„Europa muss sich öffnen“

von Peter Sutherland

Vom Sterben. Ein Heft über Leben und Tod (Ausgabe IV/2012)


Die globale Migration des 21. Jahrhunderts ist das Ergebnis zahlreicher Faktoren, von denen viele sich nicht steuern lassen. Es gibt gefährliche Figuren im Migrationsspiel – Schmuggler und Menschenhändler, die aus Menschen Kapital schlagen. Es gibt die Globalisierung und den technologischen Fortschritt, die unsere Welt so eng haben zusammenwachsen lassen wie nie zuvor. Und dann ist da noch der vielleicht wichtigste Faktor von allen: die Demografie.

Demografische Prognosen können hinderlich sein, aber auch hilfreich – und mehr als alles andere können sie sensationell falschliegen. Lassen Sie mich nur ein Beispiel dafür geben: 1955 wurde vorausgesagt, dass Großbritannien im Jahr 1993, also gut vierzig Jahre später, 53 Millionen Einwohner haben würde. Tatsächlich waren es jedoch rund 58 Millionen Einwohner, also noch fünf Millionen Menschen mehr als prognostiziert. Die Analysten lagen falsch, da sie den Babyboom der Sechziger nicht vorausgesehen hatten. Also prognostizierten sie 1965, nun, da sie es besser wussten, dass Großbritannien im Jahr 2000 75 Millionen Einwohner haben würde. Doch die Geburtenraten fielen; die Einwohnerzahl betrug 2000 gerade einmal 59 Millionen.

Beschäftigt man sich eingehender mit den Statistiken, so ist es durchaus sinnvoll, sich näher mit der Geburtenrate auseinanderzusetzen. In den meisten Ländern der westlichen Welt liegt diese seit einer Generation bei unter 2,1 Kindern pro Frau. Diese  Zahl wäre nötig, um die Einwohnerzahl konstant zu halten. In mehreren Ländern Süd- und Osteuropas ist die Geburtenrate fast um die Hälfte gesunken, in diesen Ländern wird die Bevölkerung bis 2050 um ein Viertel schrumpfen. Der daraus resultierende Mangel an jungen Erwerbstätigen wäre fatal für die europäische Wirtschaft. Selbst wenn ver­stärkt Frauen und Minoritäten gefördert und das Renten­alter angehoben würde, gäbe es nicht genügend Arbeitskräfte. Und auch wenn man die Zahl der Geburten kurzfristig steigern könnte – beispielsweise durch finanzielle Vorteile für junge Familien oder die Verbesserung der Kinderbetreuung –, würde einige Zeit vergehen, bis sich dies auf den demografischen Trend auswirkte (man nennt dieses Phänomen demografisches Momentum oder Trägheitseffekt).

Einwanderung ist also unverzichtbar und ich denke, sie ist – wenn man sie richtig bewerkstelligt – für alle Beteiligten positiv. Es gibt wahrscheinlich viele Menschen, die damit nicht einverstanden sind und die Zahl der Migranten stark einschränken oder Immigration ganz unterbinden wollen. Sie sollten jedoch gut bedenken, was sie sich da eigentlich wünschen. Europa könnte eines Tages neue Immigranten suchen – und dann feststellen müssen, dass diese bereits anderswo Fuß gefasst haben. Schon heute ziehen Länder wie Brasilien, Indien, China oder die Schwellenländer Südostasiens die ehrgeizigsten Arbeitskräfte an. Es sind Menschen mit einer guten Ausbildung ebenso wie solche, die einfach nur hart arbeiten wollen. Sie sind bereits auf dem Weg in diese neuen Eldorados. Und warum auch nicht? Warum sollten sie nach Europa kommen, wo sie verteufelt und ausgeschlossen werden?

Eine kürzlich durchgeführte Ipsos-Umfrage er­gab, dass mehr als 56 Prozent der Europäer glauben, es gäbe zu viele Einwanderer in ihrem jeweiligen Land. Dies meinten mehr als zwei Drittel der Befragten in Belgien, Großbritannien, Italien und Spanien. In Deutschland, Frankreich und Ungarn waren es mehr als die Hälfte. Die Mehrheit der Befragten in allen europäischen Ländern (außer Schweden und Polen) sagte außerdem, Einwanderung wirke sich negativ aus – erneut lagen hier Belgien, Großbritannien, Italien und Spanien an der Spitze. Insgesamt glaubten nur erschreckend niedrige 17,5 Prozent der europäischen Bevölkerung, Immigration sei positiv. Europa sollte sich ernsthaft fragen, wie diese Wahrnehmung berichtigt werden kann. Nicht nur, um sicherzustellen, dass weiterhin Menschen nach Europa einwandern wollen. Denn Europa ist längst ein Ziel für Einwanderer geworden – ganz so wie die USA, Kanada und Australien. Es muss sich somit der Herausforderung stellen, wahrhaft integrative Gesellschaften aufzubauen.

Wird heutzutage über Integration diskutiert, hört man oft das Argument, die Immigranten selbst sollen alle Last tragen. Sie müssen die Sprachen erlernen, europäische Bräuche annehmen und sich an die europäischen Gesetze halten. All dies trifft natürlich zu. Aber Integration bedeutet auch, dass man es den Immigranten ermöglicht, das zu werden, was sie sein wollen – durch Bildung, Arbeit und Beteiligung am politischen und sozialen Leben. Dies macht letztendlich das Wesen unserer modernen liberalen Demokratien aus. Europas Offenheit wird über seine Wettbewerbsfähigkeit im 21. Jahrhundert entscheiden. Wenn die europäischen Staaten als tolerante Gesellschaften anerkannt werden, in denen alle Menschen ihre Ziele verwirklichen können, dann wird Europa für die besten und klügsten Köpfe attraktiv.

Aus dem Englischen von Katrin Thomaneck



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