Das System Brüssel

Cliff Lehnen

Menschen von morgen (Ausgabe I/2009)


8.30 Uhr 
An der Ampel: In Reih und Glied stehen EU-Mitarbeiter im Regen. Knapp 20 sind es, vom Europäischen Parlament nur noch getrennt durch die unzähligen sich zäh über die Rue Belliard quälenden Dienstwagen. Der Regen stört niemanden mehr, er gehört in Brüssel dazu, so wie das Warten. 
 
8.37 Uhr 
Beim Pförtner. Vor dem grimmig dreinschauenden Pförtnerteam krame ich in meiner Tasche nach dem badge – der Eintrittskarte ins Parlament, die Aufgabe und Status des Inhabers gleichermaßen auf einen Blick verrät. Klar, ich habe es vergessen. Erklärungsversuche in Schulfranzösisch. Keine Chance: Ich muss meinen Vorgesetzten involvieren, um ein vorläufiges badge zu erhalten.
 
10.45 Uhr 
Nach leichter Bürotätigkeit am Morgen mache ich mich auf zur Ausschusssitzung: Um häusliche Gewalt soll es gehen, und ich darf berichten. Mit dem Lageplan des Europaparlaments bewaffnet sollte es kein Problem sein, den Sitzungssaal zu finden – denke ich: Nach mehreren Rolltreppen- und Aufzugsfahrten in unterschiedliche Richtungen habe ich mich hoffnungslos verfranst. Ich folge langen Gängen, vielversprechenden Menschentrauben, Schildern – es nützt nichts. Langsam wird die so sorgsam eingeräumte Zeit knapp, ich frage mich durch. Die engagiert auf Französisch vorgetragene Wegbeschreibung einer bulgarischen Assistentin führt mich um kurz nach elf verschwitzt, aber glücklich ans Ziel. Diskret nehme ich in den hinteren Saalreihen Platz und beginne, mitzuschreiben. „Kabeljaubestände“, „Aquakultur“, „Überfischung“ – das klingt nicht nach Gewalt in der Familie. Mist, falscher Sitzungssaal. Geordneter Rückzug.
 
11.13 Uhr
Ausschusssitzung. Der richtige Raum war nebenan. Kaum dort angekommen, erwartet mich eine Diskussion, der auch Kommissionsvize Jacques Barrot beiwohnt. Trotz eines eifrigen Zuarbeiters, der ihm minütlich neue Papiere zuschiebt, passiert Barrot Ähnliches wie mir: Er schweift gedanklich etwas ab, was in seinem Fall zu tapsig gestotterten Diskussionsbeiträgen führt und die Sitzung nicht spannender macht. Ich finde derweil Gefallen an den zahllosen Simultanübersetzungen und drehe mich mit dem Wahlschalter einmal quer durch Europas Sprachenlandschaft. Auf Kanal 10 näselt verführerisch eine Schwedin. Ich verstehe kein Wort. Einige Sekunden lang versuche ich es zu vermeiden, dann sehe ich zu ihrer Kabine hinauf. Klare nordische Züge, das blonde Haar streng zusammengebunden. Konzentriert folgt sie dem Sprecher, ich folge ihr. Zwei Kabinen weiter wütet eine sinnlich gelockte Slowenierin mit Händen und Haaren, als sei sie selbst eine potenzielle Quelle häuslicher Gewalt – ob die beiden Damen wirklich ein und dasselbe dolmetschen? 
 
12.50 Uhr
Mittagspause. Man verabredet sich mit gefällig formulierten E-Mails zu Lunches oder Déjeuners, wirft sich beim Gang in die Kantine ob des Regens flugs das Mäntelchen über und schart optimalerweise die bezauberndsten Kolleginnen aus verschiedenen Mutterländern um sich. Das ist Chauvinismus, klar. Aber es tut so gut, den stolzen Lobbyisten am Nebentisch große Augen zu machen. Ich zwinkere ihnen dann manchmal aufmunternd zu.
 
