Kann der Westen zuhören?

von Lily Huan-Ming Ling

Vom Sterben. Ein Heft über Leben und Tod (Ausgabe IV/2012)


1988 stellte die postkoloniale Kritikerin Gayatri Spivak ihre berühmte Frage „Can the subaltern speak?“ (Kann die Subalterne sprechen?). Die Subalternen sind für sie die benachteiligten, unterrepräsentierten Frauen der Dritten Welt, die von einem doppelten Sexismus zum Schweigen gebracht werden – in ihrer Heimat vom Patriarchat, im Ausland durch den Imperialismus. Unter diesen Umständen, so Spivak, haben die Frauen der Dritten Welt nur geringe Chancen, gehört, geschweige denn beachtet zu werden.

Ich stelle die Frage anders: Kann der Westen zuhören? Auch wenn arme ungebildete Frauen der Dritten Welt für sich selbst sprechen würden, könnte der Westen sie hören. Würde er das, was sie zu sagen hätten, eigentlich ernst nehmen? Ich bezweifle es. Nicht notwendigerweise, weil der Westen jene, die arm und ungebildet sind oder aus der Dritten Welt stammen, generell nicht weiter berücksichtigt. Auch nicht, weil es dem Westen und dem Rest der Welt an einer gemeinsamen Sprache oder Kultur fehlt, um einander verstehen zu können. Und noch nicht einmal, weil der Westen zu reich, zu arrogant oder zu selbstgefällig ist.

Diese Gründe spielen gewiss eine Rolle, aber ich denke, etwas viel Wichtigeres blockiert das Hörvermögen des Westens. Er kann die anderen nicht hören, da er seine eigene innere Stimme überhört: die Stimme des Mitgefühls nämlich, die an die eigenen Kämpfe für Freiheit, Wohlstand und Menschenrechte erinnert. Stattdessen dominiert eine äußere Rücksichtslosigkeit. Der Westen prahlt mit Siegen und Eroberungen und der scheinheiligen Hymne „Ich-bin-der-Bes­te-und-ihr-müsst-mir-folgen“. Dieses Gebaren mag einigen gefallen, es kann jedoch nicht von Dauer sein. Letzten Endes wird niemand verschont, wenn er taub bleibt. Der Westen muss sich selbst zuhören, bevor er anderen zuhören kann. Kurz gesagt: Der Westen benötigt eine Therapie.

Aber zunächst einmal möchte ich klarstellen, was ich unter dem Begriff „Westen“ verstehe. Er kann eine spezifische geografische Lage bezeichnen (Nordamerika, Westeuropa), mit einem besonderen kulturellen Erbe (Moderne) und einer genetischen Veranlagung (in den USA wird diese mit dem Adjektiv „caucasian“ bezeichnet). Mein Verständnis des Westens bezieht sich jedoch eher auf eine bestimmte Haltung oder Einstellung, die aus all dem hervorgegangen ist und sich auf viele Gegenden und Menschen außerhalb des geografisch-kulturellen Westens übertragen hat. Wir begegnen dieser Einstellung täglich, meistens im Fernsehen, sowohl bei Kommentatoren und Sachverständigen als auch bei führenden Politikern anderer Staaten, deren Akzent ungewohnt sein mag, die in interessanter Aufmachung daherkommen und unterschiedliche Ziele verfolgen können, aber immer auf dieselbe Weise über die Welt diskutieren und in dieser agieren. Einige Beispiele westlicher Stimmen, die nicht aus dem Westen stammen, sind interessanterweise diejenigen, die behaupten, den Westen zu verachten. Sie äußern sich in Debatten wie dem aktuellen Diskurs über eine Süd-Süd-Kooperation, die der Nord-Süd-Tyrannei entgegenwirken soll, aber eigentlich reproduzieren sie nur dieselben Strukturen, Ideen und sozialen Verhältnisse.

Was bedeutet diese westliche Einstellung letztendlich? Mit den USA als Zentrum der heutigen westlichen Welt konzentrieren sich meine Erörterungen auf die amerikanische Version des Westens. Ich greife eine alte Zigarettenwerbung auf, den ikonischen „Marl­boro Man“. Er repräsentiert die USA beziehungsweise den Westen als unabhängig, einzigartig und außergewöhnlich, seine Zukunft ist so überwältigend und frei wie die Prärien, über die er reitet. In den letzten Jahrzehnten wurde er durch eine jüngere, modernere und scheinbar gesündere Figur ersetzt: den Coca-Cola Guy. Der Coca-Cola Guy verkörpert grenzenlose und jugendliche Leidenschaft, die zu ewiger Liebe heranreift. Coke ist schließlich „the real thing“.

