Viel Geld, kaum Wissen

von Sofia Donoso

Vom Sterben. Ein Heft über Leben und Tod (Ausgabe IV/2012)


Chile erlebte wie viele andere Teile der Welt im Jahr 2011 landesweite Massenproteste. Von Mitte Mai an schufen die Universitätsstudenten eine Bewegung, der die größte Massenmobilisierung des Landes seit der Wiedereinführung der Demokratie im Jahr 1990 gelang. Mit neuen, frischen Aktionsformen schafften sie es schnell in die Medien. 3.000 Studenten tanzten beispielsweise als „Zombies des Bildungssystems“ verkleidet zu Michael Jacksons „Thriller“ vor dem chilenischen Präsidentenpalast. Andere umrundeten ihn joggend ununterbrochen 75 Tage lang. Die 1.800 Stunden sollten die 1,8 Milliarden US-Dollar symbolisieren, die nach Meinung der Studenten nötig wären, um die 300.000 bedürftigsten Studierenden des Landes zu unterstützen.

Die Hochschüler fordern eine öffentliche, frei zugängliche und hochwertige Bildung, aber auch mehr bürgerliche Mitbestimmung in der Politik. Die Bewegung verfügt über talentierte Führungspersonen wie den Präsidenten der Studentenvereinigung der Universität von Chile, Gabriel Boric, oder das Gesicht der Bewegung, die charismatische Geografiestudentin Camila Vallejo und ist bis heute ungebrochen aktiv. Ende Juni dieses Jahr gingen erneut über 100.000 Menschen in der Hauptstadt Santiago auf die Straßen und auch im August gab es wieder teils eskalierende Proteste. Umfrageergebnisse bescheinigen den Studierenden bis zu 90 Prozent Zustimmung in der Bevölkerung. Die amtierende rechtskonservative Regierung reagierte auf die Proteste recht unentschieden. Mal versuchte sie, die Studenten zu kriminalisieren, mal unternahm sie halbherzige Reformversuche. Aus den Erfahrungen der letzten großen Bildungsproteste von Sekundarschülern aus dem Jahr 2006 resultiert jedoch ein großes Misstrauen gegenüber dem politischen Establishment und seiner Reformwilligkeit.

Nur ein Blick auf das chilenische Bildungssystem und seine gravierenden Missstände kann erklären, warum die Bewegung so langlebig und erfolgreich ist. In den 1980er-Jahren wurde das Bildungssystem nach neoliberalem Muster neu geformt. Die öffentlichen Ausgaben für Bildung wurden drastisch gesenkt und Anreize für den Aufbau eines privaten Bildungsmarktes geschaffen. Nur einen Tag, bevor das Militär die Macht abgab, wurden die massiven Veränderungen in einer Verfassungsreform festgegossen. Die Mitte-Links-Koalition, die das Land von 1990 bis 2010 regierte, konnte die Eckpfeiler dieses geerbten Bildungssystems aufgrund institutioneller Zwänge kaum ändern und versuchte stattdessen durch schrittweise Reformen zu mehr Qualität und Chancengleichheit zu kommen. In einem Punkt waren diese Reformen erfolgreich: Sowohl die Zahl der Studierenden, als auch die Zahl der Oberschüler stieg in Chile in den letzten zwei Dekaden dramatisch an. Die meisten Chilenen schließen heute eine Sekundarschulbildung ab und von den 18- bis 24-Jährigen besuchen fast 40 Prozent eine Hochschule. Sieben von zehn sind in ihren Familien die Ersten, die studieren.

Doch für diesen Fortschritt zahlen die Chilenen einen hohen Preis. Je stärker der private Bildungsmarkt ausgebaut wurde, umso schlechter wurden die Bedingungen in den öffentlichen Institutionen. Die chilenische Studentenschaft segmentiert sich in Vermögende und Unvermögende. Die Studiengebühren an den Hochschulen stiegen in den 1990er-Jahren dramatisch an – um bis zu 50 Prozent an vielen Universitäten. Heute liegen die durchschnittlichen Studiengebühren pro Jahr bei 6.150 US-Dollar. In Relation zum Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, das für das Jahr 2011 auf 16.500 US-Dollar geschätzt wird, hat Chile damit die teuersten Studiengebühren der Welt. Familien, die nach ihrem Verdienst zu den unteren 60 Prozent gehören und ein Kind an einer Hochschule haben, geben 40 Prozent ihres Einkommens für die Hochschulbildung aus. Viele chilenische Studenten haben hohe Bildungskredite aufgenommen und es zeichnet sich ab, dass diese Investitionen sich in Zukunft nicht auszahlen und viele auf ihren Schulden sitzen bleiben werden.

Ohne Zweifel reproduziert das gegenwärtige Bildungssystem soziale Ungleichheit. Für die heutige Generation, die mit der scheinbaren Gewissheit aufwuchs, dass Bildung der entscheidende Faktor für soziale Mobilität ist, sind die offenkundigen Ungleichheiten unerträglich. Auch wenn es nicht sehr wahrscheinlich ist, dass die Studenten alle ihre Forderungen durchsetzen können, haben sie mit ihrer effizienten Organisation und der kreativen gemeinschaftlichen Aktionen viel erreicht: Sie haben dem Land eine wichtige Debatte aufgezwungen, nicht nur über das Bildungssystem, sondern auch über politische Reformen für mehr Demokratie.

Aus dem Englischen von Karola Klatt



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