13 Uhr
Kantine. Wie Mensa, nur im Anzug. Und wie der Anzug auch mehr hermacht als die Straßenjeans, ist auch die hier gebotene Cuisine erfreulicherweise etwas abwechslungsreicher und qualitativ ansprechender als in der Mensa. So ist die Auswahl bunt: Steak wird gereicht, Fisch, diverse Beilagen – alles fröhlich zerkocht, doch gut genießbar. 
 
17.30 Uhr 
Ende des Arbeitstages? Nicht unbedingt. Der pflichtbewusste Parlamentarier macht Überstunden! Von wegen faules Beamtentum. Schlichtes Nach-Hause-Gehen ist dem Europaarbeiter aber doch zu dröge. Die Vielfalt wartet nach Betriebsschluss: Man könnte zu einem der durchschnittlich 13 Empfänge gehen, zu denen allabendlich geladen wird: Man kann die tschechische Unabhängigkeit im Praghaus feiern oder die Vorzüge des rumänischen Hinterlands in Vorträgen und kulinarischer Vielfalt erkunden. Wenn da mal nichts geht, keine Sorge – in der hessischen Vertretung ist dem Vernehmen nach immer was los. Viele Abgeordnete haben sich weite Teile ihres oft schon recht fortgeschrittenen Lebenslaufs auf solchen Events erarbeitet. Ihr Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach – und dreizehnteilen geht ja auch nicht. Deshalb überlassen sie gerne AssistentInnen und PraktikantInnen das Parkett, die selten verstehen können, was denn an der stets kostenlosen Vollverpflegung mit Rausch schlecht sein soll. Den Gastgebern danken sie es, indem sie sich überschwänglich an den lokalen Erzeugnissen verköstigen: „Das Bier schmeckt ganz hervorragend, Herr Chráš?anský, hätten Sie unter Umständen noch was da?” Steht einmal ausnahmsweise kein Empfang auf dem Programm, will man sich natürlich aufgrund der Anstrengungen des harten EU-Tages trotzdem ein bis zwölf Feierabendbierchen gönnen. Dazu bleibt man gern unter sich: Man fällt nur kurz aus dem Parlament auf den Place Luxembourg. Hier – wie auch sonst überall im EU-Viertel – immer einen Visitenkartenvorrat schussbereit halten! Nicht selten nimmt das groteske Züge an: Zum Beispiel, wenn vier Praktikantinnen im besten Alter an den weisen Lippen eines alternden Lobbyisten hängen. Schlimmer ist nur, wenn am Nebentisch vier Lobbyisten um eine Praktikantin herumgeiern. So kann es schon mal vorkommen, dass sich kommunikative Studentinnen im Pflichtpraktikum pro Abend einen reizenden Fächer aus den Visitenkarten untersetzter älterer Herren basteln könnten – machen sie aber natürlich nicht, „die können einem ja noch mal nützen“. Aha. Also schön abheften. 
 
Parlamentsbeschäftigte mit Heim- oder Fernweh erscheinen am Donnerstag- oder Freitagmorgen mit handlich bepacktem Trolley zum Dienst. Diesen quittieren sie des Abends und verlassen das Parlament schlicht in den Untergrund, um sich vom Gare du Luxembourg aus an einen besseren Ort verfrachten zu lassen. Die einfachste Verbindung führt übrigens nach Straßburg, wohin der gesamte Parlamentsbetrieb einmal pro Monat mitsamt Assistenten, Lobbyisten und Journalisten zur Plenarwoche verpflanzt wird. Dabei werden regelmäßig 4.000 Boxen mit Akten und Unterlagen in zehn Lastwagen verfrachtet. Dieser legendäre „Wanderzirkus“ streichelt einmal monatlich das französische Ego und kostet den Steuerzahler mehr als 130 Millionen Euro im Jahr.
 



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