„Selbstmord als ultimative Rache“

ein Interview mit Joyce Chu

Vom Sterben. Ein Heft über Leben und Tod (Ausgabe IV/2012)


Frau Chu, Sie forschen über Suizide in verschiedenen Kulturen. Welche Unterschiede sehen Sie?

In der Suizidforschung blieb der Einfluss kultureller Hintergründe bisher weitgehend unbeachtet. Das liegt daran, dass die Selbstmordrate bei weißen Männern nach wie vor am höchsten ist. In den USA nehmen sich von 100.000 weißen Männern etwa 23 das Leben, in der asiatischstämmigen Bevölkerung sind es nur etwa sechs von 100.000.

Differenziert man weiter, erkennt man aber auch in anderen Kulturen besonders selbstmordgefährdete Gruppen: Das sind vor allem asiatische Frauen über 65 Jahren und afroamerikanische Jugendliche zwischen 10 und 14 Jahren, und von diesen besonders jene, die nicht heterosexuell sind. Auch die Suizidraten lateinamerikanischer Schülerinnen sind im Vergleich doppelt so hoch wie die ihrer weißen oder afroamerikanischen Mitschülerinnen. Am meisten gefährdet ist jedoch die Gruppe der Menschen, die von den zugewiesenen Geschlechterrollen abweichen: Ein Drittel versucht mindestens einmal im Leben, sich umzubringen.

Wie erklären Sie sich die erhöhte Selbstmordrate bei älteren Asiatinnen in den USA?

Es wird angenommen, dass die Frauen damit auf Krankheiten reagieren. Suizid gilt zum einen als ehrenhafter Weg, die Familie von der Bürde des Pflegedienstes zu befreien. Zum anderen müssen beispielsweise ältere chinesische Frauen, die in die USA eingewandert sind, mit einer neuen Rolle klarkommen. In ihrer Heimat wurden sie respektiert, im neuen Land fühlen sie sich in Altersheimen oder staatlichen Pflegediensten oft alleingelassen. Eine weitere Hypothese ist deshalb, dass mit dem Selbstmord die Familie bestraft werden soll.

Man tötet sich, um den anderen wehzutun?

Ja, das gibt es auch in anderen Kulturen. Die Anthropologin Dorothy Counts erforschte in den 1980er-Jahren den Suizid in Papua-Neuguinea. Die dortige Gesellschaft war sehr patriarchalisch, Frauen wurden als Besitz ihrer Männer betrachtet, oft auch misshandelt. Viele nahmen sich das Leben und sahen darin eine Möglichkeit, selbstbestimmt zu handeln und die Ehre ihrer Männer maximal zu beschädigen. Diese mussten dann sogar die Mitgift zurückgeben. Selbstmord als ultimative Rache sozusagen.

Also nicht als Folge einer psychischen Erkrankung?

Sich das Leben zu nehmen ist nicht unbedingt eine Folge von psychischen Problemen. Klassische psychologische Anzeichen für Selbstmordgefährdung wie Depression oder Hoffnungslosigkeit treten nicht in allen Kulturen auf. Bei der Hälfte der Suizidfälle von asiatischen Amerikanern etwa lässt sich keine vorausgegangene psychische Erkrankung nachweisen.

Gibt es Unterschiede in der Art und Weise, wie man sich das Leben nimmt?

Für alle Kulturen gilt: Eine Methode wird deshalb gewählt, weil sie zur Verfügung steht. In Hongkong springt man von hohen Gebäuden, im ländlichen China schluckt man Haushaltsgift und weiße Amerikaner erschießen sich. Afroamerikanische Jugendliche provozieren Polizisten, bis ihnen diese hinterherlaufen und sie erschießen: Das nennt sich „victim precipitated homicide“ (vom Opfer herbeigeführtes Tötungsdelikt) – eine recht schwierig zu erforschende Methode des Selbstmordes. Er wird meist auch nicht als solcher klassifiziert.

Was treibt diese Jugendlichen an? Ist gescheiterte Integration ein Stressfaktor, der zum Selbstmord führen kann?

Ja, absolut. Genauso wie Mobbing, Diskriminierung und Mikroaggressionen. Darunter versteht man die kleinen Gemeinheiten: abfällige Blicke im Supermarkt oder dass jemand sich in der Schlange an der Kasse nicht hinter einen stellen will.

Warum werden Selbstmörder oft so negativ wahrgenommen? Als Sünder oder gar als Kriminelle?

Jetzt muss ich meinen Forscherhut absetzen und wie eine klinische Psychologin denken: Selbstmordpatienten schaffen es nicht, ihre Probleme zu lösen. Die Möglichkeit, sich das Leben nehmen zu können, empfinden sie als Erleichterung. Sie finden bei dem Gedanken an Selbstmord Ruhe. Genau das macht uns Sorgen, befremdet uns.  Aus der Perspektive des Individuums aber ist Selbstmord keine Tragödie.

Das Interview führte Nikola Richter



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