„Nachhaltigkeit entsteht durch Beziehungen“

von Mollie Painter-Morland

Menschen von morgen (Ausgabe I/2009)


Heute bedeutet Nachhaltigkeit, aktuelle Bedürfnisse zu befriedigen, ohne die Möglichkeiten anderer Menschen oder künftiger Generationen, ihre jeweiligen Bedürfnisse zu befriedigen, zu gefährden. Das Problem mit dieser Definition der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung von 1987 besteht darin, dass wir uns zu sehr auf Nachhaltigkeitsprogramme und -berichte konzentrieren und dabei vergessen zu fragen, ob all das wirklich widerspiegelt, was wir wertschätzen und wie wir leben wollen.

Wir neigen dazu, die Bedürfnisse der Entwicklungsländer mit denen des entwickelten Nordens gleichzusetzen. Bedürfnisse werden dabei oft mit Konsumentenwünschen verwechselt. Als solche werden sie von der Ersten Welt schamlos erzeugt, um ihre auf Wachstum und Profitmaximierung ausgerichtete Wirtschaft am Laufen zu halten. Dieses Verständnis von Bedürfnissen ist paradox, denn die Welt kann es sich nicht leisten, zu leben und zu konsumieren wie die Amerikaner. Wachstum um jeden Preis kann niemals gleichbedeutend sein mit Nachhaltigkeit. Nachhaltige Entwicklung wird zu einem Widerspruch, wenn aktuelle Bedürfnisse und künftige Bedürfnisse am konsumorientierten Lebensstil der entwickelten Welt gemessen werden.

Meiner Ansicht nach sollte Nachhaltigkeit bedeuten, unsere aktuellen Bedürfnisse neu zu bewerten, um die Möglichkeiten anderer oder künftiger Generationen, wiederum ihre Bedürfnisse immer neu zu definieren und zu bewerten, nicht zu gefährden. Bedürfnisse sollten als soziale Konstrukte verstanden werden, die in persönlichen Beziehungen ausgehandelt werden und sich mit der Zeit entwickeln. So wird Nachhaltigkeit kontinuierlich neu definiert. Entscheidend ist, dass wir überdenken sollten, was wir wertschätzen und bewahren wollen. Dabei müssen wir uns auf die ursprüngliche Bedeutung von „Ethik“ zurückbesinnen. Ethik geht auf das griechische Wort „ethos“ oder „Wohnort“ zurück. Somit geht es darum herauszufinden, wie wir leben wollen.

In der Geschäftswelt ist Ethik zum bloßen Schlagwort geworden. Sie hat viele Namen und führt zu einer Zunahme von Managementinstrumenten, die alle vorgeben, Geschäfte ethisch korrekt zu machen: globale Verhaltenskodexe, ethische Managementprogramme oder Bilanzen, die Unternehmen daran messen, inwieweit sie zu wirtschaftlichem Wohlstand, Umweltqualität und Sozialkapital beitragen. Viel von diesem Gerede lenkt eher von den vorhandenen Problemen ab, als ethische Verantwortung anzuregen. Als Unternehmensberaterin habe ich mich oft für ethische Strategien eingesetzt und dann erlebt, dass sie nicht zu echten organisatorischen Veränderungen führten.

Zum „guten Leben“ gehören heute in den USA und vielen Entwicklungsländern ein Haus, ein Auto und Konsummöglichkeiten. Die Erkenntnis „Ich denke, also bin ich“ hat sich in „Ich shoppe, also bin ich“ verkehrt. Diese Logik sollte uns herausfordern, zu fragen, was Menschen in ihrem Leben wollen und wertschätzen. Dafür muss man den Menschen zuhören, anstatt ihnen zu diktieren, was sie brauchen, oder künstliche Bedürfnisse zu erzeugen.

Natürlich ist es schwierig, jenen eine Stimme zu geben, die in der Weltwirtschaft nicht gehört werden. Durch ungleiche Verteilung von Macht, Wohlstand, Mobilität und Zugang zu Informationen wird die entwickelte Welt gehört, während die Stimmen der anderen verstummen. Hinter dem werbewirksamen Engagement eines Unternehmens verbirgt sich zu oft nur eine E-Mail-Adresse auf der Webseite, um Fragen und Bedenken loszuwerden. Das ist keine Kommunikation. Echte Menschen mit Namen und Gesichtern sollten die Diskussion bereichern – selbstverständlich nach ihren Bedingungen. Blogger schlagen vor, dass alle neuen iPhones ein Bild des Fabrikarbeiters zeigen sollten, der es zusammengebaut hat, damit wir daran erinnert werden, wo unsere schicken neuen Spielzeuge herkommen. Echte Nachhaltigkeit geht noch weiter und würde von uns verlangen, den iPhone-Fabrikanten zuzuhören, wenn sie uns erzählen, was ihnen wertvoll ist und warum.

Allerdings gibt es noch ein weiteres Problem: Es scheint kulturell bestimmt, was Menschen in unterschiedlichen Kontexten wertschätzen. Somit ist es unmöglich, Werte auf einer allgemeingültigen Skala zu messen. Werte sind Teil eines stillschweigenden Wissens und deshalb problematisch, denn die Menschen sind sich ihrer Präferenzen vielleicht nicht einmal bewusst – so lange, bis diese bedroht sind, aber dann ist es meistens schon zu spät. Für die Neubewertung dessen, was wir benötigen, und auch, um anderen diesen Prozess der Evaluation und Neubewertung zu ermöglichen, müssen wir ein Gespür dafür entwickeln, inwieweit Bräuche, Rituale und andere Formen persönlicher Beziehungen offenbaren, was Menschen für wertvoll halten. Wir müssen uns auf die anderen einlassen und ihnen gestatten, dass sie unsere Sicht der Welt kritisch hinterfragen. Nur so können wir zu einer aussagekräftigen Neubewertung unserer Bedürfnisse kommen und Nachhaltigkeit zu einer ethischen Methode werden lassen.

Aus dem Englischen von Karola Klatt



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