Die Sonne scheint für alle

von Douglas Diegues

Brasilien: alles drin (Ausgabe I/2013)


Immer wenn ich in Rio de Janeiro den Strand betrete, gerate ich in ein glückseliges Delirium. Selbst an bewölkten, kühlen Tagen ruft Rio de Janeiro eine psychedelische Verzauberung hervor. Albert Camus notierte bei seinem Besuch in Brasilien, dass die "cidade maravilhosa" - die wunderbare Stadt - ihm im Regen sogar noch schöner erscheine. Viele der herrlichsten Sambas entstanden zwischen Strand und Kneipe, Häusern und Hügeln der Stadt. Für den Anthropologen Roberto DaMatta ist der Strand der großartigste Ort in der "cidade maravilhosa". Der Strand bietet Raum für demokratisches, dionysisches Vergnügen: Nichts ist hier zwingend, nichts langweilig.
Kneipen und Restaurants werden immer teurer. Kino und Theater immer unerschwinglicher. Plätze und Straßen gefährlicher.

Nicht so der Strand. Er ist und bleibt das schönste Vergnügen, das Rio zu bieten hat - umsonst und draußen. An den Strand gehen Reiche und Arme, Einheimische und Fremde, Menschen und Außerirdische, ja, sogar Hunde können je nach Tag und Tageszeit genussvoll ins Meer tauchen. Der Strand ist das einzige wirklich kollektive Kulturerbe, denn vorerst gehört er keinem. Angestellte, Atheisten, Buddhisten, Doktoren, Drogenhändler, Journalisten, Katholiken, Künstler, Hippies, Heteros, Hipsters, Macumbeiros, Models, Muslime, Rechtsanwälte, Surfer, Spione, Technokraten, Transvestiten, Terroristen, Vagabunden - die Sonne scheint für alle und verlangt nichts dafür. Die urbanen Stämme vermischen sich vielleicht nicht untereinander, doch sie respektieren sich und pflegen einen freundlichen Umgang.

Die Strände von Ipanema, Leblon und Copacabana lancieren Modetrends fürs ganze Land, ja sogar fürs Ausland. Auf den sandigen Laufstegen werden das ganze Jahr über Neuschöpfungen vorgeführt: Bikinis, Tangas, Hüfttücher, Taillenpflaster (um die Bräune noch zu betonen), temporäre Tattoos oder Einwegpiercings. Der Bikini wurde 1946 durch den Franzosen Louis Réard kreiert, in Rio tausendmal neu erfunden und erlangte schließlich Weltruhm durch Brasilianerinnen wie Leila Diniz, die in den 1950er- und 1960er-Jahren die Moralvorstellungen der Cariocas, der Einwohner von Rio, auf eine harte Probe stellte. Der Strand ist auch die Bühne, auf der Minderheiten wie Gays, Feministinnen, Rentner und Prostituierte sich nicht nur freier bewegen können, sondern auch sichtbar sind. Die Strände von Rio de Janeiro sind ein Raum existenzieller Freiheit. Hier dürfen die Menschen nach Belieben Indios, Schwarze, Brasilianer sein, auch wenn sie Yankees, Deutsche, Türken oder Japaner sind. Ohne schützende Kleidung wirken die Körper einerseits bescheidener, wahrhaftiger, unmittelbarer; anderseits kennen die durchtrainierten, glatten, festen Körper weder Scham noch Unschuld und stellen sich vor den entzückten, betörten Augen aller zur Schau.

An Rios Stränden erblicken neue Wörter, Slangs und sandige Philosophien das Licht der Sonne und werden später im ganzen Land populär, wie "marombado" (statt "musculoso") für "muskulös" oder "popozuda" für eine Frau mit einem ebenmäßigen, voluminösen, festen Gesäß. An Rios Stränden wird viel getrunken: Bier, Guaraná, Wasser, Cola, Cashewsaft, Kokoswasser, Eis-Mate. Auch Caipirinha darf nicht fehlen, so wenig wie Drinks mit seltsamen Namen wie Jungfernpipi, Witwenpipi, Französinnenhonig oder Mulatinnenlikör, die aus Zuckerrohrschnaps, Wodka, Limettensaft, Martini, Cinzano, Campari, Rum, Likör, Wein, Tequila in jeder erdenklicher Kombination gemixt werden. Dann sind da noch die Strandverkäufer, die mit ausgetüftelten Stimmtechniken um die Aufmerksamkeit ihrer Kunden buhlen. Sie verkaufen so ziemlich alles: Krabbenspieße, Handtücher, gegrillten Käse, Hüfttücher, arabisches Essen, paraguayi­sche Ray-Ban-Sonnenbrillen, Bikinis, Kondome, Maniokflips, Gleitgel, CDs und DVDs in Raubkopie.

In den 1950er-Jahren kam in Kneipen mit zweifelhaftem Ruf, die man die kleinen Höllen der Copacabana nannte, der Bossa Nova auf. Seither ist die Freude am Strand ungebrochen. Sicher, die Verschmutzung hat zugenommen, doch die Strände behandeln jeden zuvorkommend und höflich, sei er ein guter oder ein schlechter Wilder. Und so sind die Strände Rios schöne, zärtliche Strände der menschlichen Freiheit, Strände, wo die Meeresgöttin Iemanjá gefeiert wird, Strände der Ekstase und des solaren Irreseins, Strände der zufälligen Begegnung, des Flirts, der Verführung, des Glücks und der Liebe.

Aus dem Portugiesischen von Odile Kennel



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