Nachwuchs aus Nahost

von Robert S. Eshelman

Menschen von morgen (Ausgabe I/2009)


Seit dem frühen 19. Jahrhundert bieten renommierte Frauencolleges in den Vereinigten Staaten ein einzigartiges Studium der Liberal Arts bestehend aus Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften. Bryn Mawr, Smith, Wellesley, Mount Holyoke und Barnard, um nur die berühmtesten zu nennen, betonen einerseits wie gemischte Colleges – ein fächerübergreifendes Studium generale. Darüber hinaus legen sie besonderes Gewicht auf „empowerment“, die gesellschaftliche Stärkung von Frauen. Nicht zufällig absolvierten Emily Dickinson, Margaret Mead, Hillary Clinton und Madeleine Albright hier ihr Studium.

Doch Frauencolleges haben Nachwuchsprobleme. Nach Angaben der American Association of Collegiate Registrars and Admissions Officers gibt es derzeit weniger als 60 Frauencolleges, 1960 waren es noch etwa 300. Seit den 1960er-Jahren allerdings hat die Frauenbewegung die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern schrumpfen lassen. 1972 verabschiedete der amerikanische Kongress zudem ein Gesetz, nach dem jede Bildungsmaßnahme, die durch staatliche Gelder gefördert wird, ohne Diskriminierung des Geschlechts zugänglich sein muss. Einer Studie des Randolph-Macon-Colleges eines ehemaligen Frauencolleges aus dem Jahr 2006 zufolge würden nur drei Prozent aller Studienanfängerinnen ein reines Frauencollege in Betracht ziehen.

Vertreter von Bryn Mawr, Smith, Wellesley, Mount Holyoke und Barnard reisten daher im März 2008 in den Nahen Osten, um die Werbetrommel zu rühren. Sie besuchten Gymnasien und trafen Studentinnen und Eltern, die sich für die Vorzüge eines Frauencolleges interessierten. Denn auch wenn man am moralischen Ansehen der USA zweifelt, wie Umfragen im Nahen Osten regelmäßig bezeugen, haben Studenten und Familien aus Nahost nach wie vor großes Interesse, von den akademischen Vorzügen kapitalkräftiger, renommierter Universitäten zu profitieren.

„Frauen, die den Hidschab tragen, fühlen sich bei uns vielleicht ein bisschen wohler als an anderen Colleges, da hier nur Frauen studieren“, so Karen Kristof, Leiterin des Zulassungsbüros am Smith College in Nort-hampton, Massachusetts. „Wir sind kein Kloster, sondern ein sehr liberaler Ort, aber das Gefühl der Sicherheit, unter Frauen zu sein, von denen viele aus dem Ausland stammen, spricht für uns.“

Diese Vorstellung beruhigt nicht nur angehende Studentinnen, sondern auch ihre Eltern. Frauencolleges kommen ihnen zudem mit besonderer Unterstützung entgegen, um die kulturelle Eingewöhnung zu erleichtern. Neue Smith-Studenten aus dem Nahen Osten erhalten zum Beispiel einen Orientierungskurs, bevor die allgemeine Einführung für alle Studienanfänger beginnt. Doch trotz der kulturellen Sensibilität seitens der Verwaltung und einer heterogenen Studentinnenschaft, die sich am Smith College aus 72 Ländern zusammensetzt, ist der Aufenthalt nicht ohne Probleme. Kristof erklärt, dass Männerbesuche am Wochenende erlaubt sind. Für junge Frauen aus dem Nahen Osten kann dann ein einfacher Gang zum Badezimmer problematisch werden.

Die Elitecolleges der Ostküste sind nicht die einzigen Frauencolleges, die ihr Augenmerk auf den Nahen Osten richten. Das Mills College im kalifornischen Oakland wirbt ebenso aktiv in der Region. Nach Aussage von Giulietta Aquino, Dekanin für die Zulassung von Studienanfängerinnen, hat Mills in den vergangenen zwei Jahren verschiedene Delegationen empfangen. Im letzten Frühjahr habe etwa eine Delegation aus dem Irak das College besichtigt.

Dennoch ist die Gesamtzahl an Studentinnen aus dem Nahen Osten in den USA gering, und die von der Bush-Regierung nach dem 11. September 2001 eingeführten Visa- und Reiseeinschränkungen haben ihre Zahl nur noch weiter sinken lassen. Aber so gering sie auch sein mag, ihr potenzieller Einfluss ist nicht zu unterschätzen. „Nur zwei Prozent unserer Studentinnen stammen aus dem Ausland, aber sie sorgen für eine globale Perspektive und eine Vielfalt, die für uns am Mills College außerordentlich wertvoll ist. Studentinnen aus Nahost sind auch Botschafterinnen ihrer Kultur und Religion, die häufig missverstanden wird“, so Aquino.

Es wird nicht leicht sein, die Vorbehalte in den USA gegenüber dem Nahen Osten zu entkräften. Doch wenn Frauen aus dem Nahen Osten an einem Frauencollege studieren, tragen sie dazu bei, den Blick auf die Region und den Islam zu verschieben. Zugleich setzen die-se Studentinnen wichtige Diskussionen über kulturelle Normen mit Familienmitgliedern in ihrem Heimatland in Gang.

Aus dem Englischen von Claudia Kotte
 
 



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