Fruchtbare Fernbeziehungen

Doug Saunders

Im Dorf. Auf der Suche nach einem besseren Leben (Ausgabe II/2012)


Auf den ersten Blick sieht Biswanath aus wie ein beliebiges Reisbauerndorf in Bangladesch. Da sind die wackligen, aus Holz und Wellblech errichteten Hütten, voneinander getrennt durch schmale, unbefestigte Pfade, die durch unter Wasser stehende Reisfelder führen, bewohnt von Familien, die von weniger als einem Dollar am Tag leben. Man sieht Kinder, die in den Reisfeldern Fische fangen, sieht Erwachsene bei der Erntearbeit mit Sensen oder im Dorf als Rikschafahrer. Das ist die zeitlose Armut des Landlebens und Sylhet, diese entlegene Gegend im Norden von Bangladesch ist schon seit langer Zeit einer der ärmsten Flecken auf Erden.

Nähert man sich dann der belebten Ortsmitte, zeigt Biswanath jedoch ein ganz anderes Gesicht: Dort gibt es Dutzende mehrstöckige Geschäftshäuser und sogar ein komplettes Einkaufszentrum, Al Hera, das mit einer Rolltreppe, Rauchglasfenstern und Klimaanlage aufwarten kann. Verkauft werden dort unter anderem Schuhe, Unterhaltungselektronik, Kosmetika und Toiletten nach westlichem Vorbild. Es gibt Restaurants, Fast-Food-Lokale und Kebabverkäufer, viele von ihnen benutzen englische Schilder und Namen wie „London Fried Chicken“, und eine erstaunliche Zahl von Immobilienmaklern. Dieses Dorf ist hochgradig urbanisiert.

Der nächste Schock folgt, sobald man das Dorf wieder verlassen hat. Dort wird der Blick zum Horizont nach jeweils einem Dutzend Hektar durch gewaltige, drei oder vier Stockwerke hohe, moderne Häuser unterbrochen, die meist über eine schön gestaltete Dachterrasse und einen fachkundig angelegten, von Mauern eingefassten Garten verfügen. Das sind die sogenannten „Londoni“-Häuser, Eigentum der und in absentia erbaut von den Familien, die nach London beziehungsweise nach Großbritannien gingen. Diese palastartigen Landsitze sind oft nur wenige Wochen im Jahr bewohnt, wenn die Londoni-Verwandten zu Besuch kommen. Irgendwo in der unmittelbaren Nähe eines großen Londoni-Hauses steht meist eine eindrucksvolle einstöckige Residenz, die ebenfalls mit aus Großbritannien stammenden Geldmitteln errichtet wurde und von den in der Heimat gebliebenen Verwandten der Londonis bewohnt wird. In der weiteren Umgebung dieser Gebäude befinden sich die sehr viel bescheidener ausfallenden Unterkünfte der Dutzenden von Arbeitern und Bediensteten, von denen einige aus ärmeren Dörfern hierhergezogen sind, um sich ihren Anteil am Londoni-Geld zu sichern.

Die Londonis wohnen zwar in ihrer Wahlheimat oft in Sozialwohnungen und verdienen manchmal kaum mehr als den britischen Mindestlohn, doch diese Einkünfte reichen aus, um im ländlichen Sylhet eine Art Feudalherren zu sein. Ihr Reichtum hat Arbeitsplätze geschaffen, einen Bauboom ausgelöst und die Dörfer der Region in wirtschaftliche Zentren verwandelt, die ihre eigenen Migrationswellen erleben. Zu einem typischen Londoni-Haushalt gehören mindestens ein Dutzend Hektar bewirtschafteter Felder, mehrere groß angelegte Bauvorhaben, ein paar Läden im Dorf und vielleicht noch eine Beteiligung an einem Straßen- oder Moscheebauprojekt; ein solches Anwesen bietet zu jeder Zeit zwölf bis hundert Sylhetis einen festen, dauerhaften Lohn.

Hier traf ich Hunderte von Menschen wie Mominul Islam, einen 21 Jahre alten Mann, dessen Vater mit der Arbeit in den Reisfeldern aufwuchs und mit „Monga“ zu kämpfen hatte, einer in einer bestimmten Jahreszeit immer wieder auftretenden Hungersnot. Mominul zählte während seiner Kindheit zu den ärmsten Menschen auf Erden, hatte kaum ausreichend zu essen, besaß keine Schuhe und schlief auf der blanken Erde. Heute führt er ein ganz anderes Leben, ohne dafür umgezogen zu sein. Sein Onkel ging in den 1960er-Jahren nach London, arbeitete dort eine Zeit lang in Fabriken und eröffnete dann, als Großbritanniens Industrie einen Niedergang erlebte, im Londoner Norden ein Curryrestaurant mit Straßenverkauf. Mit dem Geld, das er jeden Monat nach Hause schickte, wurde ein kleines Reich aufgebaut: ein riesiges Londoni-Haus, verschiedene Mietshausprojekte in der Gegend und eine Ladenkette und vermietete Ladengeschäfte im Dorf. Der Onkel überwacht das Ganze bei seinen beiden jährlichen Besuchen, ansonsten obliegt die Verwaltung Mominul, der nebenan wohnt und außerdem mehrere Dutzend Menschen beschäftigt, die auf den Feldern der Familie arbeiten. Die Familie konnte sich zuvor vom Ertrag eines Dreiviertelhektars kaum ernähren; heute, nachdem sie den Besitz anderer abgewanderter Familien aufgekauft hat, baut sie auf einer Fläche von 25 Hektar verschiedene ertragreiche Feldfrüchte an und verkauft sie auf dem Markt. Bangladesch muss trotz großer und fruchtbarer eigener Anbauflächen Nahrungsmittel importieren. Mominuls Familie und Tausende andere, die es ihr gleichtun und Nahrungsmittel über den eigenen Bedarf hinaus anbauen, arbeiten an der Beseitigung dieses Zustands.

