Kunst am Grab

Vom Sterben. Ein Heft über Leben und Tod (Ausgabe IV/2012)


Die Stadt der Toten

Etwa hundert Gruften aus vorislamischer Zeit verteilen sich über die grünen Hügel des Ortes Dargavs in den Bergen Nordossetiens, im äußersten Süden Russlands. Die ältesten Gruften stammen aus dem 16. Jahrhundert, jede enthält die Gebeine einer Familie. Je höher die steinernen Gebilde, umso mehr Menschen wurden darin beigesetzt. Im Inneren fanden Archäologen die Skelette in hölzernen Konstruktionen, die Booten ähneln. Vermutlich glaubten die Menschen, dass ihre Verstorbenen übers Wasser ins Jenseits reisen.

Ein astronomisches Hügelgrab

500 Jahre älter als die Pyramiden von Gizeh und 1.000 Jahre älter als Stonehenge ist dieses jungsteinzeitliche Hügelgrab in der Grafschaft Meath nördlich von Dublin. Im Inneren führt ein 20 Meter langer Gang in eine kreuzförmige Grabkammer hinein. Jedes Jahr zur Wintersonnenwende vom 19. bis 23. Dezember trifft ein dünner Sonnenstrahl am Morgen genau in die Kammer und erhellt sie für 15 Minuten. Damit ist das Grab das älteste bekannte Sonnenobservatorium der Welt.

Das Ossarium von Sedletz

Im Untergeschoss der Allerheiligenkirche im tschechischen Sedletz befindet sich ein Beinhaus mit über 40.000 Skeletten. Als der Schnitzer František Rint Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Innenausbau der Kirche beauftragt wurde, verwendete er für die Einrichtungen und Dekorationen nicht Holz, sondern Knochen und Schädel aus dem Ossarium. Vom Altar über die Leuchter bis zum Familienwappen der Fürsten von Schwarzenberg ist alles aus menschlichen Überresten gefertigt.

Die Felsengräber der Toraja

Jede kleine Holzfigur auf den Balkonen im Fels symbolisiert einen verstorbenen Toraja. Dieses im Hochland der indonesischen Insel Sulawesi lebende Volk glaubt, dass die Toten alle Grabbeigaben mit ins Jenseits nehmen können. Um Plünderungen der kunstvollen Särge zu verhindern, werden sie möglichst unerreichbar aufgehängt oder in Höhlen oder künstlich in den Fels gehauene Öffnungen gebracht. Oft teilen sich ganze Familien ein Felsengrab.



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