zuließen. Sozialgeografen kamen zu ähnlichen Ergebnissen, als sie die Verteilung von Straßenkreuzungen untersuchten: In Orten, wo die Kreuzungen weit voneinander entfernt liegen, wie im kalifornischen Irvine, gibt es wenige Gelegenheiten für Zufallsbegegnungen mit anderen aus der Nachbarschaft. Solche Orte werden als stärker sozial isolierend wahrgenommen. In Dörfern wiederum ist die Wahrscheinlichkeit für solche wiederholten Begegnungen höher als im urbanen Umfeld, aber nicht zwangsläufig. Der Charme des Haufendorfes gründet sich womöglich auch hierauf.

Heutzutage sind viele Dörfer im Grunde Schlafsäle für die Städte. Die Mehrheit ihrer Einwohner verlässt die Dörfer morgens auf dem Pendlerpfad und kehrt nur abends zum Schlafen zurück. Dennoch werden in vielen Orten erhebliche Anstrengungen unternommen, um die Gemeinschaft durch örtliche Organisationen und Vereine zu fördern. Das Hauptmotiv sind die Sorge um die Lebensqualität und die Umwelt. Häufig spielen dabei Neuankömmlinge, auch die Pendler, eine führende Rolle. Diese Entwicklung wird teilweise davon angetrieben, dass diese Menschen sich bewusst einen Ort zum Leben ausgesucht haben, wo sie hoffen, eine Gemeinschaft zu finden. Obwohl manche Orte bestimmte geografische und soziale Merkmale besitzen, die den Sinn für Gemeinschaft fördern können, sollten wir nicht vergessen, dass er auch durch aktives gesellschaftliches Engagement hervorgerufen werden kann.

Aus dem Englischen von Rosa Gosch



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