Das aus Geschäften im Osten Londons und Birmingham überwiesene Geld hat den Norden von Bangladesch verändert. Etwa 95 Prozent der in Großbritannien lebenden 500.000 Bangladescher stammen aus dem ländlichen Sylhet. Die gesamte Geldmenge, die sie und andere Migranten aus Bangladesch an die Familien in der Heimat überweisen, beläuft sich auf elf Milliarden Dollar im Jahr, eine Summe, die den gesamten Exporteinkünften des Landes entspricht und viel höher ist als die gesamten ausländischen Hilfsgelder, die jährlich ins Land kommen.

Hier, in der allerintensivsten Form, werden wir zu Augenzeugen eines weltweiten Phänomens: der Verstädterung des Dorfes. In drei Vierteln der Welt, die im Osten und im Süden liegen, ziehen Hunderte Millionen Menschen vom Land in die Stadt – es ist dieselbe Massenbewegung, die im 18. und 19. Jahrhundert Europa veränderte. In Asien und Afrika gibt es jeden Monat fünf Millionen neue Stadtbewohner. Dies ist die größte Bevölkerungsverschiebung der Menschheitsgeschichte. Weniger sichtbar, aber vielleicht noch dramatischer als die Veränderung der Städte, ist die Art und Weise, in der sich durch diese Wanderungsbewegung das Leben auf dem Land verändert. Das Geld, das die fernen Verwandten in der Stadt überweisen, sorgt in den Bauerndörfern für einen Wandel weg von der Subsistenzwirtschaft – bei der die Familien Landwirtschaft betreiben, um zu überleben – und hin zu einem marktorientierten, einträglichen bäuerlichen Betrieb. Im ländlichen China ist nicht mehr die Landwirtschaft die größte Einnahmequelle, sondern das Geld, das die Verwandten aus der Stadt schicken – Geld, mit dem die Ausbildung der Kinder und die Umwandlung des landwirtschaftlichen Betriebs in ein Unternehmen finanziert werden. So entwickeln sich die Dinge auch im ländlichen Polen, in Marokko, El Salvador und Dutzenden weiteren Ländern. Wir sollten diese gewaltigen Veränderungen begrüßen, denn das an der Selbstversorgung orientierte Landleben war möglicherweise die weltweit häufigste Todesursache: Drei Viertel aller Todesfälle durch Unterernährung und Armut entfallen auf ländliche Gebiete in Regionen mit vorwiegender Selbstversorgung. Der Kern des Landlebens ist nicht mehr die Beziehung zum Land, sondern die Beziehung zur Stadt. Diese stärker werdende Beziehung war der nahezu ausschließliche Grund dafür, dass im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends die Zahl der in absoluter Armut lebenden Menschen so stark zurückging. Die Umstellung von einer familienorientierten Subsistenzlandwirtschaft auf eine marktorientierte, einträgliche Landwirtschaft sorgt für eine um ein Vielfaches vergrößerte Menge an Nahrungsmitteln und trägt dazu bei, die Nahrungsmittelkrise, die die Welt seit 2008 heimsucht, zu beenden, so wie im 19. ?Jahrhundert das Phänomen der Hungersnot aus Europa verschwand.

Dies bedeutet nun nicht, dass die bäuerlichen Kleinbetriebe in den Entwicklungsländern nach dem Vorbild der Verstädterung in Europa und Nordamerika zu großen, marktorientierten Unternehmen zusammengelegt werden oder werden sollten. Manche bäuerlichen Kleinbetriebe sind zwar für jede Art von rentabler Landwirtschaft offensichtlich zu klein, aber Wirtschaftswissenschaftler haben festgestellt, dass kleinere Höfe in armen Ländern effizienter und profitabler arbeiten und dabei mehr Menschen Arbeit bieten als größere Betriebe. Sie müssen nicht größer werden, sie brauchen Investitionen. Eine den Grundbedarf abdeckende Zufuhr von Geldmitteln und Fachwissen macht einen bäuerlichen Subsistenzbetrieb zu einem Arbeitsplätze schaffenden, für den Markt produzierenden Hof. Zu geringe Investitionen in die Landwirtschaft sind gegenwärtig eines der größten Probleme in der Welt. Doch dies ändert sich allmählich. Die umfangreichen chinesischen Investitionen in die Landwirtschaft Afrikas südlich der Sahara machen zum Beispiel diese Region langsam zu dem Brotkorb, der sie schon immer hätte sein sollen. In den meisten Fällen werden jedoch die Verbindungen zwischen dem Dorf und einer weit entfernten Stadt für die Investitionen sorgen, die eine zweite Grüne Revolution braucht.

