Tanz mit dem Trauma

Nandita Dinesh

Im Dorf. Auf der Suche nach einem besseren Leben (Ausgabe II/2012)


Früher war das Leben für mich ein Wettrennen. Es erschien mir so kurz, und wer wusste schon, wie viel Zeit noch bleiben würde. Das Rennen führte mich von meiner Heimat Indien nach Guatemala, Nordirland und Ruanda. Ich wollte erproben, ob Theater in ehemaligen Konfliktgebieten ein Mittel der Heilung sein konnte. In dieser Zeit ging es mir vor allem darum, so viele Projekte wie möglich zu verwirklichen. Irgendwann wurde es mir aber einfach zu viel. Die Geschichten, die man an solchen Orten hört, fordern auf Dauer ihren mentalen und gesundheitlichen Tribut. Ich fühlte mich plötzlich alt – und nicht auf eine gute Weise. Heute mache ich zwischen den einzelnen Projekten längere Pausen, um die Erfahrungen und meine Arbeit zu reflektieren.

Als Kind wollte ich Wirtschaftsprüferin werden, oder Geschäftsfrau. Beides waren in Coimbatore, meinem südindischen Geburtsort, auch für Frauen respektable Berufe. Außerdem arbeitet mein Vater in der Finanzbranche. Ich war eine engagierte Schülerin und lernte klassischen indischen Tanz, seit ich drei Jahre alt war. Mit 15 kam ich auf das United World College in Pune, Westindien. Dort war viel von der Notwendigkeit gesellschaftlicher Veränderungen die Rede und ich beschloss, Entwicklungsökonomin zu werden. Zusätzlich belegte ich einen Theaterkurs – eigentlich nur, weil Kunst Pflichtfach war und ich mir den Kurs recht leicht vorstellte. Doch ich verliebte mich ins Theater. Trotzdem begann ich erst während meines Studiums am Wellesley College in den USA, ernsthaft darüber nachzudenken, einen künstlerischen Beruf zu ergreifen. Mein drittes Studienjahr verbrachte ich in Uganda. Zu meiner Beschämung musste ich feststellen, dass im Norden des Landes ein Krieg im Gange war, von dem ich bisher keine Ahnung gehabt hatte. Ich entschloss mich, dorthin zu fahren, um mir ein Bild von der Lage vor Ort zu machen. Wenn man an Kriege denkt, fallen einem natürlich zuerst die allerschrecklichsten Dinge ein, zu denen Menschen fähig sind, und nicht Ästhetik und Unterhaltung. Deshalb hat es mich völlig umgehauen, als ich in Norduganda eine Gruppe Theaterleute traf, die Entwicklungsarbeit machten. Ich war fasziniert von der Idee, dass Kunst dabei helfen kann, Leiden zu verringern. Im Jahr nach dem College bekam ich ein Stipendium, um in einige Konfliktregionen zu reisen. In Ruanda lernte ich eine Nichtregierungsorganisation kennen, die versuchte, die Traumatisierung von Völkermordüberlebenden mithilfe von Theater zu lindern. Ich wurde gefragt, ob ich mitarbeiten wolle, und sagte zu. 2008 leitete ich einen Theater-Workshop in Ruanda, an dem 20 junge Leute teilnahmen. Am Ende des Workshops, im April, veranstalteten wir ein Festival, zur gleichen Zeit, zu der das Land jedes Jahr der Opfer des Völkermordes gedenkt. Eine Teilnehmerin des Workshops kam hinterher zu mir und sagte: „Das ist das erste Mal, dass ich während dieser Zeit nicht traurig bin. Und der Grund ist das, was du hier tust.“ Aber in Ruanda kamen mir auch Zweifel an meiner Arbeit. Auf der Abschlussparty des Festivals – alle saßen fröhlich beisammen und redeten darüber, wie Theater die Gesellschaft verändern kann – bekamen wir die Nachricht, dass Familienmitglieder eines der Schauspieler wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit ermordet worden waren. Gleich morgen wolle er die Mörder finden und töten, verkündete daraufhin ein anderer junger Mann. Mir wurde plötzlich klar, mit welcher Naivität ich an die ganze Sache mit dem Theater als Heilmittel herangegangen war – ohne das Ausmaß der Geschichte wirklich zu begreifen. Ich spürte, dass ich in Ruanda eine Außenseiterin war. Es war auch diese Einsicht, die mich dazu brachte, 2009 nach Indien zurückzukehren. Hier unterrichte ich in Pune, am gleichen College, das ich früher selbst besucht habe. Parallel mache ich immer noch Theaterprojekte, zum Beispiel in dem umstrittenen Bundesstaat Jammu und Kashmir. 

Protokolliert von Stephanie Kirchner



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