Schädelküsse

von Konstantinos Kosmas

Vom Sterben. Ein Heft über Leben und Tod (Ausgabe IV/2012)


Ein schöner Nachtfalter mit rostroten Flügeln hat sich ins Zimmer verirrt und verwechselt die Lampe mit dem Mond. Als Kind erzählte meine Mutter, Nachtfalter seien die ruhelosen Seelen unserer Verstorbenen. Und ich stellte mir unweigerlich den Großvater so vor.

Im Heimatdorf meiner Familie auf dem Peloponnes leben noch etwa vierzig Menschen. Die meisten der weiß getünchten Häuser füllen sich nur zu Ostern und im Sommer mit den städtischen Abkömmlingen der früheren Bewohner. Kulissenhaft friedlich träumt die kleine Ortschaft in ihrem Märchenschlaf. Neben der Kirche liegt der Friedhof. Wie überall. Schlichte Platten aus Marmor markieren die Gräber. Verblichene Blumen aus Stoff oder Plastik trösten die Verstorbenen, die hinter Glas gerahmt nicht eben freundlich auf die Lebenden blicken. Viele der hier Begrabenen haben ihr ganzes Leben im Dorf verbracht und sind sehr alt geworden. Ich kannte sie von klein auf. Vertraut, irgendwie erdig und streng – wie es die Menschen hier sind – schaut meine Großmutter aus dem Bilderrahmen. Vier Jahre ist sie nun tot.

An der Friedhofsmauer steht ein kaum mannshohes Häuschen aus Betonblöcken, das einem Geräteschuppen gleicht. Die Tür ist nur angelehnt, drinnen das obligatorische mit Sand gefüllte Becken, in das man in allen griechischen Kirchen die langen, dünnen Kerzen steckt – zum Dank, als Bitte, zum Gedenken. Ringsum an den Wänden stapeln sich Kisten bis zur Decke, die älteren aus Holz, die neueren aus Metall. Auf einer steht in ungelenken Buchstaben mein Name. In Griechenland heißen noch heute die Enkel zumeist nach den Großeltern. Die Kisten kann man umschichten, ich hebe die meines Großvaters herunter, sie ist unverschlossen. Man kann ihn einfach herausnehmen, seinen Schädel, der unter einem dünnen Tuch auf den übrigen Knochen in der Kiste liegt. Ich streichle mit der Hand über seine Stirn und frage meine stumm-verdutzten Söhne, ob sie Ähnlichkeiten zwischen uns erkennen. Ein kurzer Gruß noch, einseitig zwar, dann kommt er wieder in seine Kiste und wird eingereiht.

Der Umgang mit dem Tod und den Toten in Griechenland unterscheidet sich sehr von dem, was ich aus Deutschland kenne. Nicht nur in ländlichen Gebieten erfährt noch immer der Pope als Erster von einem Todesfall und läutet die Totenglocke. Möglichst schnell, wegen der Hitze, muss dann die Beerdigung stattfinden. Der Leichnam wird gewaschen, gut angezogen und mit einem Leichentuch zugedeckt. Bis zur Beerdigung bleibt er bewacht und aufgebahrt, damit sich Verwandte und Freunde noch von Angesicht zu Angesicht verabschieden können, was sie oftmals lautstark und verzweifelt und mit großen Gesten tun. Auch Kinder dürfen dabei sein.

Der Sarg bleibt auch während der Begräbnisfeier offen, die Trauernden tragen eine Kerze in der linken Hand, der Pope singt in altgriechischem Nasengesang die Liturgie. Bevor der Sarg geschlossen wird, verabschieden sich der Priester und alle Anwesenden nacheinander mit einem Kuss auf die Stirn des Toten, der dann zum Friedhof geleitet und dort, mit Blick nach Osten, weil man von dort die Auferstehung Christi erwartet, bestattet wird. Zum Leichenschmaus gibt es die traditionelle Totenspeise „Kolyva“. Mit einer Handvoll dieser Süßigkeit wird der bittere Abschied hinuntergeschluckt. Vierzig Tage dauert die Trauerzeit, in der sich Männer nicht rasieren sollten und enge Verwandte schwarz tragen. Nach den vierzig Tagen versammeln sie sich zum Gedenkgottesdienst „Mnemosyno“ erneut am Grab.

Das befremdlichste Ritual der griechisch-orthodoxen Kirche ist sicherlich die Exhumierung der Gebeine. Nach Ablauf von fünf oder sieben Jahren wird das Grab geöffnet. Wehe dem, der doch nicht komplett verwest ist. Gott allein weiß, was der alles verbrochen hat, dass er noch einmal beerdigt werden muss. Andernfalls wird das Grab ausgehoben und der ältesten Tochter kommt von jeher die Aufgabe zu, dem Verstorbenen den letzten großen Liebesdienst zu tun: Sie säubert die Knochen, wäscht sie mit Wein und bettet sie behutsam in eine Kiste. Der Schädel, an dem mitunter noch Augenbrauen oder einzelne Haare kleben, obenauf. Er wird mit Blumen und Kerzen geschmückt, der Pope hält die Liturgie, gießt ein wenig Wein über den Schädel, bedeckt ihn mit einem Tuch und küsst ihn, was die anwesenden Trauergäste ihm nachtun. Die letzte Ruhe findet das Skelett dann im „Osteofylakion“ – im Gebeinhaus.

Mitarbeit: Annette Wassermann



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