Geopferte Ahnen

von Amadou Koné

Vom Sterben. Ein Heft über Leben und Tod (Ausgabe IV/2012)


Ich stamme aus einer muslimischen Familie. Meine Eltern gehörten dem Volk der Senufo aus dem Grenzgebiet zwischen Burkina Faso und der Côte d’Ivoire an. Sie waren zum Islam konvertiert, hingen aber nach wie vor dem Animismus an. Manche muslimische Gesetze und Praktiken, wie etwa die vorgeschriebenen Gebete des Islam, unterscheiden sich ganz eindeutig von animistischen Gepflogenheiten. Sie scheinen sich gänzlich von diesen abzuheben, ja ihnen manchmal sogar zuwiderzulaufen, was mich als Kind einigermaßen ratlos machte.

Grundlegend für Religionen, die sich in ihrem Selbstverständnis darauf berufen, von Gott eine Offenbarung erhalten zu haben, ist die Frage, was nach dem Tod mit uns geschieht. Im Islam warten die Menschen auf den Tag des Jüngsten Gerichts, an dem sich entscheidet, für welchen Ort man sich durch seine Taten als würdig erwiesen hat. Die Vorstellung von Paradies und Hölle, der Belohnungsgedanke also, spielt eine wesentliche Rolle. Der traditionelle Animismus hingegen vermittelt, dass die Verstorbenen in Afrika weiterhin unter uns existierten. Sie stehen im Kontakt zu den Lebenden, deren Schicksal sie beeinflussen. So wie der Glaube an Paradies und Hölle in den Offenbarungsreligionen das Leben der Gläubigen lenkt, so wirken in animistischen Traditionen die Beziehungen zwischen Lebenden und Toten auf das Verhalten der Hinterbliebenen und auf ihre Pflichten gegenüber den Verstorbenen.

Meine Generation, das heißt die heute 50- bis 60-Jährigen, glauben trotz des Bekenntnisses zum Islam weiterhin an die Bedeutung der Ahnen und ihre Beziehungen zu den Lebenden. Ein zentrales Element in diesem Verhältnis ist die Opfergabe. Durch sie sollen die Toten „gestärkt“ werden und im Gegenzug den Lebenden Kraft verleihen. Selbstverständlich brachte mein Vater die im Islam vorgeschriebenen Opfer dar. Es kam jedoch auch vor, dass er unseren Ahnen opferte. Der muslimische wie auch der christliche Afrikaner opfert im Namen Allahs oder Gottes sowie im Namen der Ahnen, ohne darin einen Widerspruch zu sehen. Er glaubt an die Existenz der Toten und an die gegenseitige Verantwortung von Lebenden und Verstorbenen.

Von dieser Koexistenz der Vorstellungswelten handelt mein Theaterstück „Der Staudamm“. Es spielt in den 1960er-Jahren in ebenjenem Waldgebiet der Côte d’Ivoire, in dem meine Eltern sich niedergelassen hatten. Die Geschichte handelt von Dorfbewohnern, die wegen des Baus eines Staudamms umsiedeln müssen und sich die Frage stellen, was mit den Toten geschehen solle. Ohne ihre Toten fortzugehen und sie den Wassermassen des Stausees zu überlassen, würde für die Bewohner des Dorfes bedeuten, eine lebensnotwendige Verbindung zu kappen. Nicht nur würden sie den Kontakt zu ihren Verstorbenen verlieren und ihrer Pflicht gegenüber den Toten nicht mehr nachkommen können, sondern sie müssten auch die Hoffnung aufgeben, bei Problemen mit der Hilfe der Ahnen rechnen zu können. Die neue, moderne Verwaltung entscheidet, die Toten ebenfalls umzusiedeln, entnimmt sie ihren Gräbern und bestattet sie auf dem Friedhof des neuen Dorfes. Am Ende verlassen die Menschen ihr Dorf mit großer Furcht vor den Folgen für den Alltag und das Wohl der Lebenden.

Heutzutage würde der Bau eines Staudamms nicht mehr zu einem spirituellen Konflikt der Tragweite führen, wie ihn die Dorfbewohner meines Theaterstückes erleben. Denn die Herabwürdigung traditio­neller Glaubensinhalte bestimmt zunehmend den Alltag. Riten und Tabus haben an Bedeutung verloren und das, was einst als heilig galt, ist es nicht mehr. Obgleich ich nicht denke, dass die Bedeutung der Ahnen bereits gänzlich in Vergessenheit geraten ist, hat doch der „Realismus des Lebens in postkolonialen Zeiten“, um nicht zu sagen: haben die mit der Kolonialisierung aufgetauchten Religionen die Afrikaner immer weiter von ihren Toten entfernt. Auch das Verhältnis der Lebenden zum Tod selbst hat eine tiefgreifende Veränderung erfahren.