Nun könnte man fragen: Schaden diese Bilder eigentlich irgendjemandem? Sie sind romantisch und lustig, genau das, wovon wir mehr im Leben brauchen. Ich behaupte, die Gefahr besteht darin, dass die ergreifenden Melodien des Marlboro Man und die fröhlichen Werbespots des Coca-Cola Guy die anderen Stimmen des Westens übertönen, die sagen: „Moment mal! Nicht alles hier ist so perfekt und großartig. Vielleicht können wir noch so einiges von anderen lernen.“ Trotz ihrer Unterschiede liegen der Coca-Cola Guy und der Marlboro Man auf einer Wellenlänge – Anspruchsdenken und ein Gefühl der Einzigartigkeit kennzeichnen diese, ganz so wie die USA, als Repräsentant des Westens, über die Welt denken, in ihr handeln und sich auf diese beziehen.

Ich möchte einige Beispiele dafür anführen, wie sich diese äußere Rücksichtslosigkeit übertriebener Männlichkeit oder Hypermaskulinität auf die internationalen Beziehungen auswirkt. „Wir haben diesem Land die Souveränität geschenkt“, verkündete der frühere US-Senator John Warner allen Ernstes am 23. Oktober 2006 auf Fox News Sunday in Bezug auf den Irak. Es scheint Warner entgangen zu sein, dass niemand einem souveränen Staat die Souveränität „schenken“ kann. Die Zahl der Todesopfer nach fast zehn Jahren US-Besatzung im Irak und in Afghanistan beläuft sich mittlerweile auf ungefähr 20.000 jährlich (Zivilpersonen und Militär).

Für die Autoren Thomas Friedman und Michael Mandelbaum brennen andere bereits darauf, die „neuen Amerikaner“ des neuen Jahrhunderts zu werden. In ihrem 2011 erschienenen Buch „That Used To Be Us: How America Fell Behind In The World It Invented And How We Can Come Back“ warnen sie davor, dass Amerika seinen eigenen Qualitätsansprüchen nicht mehr genügen und somit anderen Ländern wie China oder Indien die Möglichkeit eröffnen könnte, diese gerissen nachzuahmen. Friedman und Mandelbaum kommen jedoch zu dem Schluss, dass diese Rivalen ihr Ziel nicht erreichen werden, da letztendlich Amerika gebraucht wird, um die Welt zu gestalten: „Die restliche Welt schaute auf die errungenen Siege des Kalten Krieges und sagte: ,Wir wollen so wie sie leben‘.“

Der Harvard-Historiker Niall Ferguson stimmt eifrig in die Jubelrufe ein. In seinem ebenfalls 2011 erschienenen Buch „Der Wes­ten und der Rest der Welt: Die Geschichte vom Wettstreit der Kulturen“ dokumentiert er den Aufstieg des „glücklichen“ Westens an die Weltspitze, wobei dieser von sechs sogenannten „Killerapplikationen“ profitiert habe: Wettbewerb, Wissenschaft, Eigentumsrecht, Medizin, Konsum und Arbeitsmoral. Wie Friedman und Mandelbaum, so behauptet auch Ferguson, dass die anderen diesen Weg zum Erfolg lediglich nachahmen. Der Westen, warnt Ferguson, sollte nicht vergessen, was ihn hat groß werden lassen. Wäre dies der Fall, würde sich die restliche Welt, getrieben von Neid und Rache, diesen Ruhm zu eigen machen und somit den Niedergang des Westens vorantreiben. Für Ferguson und seine Clique ist der Rest der Welt gleichbedeutend mit der nicht westlichen Welt. Aber Robert Kagan hat bereits aufgezeigt, dass sich diese hypermaskuline Rücksichtslosigkeit auch gegen das wenden könnte, was traditionsgemäß zum Westen gehört: Europa.

In seinem Artikel „Macht und Schwäche“, der 2002 erschien, zeigte er unvereinbare Differenzen zwischen hypermaskulinen, kriegerischen und hegemonialen USA („Mars“) und einem sehr femininen, friedliebenden und häuslichen Europa („Venus“) auf. Mars-USA, schreibt Kagan, verhalte sich genau so, wie alle „mächtigen Nationen es tun“, wohingegen sich Venus-Europa „die Strategien der Schwachen“ zu eigen macht. Im Januar 2012 brachte Kagan seine Ansichten in einer Stellungnahme für die amerikanische Denkfabrik Brookings Institution auf den neuesten Stand. Er behauptete, allein das „amerikanische System“ verfüge über die nötige Qualifikation, „sich den Schwierigkeiten anzupassen und diese in den Griff zu bekommen, während andere Nationen, einschließlich geopolitischer Rivalen“ dazu nicht in der Lage seien. Es ist nicht weiter überraschend, dass er zu dem Schluss gelangt, dass die Entscheidung über die zukünftige Weltordnung „letztendlich in den Händen der Amerikaner liegt“.

