Hörsaal war gestern

von Aike Jürgensmann

Menschen von morgen (Ausgabe I/2009)


Platz 5: Christine Haynes: Einführung in das Alte Testament (Yale University)
Die Religionswissenschaftlerin fasziniert nicht durch extravagantes Verhalten, sondern durch inhaltliche Kompetenz. In glasklarer Sprache widerlegt sie einige der verbreitetsten Missverständnisse über das Alte Testament: „Die Bibel ist kein religiöses Handbuch. Im Hebräischen des Alten Testaments gibt es kein Wort für Religion.“ Ein Musterbeispiel an pädagogischem Eros.

Platz 4: Shelly Kagan: Der Tod (Yale University)
Kagan widerlegt mit seinem Auftreten so manches professorale Klischee: In Hemd, Jeans und Turnschuhe gekleidet, sitzt der Inhaber eines Philosophielehrstuhls am liebsten im Schneidersitz auf dem Tisch, Oberkörper und Arme sind ständig in Bewegung. Zeitweise grimassiert der Spezialist für normative Ethik so sehr, dass es wirkt, als müsse er jeden Satz separat aus der Lunge quetschen.

Platz 3: Walter H.G. Lewin: Klassische Mechanik (Massachusetts Institute of Technology)
Lewin ist mit seinen Physik-Vorlesungen im Internet derart populär geworden, dass er schon die Titelseite der New York Times zierte. In den 1980er-Jahren wurde der gebürtige Niederländer mehrfach für seine Lehrtätigkeit ausgezeichnet. Das Timing und die Dramaturgie des inzwischen 72-Jährigen sind perfekt. Jeder Satz, jeder Handgriff sitzt. Durchschnittlich 40 Stunden investiert Lewin in die Vorbereitung.

Platz 2: Randy Pausch: Wie man seine Kindheitsträume verwirklicht (Carnegie Mellon University)
Der Informatikspezialist wusste zum Zeitpunkt seiner „last lecture“, dass er wenige Monate später an Krebs sterben würde. Er lässt die wichtigsten Stationen seiner Karriere Revue passieren und beeindruckt durch ungebrochene Lebensfreude. Lächelnd vollführt er Liegestütze und bringt seiner weinenden Ehefrau ein Geburtstagsständchen. Und dennoch: Die Summe eines Lebens als durchgestylte PowerPoint-Präsentation zu sehen, hat bei aller Bewunderung für Pauschs Courage auch etwas Befremdliches.

Platz 1: Slavoj Žižek: Fürchte deinen Nachbarn wie dich selbst (Boston University)
Der Mann, der dynamisch das Rednerpult entert, könnte auf den ersten Blick Fernfahrer sein: weite Hosen, Schlabber-T-Shirt, struppiger Vollbart. Was jedoch folgt, ist eine wunderbar erfrischende Kritik des Multikulti-Toleranzdenkens, in deren Verlauf Žižeks Händchen für politisch unkorrekte Pointen und seine Selbstironie für hörbares Vergnügen sorgt. Das ständige Zupfen an Bart und T-Shirt lässt zuweilen vermuten, der slowenische Philosoph übersetze das Gesagte parallel in einen geheimen, binären Gebärdencode.



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