Paula

von Cees Nooteboom

Vom Sterben. Ein Heft über Leben und Tod (Ausgabe IV/2012)


Du hast mich gerufen, ich antworte. Ob du es hörst, weiß ich nicht. Hier wirkt eine Chemie, die ich nicht beherrsche. Vielleicht geht es über die Haut, über das Foto, das du ans Fenster gestellt hast. Du hast nicht laut gesprochen, und trotzdem habe ich deine Stimme erkannt. Das meine ich mit Chemie. Ich lerne hier viel. Zunächst einmal, daß keine der Vorstellungen zutrifft, die ich mir je vom Tod gemacht hatte. Das ist das erste, was wir hier lernen. Ich sage wir, aus alter Gewohnheit, aber außer mir ist niemand da. Hier müssen unendlich viele Tote sein, doch sie sind abwesend in ihrem eigenen Tod, genau wie ich in meinem. Ich bin kein Körper mehr. So habe ich es mir nie vorgestellt: daß da nichts sein würde, an dem ich mich festhalten kann.

Keine Substanz. Kein Licht und kein Schatten. Keine Temperatur und keine Zeit. Im übrigen, hier? Es gibt kein Hier. Ich glaube nicht, daß ich es erklären kann. Es gibt nichts vor mir und nichts hinter mir. Ich lebe noch, aber um mich sind keine Gegebenheiten. Es hat lange gedauert, bis ich das verstand. Wie kann man von lange sprechen, wenn es keine Zeit gibt? Ich habe keine neue Sprache bekommen, ich muß mich behelfen. Ich kann mich nicht sehen, aber ich weiß, daß ich da bin. Ohne Körper. Um mich herum ist nichts. Auch kein Raum. Wenn ich sage, daß ich dich gehört habe, so stimmt das. Wenn ich sage, daß ich noch lebe, so stimmt das auch.

Vielleicht sollte ich nicht versuchen, das zu erklären, sondern nur sagen, wie es ist, in Begriffen, die auf dich abgestimmt sind, die du als Begriffe verstehst, auch wenn du den Zustand nicht verstehst. Ich bin völlig allein, wie alle anderen Toten, die ich nicht sehe und nicht höre. Ich bin meine Erinnerungen, das immerhin, aber ich weiß nicht, wie lange ich sie festhalten kann. Erst danach bin ich wirklich tot, das meine ich, wenn ich sage, ich lebe noch. Ich bin zwar gestorben, aber ich bin nicht tot. Für mein Gefühl muß ich vorher etwas zu Ende bringen. Vielleicht stimmt es, daß wir noch eine Weile an den Orten umherirren, an denen wir einst waren, und deshalb noch etwas sagen können. Oder nur meinen, daß wir noch etwas sagen und jemand uns dann hört. Ich weiß es nicht. Manchmal merke ich, daß ich nach wie vor in Begriffen meines Körpers denke, allerdings in Form von Kummer, nein, Verlust. Phantomschmerz geht ein wenig zu weit, wenn der ganze Körper verschwunden ist, aber etwas in der Art muß es sein. Doch es gibt keine Geschichte, die das trifft.

Ich weiß, daß mich im Gymnasium die Geschichte von Odysseus in der Unterwelt so bewegt hat. Wie er seine Mutter sieht, all die bleichen Schatten, die sich an ihn klammern. Also, so ist es nicht. Niemand besucht uns, soviel weiß ich schon. Wir müssen an einer Vergangenheit arbeiten, die uns langsam entgleitet. Zukunft gibt es für mich nicht, nur Vergangenheit. Vergangenheit, die nicht mehr zur Zeit gehört. Eine andere Kategorie. Du mußt ab jetzt davon ausgehen, daß alle meine Worte Versuche sind, Fälschungen, um weiter in deiner Sprache zu sprechen. Vielleicht sind wir ja eine gefährliche Gesellschaft. Es gibt Völker, bei denen der Name des Toten tabu ist. Er hat keinen Namen mehr. Ihr Name darf nie mehr genannt werden. In Japan bekommen die Toten nach ihrem Ableben einen anderen Namen, einen Totennamen. Vielleicht habe auch ich einen. Ich weiß es nicht.

Ich habe keinen Platz mehr, kein Wo, kein Wann. Aber laß mich beim Augenblick meines Todes beginnen, wenn er sich auch sicherlich nicht so abgespielt hat, wie ihr denkt. Einen überirdischen Lichtschein gab es jedenfalls nicht, sondern einfach nur einen Hotelbrand und die entsprechende Panik. Ein Flammenmeer, Angst, dann Rauch. Ich habe nicht gelitten, falls du das wissen willst, ich war betäubt, habe mich hinausgeschlichen, aus dem Leben, damit hatte das Ganze noch die größte Ähnlichkeit. Buchstäblich ein Übergang, aber ohne Drama. Ich erinnere mich an Verwunderung. In der nächsten Sekunde war ich bereits hier. Sekunde, hier, lang, solche Wörter mußt du mir nachsehen, sonst kann ich gar nicht zu dir sprechen. Eines mußt du wissen. Ich habe alles gehört, was du da in deinem Zimmer gedacht hast. Frag nicht, wie das möglich ist, wie aus Gedanken eine Stimme wird, es ist einfach so. Was zwischen uns war, hast du nie begriffen. Du hast die Lüge in Erinnerung behalten, die ich dir serviert habe. Frauen können gut lügen und Männer gut glauben. Wenn ich die Beziehung zu dir fortgesetzt hätte, dann hätte ich mich deiner essentiellen Abwesenheit ausliefern müssen. Hau. Aber das hat stets au bedeutet.

Das, weswegen du allein in deinem Zimmer sitzt, hat es schon immer gegeben. Ich habe es sofort erkannt. Du bist nicht wesenhaft da für andere Menschen, etwas zwischen uns wäre eine totale Katastrophe geworden, die ich überlebt hätte, aber du nicht. Du mußtest leben, um nicht dazusein, oder du mußtest dasein, während du nicht da warst, solche Menschen gibt es. Wesenhaft meine ich wörtlich, ich habe Wörter immer geliebt. Wesen und Sein, das liegt ganz nah beieinander. Diese Reise durch die Sahara war einer der Höhepunkte meines Lebens, das kann ich jetzt ohne Übertreibung sagen. Dieses eine Mal, als wir miteinander schliefen, da mußte ich dich in dem Wahn lassen, es sei für mich ein flüchtiger Augenblick gewesen.

Was hatte ich gleich noch mal gesagt? Etwas von einer geste rendue. Vergiß es, oder vergiß es lieber nicht, das sind die Strategien, wie man mit dem Unmöglichen umgeht. Die Glut nach innen war so barbarisch, im Vergleich dazu war das Sterben später nichts. Du hast nichts davon gemerkt, darin sind Männer Meister. Jetzt denkst du, ich übertreibe, aber ich habe nicht den geringsten Grund mehr, etwas zu übertreiben, nicht hier, wo ich bin, und bei dem, was ich gerade tue. Wo, ich kann mir diese Sprache noch nicht abgewöhnen. Der Nicht-Ort, an dem ich bin. So besser? Wenn ich mich nicht täusche, bin ich dabei, mein Leben abzuschließen. Merkwürdig, daß es nur auf diese Weise geht. Und dabei habe ich auch noch das Gefühl, ich müsse mich beeilen. Ich sehe keine Farben, täte ich es, würde ich wohl erkennen, wie sie langsam schwächer werden.

Der vorliegende Text  ist ein Auszug aus den Erzählungen „Nachts kommen die Füchse“, erschienen bei Suhrkamp (Frankfurt/Main, 2009). Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen



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