So weit zum Gelärme dieser äußeren Rücksichtslosigkeit. Der Westen zollt keine Anerkennung dafür, dass er von anderen profitiert hat, sei es, indem er etwas von ihnen gelernt, entlehnt oder sie gar geplündert hat. Noch nicht einmal die politische Ökonomie spielt eine Rolle.

Aber eine andere Stimme erklingt ebenfalls im Westen. Sie erinnert vor allem an vergangene Kämpfe und Solidarität in Zeiten der Sklaverei, der Armut und Depression, und nicht an Anspruchsdenken und Eigengesetzlichkeit inmitten von Reichtum und Privilegien. Es sei hier nur an das klassische Spiritual „All My Trials“ aus der Sklavenzeit erinnert. Es verspricht Befreiung und Erlösung im Jenseits, kritisiert aber auch die gegenwärtigen Lebensumstände.  Oder an den großen Liedermacher Woodie Guthrie, den die Weltwirtschaftskrise lange, nachdem sie auskuriert war, noch inspirierte. Als kritische Antwort auf die patriotische Hymne Irving Berlins „God Bless America“ schrieb Guthrie 1940 „This Land Is Your Land“. Viele glauben, Guthrie habe eine Ode an Amerika geschrieben, aber schon nach den ersten Strophen hören wir die scharfsinnige politische Stimme heraus, die mit dem für Guthrie typischen Mitgefühl, Trotz und Humor spricht. Auch heute noch ertönt diese andere, innere Stimme des Westens. Marvin Gayes großartiger Songtext über die Umweltverschmutzung „What’s Going On?“ von 1971 ist Jahrzehnte später noch immer aktuell. Die Black Eyed Peas analysierten in „Where Is The Love?“ von 2003 die Rassendiskriminierung. Und natürlich existiert Amerikas innere Stimme nicht ohne die Stimme Bob Dylans, hierbei sei vor allem an sein 2006 erschienenes Album „Working Man’s Blues #2“ erinnert.

Ich könnte noch weiter fortfahren, aber ich denke, ich habe meinen Standpunkt deutlich gemacht. Der Marlboro Man und der Coca-Cola Guy müssen mit ihren Vorfahren ins Reine kommen, den Plantagensklaven und den in der Weltwirtschaftskrise ­­verarm­ten Farmern, wie auch mit ihren Zeitgenossen, den Arbeitern und Minderheiten. Vielleicht findet der Westen so eine gewisse Balance, die es ihm erlaubt, durch das eigene innere Reservoir an Kritik und Gewissen, das Anspruchsdenken und die Attitüde der Einzigartigkeit dieser äußeren Rücksichtslosigkeit hinter sich zu lassen.

Es werden immer mehr Stimmen laut, die einen solchen internen Dialog einfordern. Neben der Occupy-Bewegung, die als Zeichen des Protests gegen Finanzmanipulationen der Wall Street spontan im September 2011 entstand, gibt es seit Kurzem weitere Bewegungen in Richtung einer Veränderung des Systems. Forderungen nach einer transnationalen Justiz werden laut, damit multinationale Gesellschaften nicht denken, sie können Arbeitnehmer auf lokaler Ebene ausnutzen und damit auf globaler Ebene davonkommen. Überlegungen zu „slow cities“, „slow food“ und „slow living“ im Hinblick auf Stadtplanung und Design und um Fastfood und anderen Begleiterscheinungen unserer rasend schnellen Moderne entgegenzuwirken, werden geteilt. Ein neues Umweltbewusstsein, das die Müllentsorgung sowie die Nutzung der Ressourcen in Privathaushalten und Unternehmen von Grund auf verändern wird, verbreitet sich. Alternative Heilpraktiken wie Yoga oder Akkupunktur, die herkömmliche Behandlungsmethoden ergänzen, ja sogar ersetzen können, gewinnen Anhänger. Sogar das Glück wird als Staatsziel gerade neu entdeckt. Nur wenn der Westen auf diese Stimmen hört, kann er auch anderen zuhören.

Aus dem Englischen von Katrin Thomaneck



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