Die Landwirtschaft ist für Menschen in Dörfern wie Biswanath heute nicht mehr die vernünftigste Art, sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Nur für eine kleine Kerngruppe ist es noch attraktiv, eine kleine oder mittelgroße marktorientierte Landwirtschaft zu betreiben. Eine etwas größere Gruppe zieht es vor, als Landarbeiter auf fremden Feldern tätig zu sein. Die größte Gruppe der Dorfbewohner jedoch verlegt sich lieber auf nicht mit der Landwirtschaft verbundene Tätigkeiten.

Einigen Menschen dienten die Londoni-Rück-überweisungen als Startkapital für einen dauerhaften Wechsel zu lukrativeren Tätigkeiten. Ein Beispiel ist die 47-jährige Montaj Begum, die drei Geschwister und zwei Kinder hat, die in London arbeiten, mehrheitlich in Curryrestaurants. Die Rücküberweisungen der Angehörigen machten ihren elf Hektar großen Reisanbau zum ersten Mal seit Jahrzehnten produktiv. Doch als die Gelder aus London abnahmen, weil die dortigen Verwandten ihre Kinder auf die Universität schickten, erkannte Montaj Begum, dass ihr Lebensstand langfristig noch immer davon abhing. Sie sparte die gesamten Überweisungen von zwei Jahren und eröffnete mit diesen Mitteln zwei Geschäfte im Dorf, einen Laden für Mobiltelefone und einen Montagebetrieb für Fensterläden, und übergab das Ackerland einem Nachbarn, der sich für moderne Anbaumethoden interessierte.

Auf dem Land schafft das Geld und das Wissen, das aus London und Dhaka hereinkommt, Konsumgütermärkte, wo es zuvor weder so etwas wie ein Verbraucherverhalten noch die Möglichkeit, Geld zu verdienen, gegeben hatte, und sorgt so für Investi­tionen in die Landwirtschaft. Es ist eine von Frauen angeführte Form des Fortschritts, denn Frauen übernehmen auf den Dörfern oft die Führung bei Investitionen in Bewässerungsanlagen, Handwerksbetriebe und die Vermarktung von landwirtschaftlichen Produkten. Einige der Londonis übernehmen Investi­tionen in die Zukunft, die eigentlich eine Regierung tätigen sollte, im Falle von Bangladesh aber oft damit überfordert ist. Neben einer Reihe von Schulen, die Englischunterricht anbieten, von Migranten gebaut wurden und Dorfbewohnern Arbeitsplätze bieten, gibt es in Biswanath vier vollständig ausgebaute Colleges, die alle mit Londoni-Geld eingerichtet wurden und betrieben werden, und alle scheinen sehr gefragt zu sein, denn sie sind voll belegt. Die einheimische Bevölkerung hat auch nach dem höheren Schulabschluss eifrig in die weitere Bildung ihrer Kinder investiert, um ihnen bessere Chancen zur Erlangung des Einwandererstatus in Großbritannien oder anderswo in der englischsprachigen Welt zu verschaffen oder sie für potenzielle ausländische Ehepartner attraktiver zu machen. Und noch eine Veränderung wird in Sylhet bereits sichtbar: In Bangladesch, wo es noch vor einer Generation riesige Familien und ein unkontrollierbares Bevölkerungswachstum gab, nähert sich die Familiengröße inzwischen den europäischen Verhältnissen an.

Das kann zum Idealziel für das Dorf werden: Es entwickelt sich zu einem Ort, an dem ein paar Menschen profitable landwirtschaftliche Betriebe führen, viele weitere ihren Lebensunterhalt mit Lohnarbeit auf den Höfen verdienen und die übrigen ihr Glück im örtlichen Dienstleistungsgewerbe finden. Auf diese Weise bereitete in Europa die Abwanderungswelle vom Land in die Stadt dem Bauerndorf ein entschieden unromantisches Ende, und wir können darauf hoffen, dass sich das in den anderen zwei Dritteln der Welt wiederholt. Das Schicksal des Dorfes hängt weitgehend von der Art ab, in der die Länder ihre wichtigsten Städte verwalten, und von den Rechten und Ressourcen, die den dort lebenden Migranten zuteilwerden. Wenn wir unsere Städte gut verwalten, werden wir die Probleme der ländlichen Armut, des Bevölkerungswachstums und der Versorgung mit Nahrungsmitteln lösen. In den armen Zuwanderervierteln liegt die Zukunft des Dorfes und die Zukunft der Welt.

Aus dem Englischen von Werner Roller



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