In meiner Kindheit noch waren Äußerungen wie „ich werde dich töten“ in meinem gesamten Umfeld absolut tabu. Denn man setzte das Wort gewissermaßen mit der Tat gleich und folglich hatte jede Aussage immer zu erfolgen. Jemandem zu sagen, „ich werde dich töten“, kam mithin einem tatsächlichen Angriff auf das Leben des Angesprochenen gleich. Man glaubte an die Wirkungsmacht der Worte, an ihre Fähigkeit, latente Kräfte heraufzubeschwören und freizusetzen. Unheilvolles und Tragisches durfte nicht ausgesprochen werden. Der Akt des Tötens selbst bedeutete, das Leben auszulöschen. Folglich war es ein Verbrechen, das nicht nur größte Schuld auf einen lud, sondern dessen Implikationen derart komplex und tragisch waren, dass ein normaler Sterblicher ein solches niemals hätte begehen wollen. Denn zum einen ist es unmöglich, dem Toten das Leben zurückzugeben. Zum anderen war man überzeugt, dass das nyama des Getöteten in unberechenbarer Weise auf den Mörder wirken konnte. Das nyama ist die Kraft, die jedem Lebewesen innewohnt, eine schützende und zugleich rächende Macht.

Früher glaubte man daran, dass der Mensch mit sämtlichen kosmischen Kräften in gegenseitiger Wechselwirkung steht. Jene Kräfte vereinen sich im Menschen durch moralisches und reifes Handeln und bringen Seelenkraft und Ausgeglichenheit. Gleichermaßen wirkt das Handeln eines Individuums auf das Gleichgewicht der äußeren Kräfte. Gegen die Regeln der Gesellschaft zu verstoßen oder Straftaten zu begehen, brachte also nicht nur das eigene Gleichgewicht ins Wanken, sondern gefährdete die Ordnung der Gemeinschaft und der Natur. So wirkte sich beispielsweise das löbliche oder verwerfliche Verhalten traditioneller Führer auf die künftige Beschaffenheit der Böden und die Macht der Naturgewalten aus. Ein Gefängnisaufenthalt stellte einst eine Schande dar, durch die sich die Lebenskraft eines Menschen verringerte. Glaubt man den afrikanischen Schriften und den Worten unserer Vorfahren, brachte Schande unweigerlich den Tod.

Wie steht nun der moderne Afrikaner zu dieser Auffassung vom Menschen und der Welt? Der Status der Toten und ihr Einfluss auf das Handeln der Lebenden scheinen mehr und mehr an Bedeutung  zu verlieren. Im heutigen Afrika, wo Diktatoren und ihre Schergen unliebsame Gegner kaltblütig ermorden, darf man sich fragen, ob sie sich die tiefere Bedeutung des Todes oder die Auswirkungen des nyama überhaupt je vor Augen führen. Das gestörte Gleichgewicht zwischen gesellschaftlichen und mystischen Kräften wird offensichtlich nicht mehr ernst genommen. Das einzige Ziel der Politiker besteht darin, die Macht zu ergreifen und diese mit aller Gewalt zu erhalten. Sicherlich lässt sich für die begangenen Kapitalverbrechen aus ihrer Logik heraus eine Rechtfertigung finden, Notwehr etwa: Sie oder ich. Und da ich augenblicklich der Stärkere bin, muss ich ihnen zuvorkommen und mich schützen, indem ich meine Feinde beseitige. Zu diesem politischen Machiavellismus konnte es kommen, weil der Tod im postkolonialen Afrika einen Bedeutungswandel erfahren hat.

Auch der Anstieg alltäglicher Verbrechen hat seinen Ursprung im postkolonialen Afrika, dem das einstige Weltbild verloren gegangen ist. In den Großstädten, und inzwischen auch in den Dörfern, wird geklaut und für ein paar Banknoten sogar gemordet. Zweifellos entspricht die Vorstellung von Leben und Tod in den Köpfen der Mörder nicht mehr der traditionellen Sichtweise.

In den nach wie vor andauernden Bürgerkriegen wird zu jedem Zeitpunkt und auf jede nur erdenkliche Art getötet. Es wirkt beinahe so, als wären die Menschen in derartigen Konflikten den Ereignissen willenlos ausgeliefert. Man tötet, weil man glaubt, so sein eigenes Leben retten zu können. Man tötet für das, was man für edel und richtig hält. Und schließlich tötet man, ohne überhaupt zu wissen, warum. Unter diesen Bedingungen kommt es nicht zum Nachdenken über den Tod. Weder über den Tod, den man selbst bringt, noch über den, der wahrscheinlich an jeder Straßenecke wartet. Der Respekt vor dem Leben und der Respekt gegenüber den Toten hat sich auf drastische Weise verändert.

Mit dem Tod verhält es sich wie mit vielen anderen Dingen: Wäre es uns gelungen, unsere traditionellen Überzeugungen zu bewahren, wären wir in der Politik vielleicht ohne den Umweg über die Diktatur zur Demokratie gelangt. Möglicherweise hätte der afrikanische Kontinent auch ohne Korruption Milliar­däre hervorbringen und dem Wohl aller Afrikaner dienen können. Letztendlich hätte die afrikanische Gesellschaft ins moderne Zeitalter eintreten können, ohne ihre Menschlichkeit zu verlieren.

Aus dem Französischen von Henrike Rohrlack



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