Rotkäppchen und der Tiger

von Claudia Schmölders

Vom Sterben. Ein Heft über Leben und Tod (Ausgabe IV/2012)


Heiligabend 1812 lag auf dem Weihnachtstisch der Schriftstellerin Bettine von Arnim ein eher unscheinbares Geschenk: „Kinder- und Hausmärchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm“. Niemand konnte ahnen, dass hier, im Herzen der deutschen Romantik, im Outfit eines gedruckten Buches, eine ungeheure Weltliteraturgeschichte des gesprochenen Wortes begann. Jacob und Wilhelm Grimm, die beiden Rechtsstudenten aus Kassel, geboren 1785 und 1786, erwiesen sich im Laufe der Jahre nicht nur als begnadete Sammler von Märchen, sondern auch als Erfinder einer neuen Wissenschaft namens Germanistik. Ihr Sinn für den deutschen Volkston, ihre wissenschaftliche Leidenschaft für die deutsche Grammatik und Sprache und, last but not least, ihre denkwürdige Bruderliebe, haben im 19. Jahrhundert ganz Euro­pa angesteckt. Überall fand man plötzlich nationale Überlieferungen, durchsuchte Archive, befragte alte Leute nach ihren Erinnerungen und betrieb Sprachforschung.

Auf einer internationalen Gedenkkonferenz „zum 200. Geburtstag der Ersterscheinung“ in Lissabon im Juni 2012 konnte man jüngst einen Eindruck von dieser Weltkarte der oralen Poesie gewinnen, die damals entstand. Eine eigene Kulturindustrie ist daraus geworden, angefangen von der hessischen „Märchenstraße“ in Hanau bis hin zu Theoriepalästen aus Philosophie, Religion, Mythologie und Sozialgeschichte, vor allem feministischer Färbung – von pornografischen und sonstigen Vermarktungen ganz zu schweigen. Jack Zipes, der wohl einflussreichste Herold der europäischen  Märchen in den USA, Ideen­historiker, Übersetzer, Herausgeber und selbst Erzähler, wies bei der Tagung darauf hin, dass die meisten Motive bis in die Urgeschichte der Zivilisation zurückreichen. Denn Märchen sind Träger von sich verbreitenden Bewusstseinsinhalten, von der heutigen Evolutionsbiologie „Meme“ genannt. Sie reflektieren intelligente Werkzeuge des Überlebens, Handlungsanweisungen und Szenen des Daseins. Als Beispiel nannte Zipe­s die weitverbreitete Geschichte „Sechse kommen durch die ganze Welt“, die schon 1920 ins Koreanische übersetzt wurde und 1972 als DEFA-Film im Kino zu sehen war. Ein ausgebeuteter und entlassener Soldat aus irgendeinem Krieg sammelt empörte Gleichgesinnte auf der Landstraße, um sich am König zu rächen. Jeder einzelne Kamerad verfügt über irgendeine zauberhafte Sonderbegabung, und sie helfen einander bis zum guten Ende. „Collective action“ heißt hier die soziale Botschaft, die von vielen Märchen geteilt wird.

Die hochliterarische Vorform stammt aus Griechenland: die Geschichte der Argonauten, Ho­mers reisende Helden auf dem mythischen Schiff Argos. Kurze Geschichten und Plots prägen sich jedem Kind ein. Kein Wunder also, dass alle Kulturen Märchen besitzen und dass es einen globalen Erzählschatz gibt, auch wenn die Geschichten oft in den Dienst nationaler Profile genommen werden. Angefangen hat diese Globalisierung, sagt Zipes, schon mit den Grimms, deren Gewährsleute von den Hugenotten abstammten und ihnen Geschichten aus Frankreich erzählten. Das berühmteste Beispiel ist „Rotkäppchen“, dem der Märchenforscher 1984 sein erstes Buch gewidmet hat. Die Geschichte hat eine rüde sexuelle Botschaft und einen archaischen Ursprung, den schon der französische Autor Charles Perrault in seiner Schriftfassung von 1697 verschleierte – er wollte für die feine Gesellschaft schreiben. Das archaische Rotkäppchen findet bei seiner Großmutter im Regal eine Flasche Wein und eine Schüssel mit Fleisch – aber es ist Blut und Fleisch der Großmutter selbst, denn im Bett liegt längst der Wolf und lauert auf das Kind. Es isst und trinkt und steigt zu ihm ins Bett, aber dann merkt es die Falle, springt heraus und entkommt.

Viele Forscher haben nach Rotkäppchen gesucht und sind fündig geworden: in China, in Russland, im Norden und im Süden, in der hohen Literatur wie in der pornografischen, in Bildern, Zeichnungen, Karikaturen und Trickfilmen. Aber erst Wolfram Eberhard, ein Tübinger Sinologe, konnte bei Forschungen in Taiwan in den 1960er-Jahren die asiatische Urform von „Rotkäppchen“ entdecken. Bei rund hundert Familien chinesischen Ursprungs fand er sage und schreibe mehr als 240 erzählte Varianten der Geschichte; offenbar war sie die beliebteste von allen Grimm-Märchen. Nicht ein Wolf, sondern ein als Großmutter verkleideter Tiger macht sich darin über das Mädchen her, das Verschlingen wird geradezu genüsslich Bissen für Bissen geschildert. Eberhard vermutet, dass diese Version womöglich noch älter ist als die französische.

Figuren wie der Wolf oder der Tiger gehören zur Gruppe der „Oger“, der Menschenfresser, die in fast allen Kulturen eine Rolle spielen. Manche Theorien sehen Initiationsriten im Motiv des Verschlingens, andere denken an die Hungersnöte der frühen Menschheit, bei denen es auch in der Realität zu Kannibalismus gekommen sein könnte. In Asien wurden Grimms Märchen schon im 19. Jahrhundert gern gelesen. In China wurden sie gar bekannter als die Bibel. In Japan gab es erste Übersetzungen schon 1887. Auch in Afrika finden sich schon früh Spuren, von Aschenputtel etwa bereits um 1900. Die wirklich große Stunde der Globalisierung für das Märchen begi?nnt jedoch mit der Erfindung des Films. Wo zuvor archaische Emotionen herrschten, zog nun der Kitsch ein. Seit Walt Disney „Schneewittchen“ 1937 als abendfüllenden Trickfilm verfilmte, konnte die angelsächsische Welt den Namen der Brüder vergessen. Märchen im bewegten Bild stammten nun einfach von Disney. Auch die beiden jüngsten Verfilmungen von „Schneewittchen“ aus den USA – „Mirror Mirror“ von Tarsem Singh mit Julia Roberts als Queen und „Snow White and the Huntsman“ von Rupert Sanders mit Charlize Theron als Queen ? haben nichts mit den Grimm-Brüdern zu tun: die Stories sind entweder zu süßlich oder zu offensiv feministisch.

Aus heutiger Sicht interessant ist im Hinblick auf Volksmärchen auch die Frage des Urheberrechts, auf das manche Staaten schon seit einiger Zeit pochen. Gleichzeitig macht sich im Zeitalter von Wikipedia unbeliebt, wer anonyme Volksliteratur unter dem eigenen Namen veröffentlicht, sich also Commons zu eigen macht.

Trotzdem wurden 2005 die Korrekturexemplare der Brüder Grimm in der Erstauflage 1812/1815 in das Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommen. Eine Art Triumph, wenn man bedenkt, dass die Alliierten noch 1945 die Geschichten aus den Bibliotheken verbannen wollten – ihre Grausamkeit habe womöglich Auschwitz mit verursacht.



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