Totgepredigt

von Nadim Oda

Was vom Krieg übrig bleibt (Ausgabe I/2007)


Mit der britischen Kolonisation hielt zu Beginn des letzten Jahrhunderts die moderne Kultur Einzug in den Irak. Das Land öffnete sich dem Westen. Bis zum Sturz Saddam Husseins am 9. April 2003 war daher die Kulturszene laizistisch geprägt. Im neuen Irak dagegen polarisieren Flaggen mit religiöser Symbolik oder Bilder von Opfern des Saddam-Regimes die Gesellschaft. Kurden und Schiiten, bis 2003 unterdrückt, gründeten eigene Publikationsorgane – über 250 –, eröffneten eigene Institutionen, Universitäten, Medienanstalten und organisierten Konferenzen und Festivals. Die Sunniten, 18 Prozent der irakischen Bevölkerung, lehnten die neue Situation ab. Mit ihren Reichtümern, die sie durch Privilegien zu Zeiten des vergangenen Regimes erhalten hatten, erklärten sie auf einmal allen – Amerikanern, Schiiten und Kurden – den Krieg. Die ethnischen Konflikte von früher sind zu einem Kampf zwischen den Konfessionen geworden.

Das irakische Kultur- und Gesellschaftsleben hat sich in der jüngsten Zeit, besonders nach den Wahlen im Dezember 2004, sehr verändert. Die Allianz der religiösen Parteien, die einen theokratischen Staat schaffen wollen, gewann die Wahlen. Sie nutzten moralische Predigten, um die Bevölkerung im Sinne der islamistischen Geschichtsauffassung zu mobilisieren. Nach wie vor wehrt sich die irakische Kulturszene dagegen, von religiösen Strukturen einverleibt zu werden oder gar von religiösen Wortführern als „unrechtmäßige Kultur“ tabuisiert zu werden. Auch wenn die laizistischen Politiker daran scheiterten, die nötige Stimmenmehrheit zu erlangen, um das Land zu regieren, wurden gegen den Widerstand religiöser Autoritäten Institutionen eröffnet, deren Aktivitäten deutlich säkularen Charakter haben.

Im Sommer 2004 fand beispielsweise im schweizerisch-irakischen-Kulturzentrum ein Seminar zum Thema „Religiöse Reformen im Irak“ statt. Die Referenten, darunter ich, erläuterten die Realitätsferne und den absoluten Wahrheitsanspruch der religiösen Propaganda. Ich analysierte, wie sich religiöse Bewegungen gegenüber der Modernisierung positionieren. Ich wollte deutlich machen, dass die Geschichte der arabischen Kultur nicht eine rein religiöse ist, so wie es islamistische Bewegungen behaupten. Vielmehr enthält die Geschichte ein breites Spektrum an dialektischem, atheistischem und rationalem Gedankengut, was ich anhand von Beispielen näher erläuterte. Als ich den letzten Gedanken ausführte, flüsterte mir der Schweizer Kulturattaché zu, dass sich ein dubioser Mann unter den Zuhörern befände, der den Vortrag aufmerksam verfolgte. Ich hatte die rote Grenze überschritten.

Tatsächlich hielt einige Wochen später Scheich Alaa Al-Massoudi, der der Bewegung des radikalen Schiitenführers Muqtada Al-Sadrs angehört, im Gebäude der Autorenvereinigung eine Rede, in der er Gesang und Musik verbot. Dieselbe Person, die meinen Vortrag gehört hatte, wies mich scharf darauf hin, dass mich meine wöchentlichen Kommentare in der Zeitung „As-Sabah al-jadid“ („Der neue Morgen“) über die Beziehungen von Kultur zu Religion und Staat in Gefahr bringen könnten. Er behauptete, dass diese Warnungen auch hätten anders ausfallen können, wenn das Büro der Bewegung Muqtada Al-Sadrs nicht von ihm verlangt hätte, die Situation nicht eskalieren zu lassen.

Nicht nur Einzelpersonen, auch die Kulturpolitik wird von religiöser Seite beeinflusst: Als die Amtszeit des Kulturministers Moufid Al-Jazaeri, Mitglied der Kommunistischen Partei des Irak, endete, wurde dieser durch Nouri Al-Raoui abgelöst, der zu Zeiten Saddams ein Offizier niedrigen Ranges war und mit Kultur nicht im Entferntesten etwas zu tun hatte. Fortan sorgten Scheich Alaa Al-Massoudi und viele andere aus der Bewegung Al-Sadrs dafür, dass laizistisch eingestellte höhere Beamte des Kulturministeriums ihre Posten verließen.

Kunstgattungen wie die Bildhauerei, Musik und Tanz wurden zwar nicht offiziell verboten, aber werden nun geächtet. Historische Denkmäler wurden in die Luft gesprengt oder so vernachlässigt, dass an ihren Standorten nur noch Müll abgeladen wird. Professoren und Studenten der Kunstfakultät drohte man, sich nicht mehr mit der nun verbotenen Bildhauerei zu beschäftigten. In den wichtigsten Werkstätten der Bildhauer wurden zunächst die Materialien entwendet, danach wurden sie der Verwahrlosung preisgegeben. All dies geschah unter dem Vorwand, dass plastische Darstellung laut islamischer Rechtslehre untersagt sei. In Bagdad und Basra gab es Explosionen in Musikgeschäften für Folklore. Auch in Friseursalons für Frauen, in Internetcafés, auf öffentlichen Sport- und Spielplätzen, in Bars, in denen Alkohol serviert wird, auf Märkten, auf denen Ziervögel feilgeboten wurden, in Kinosälen und Cafés gab es Explosionen. Bars, Sportstadien, touristische Plätze wurden geschlossen. Man verbot Frauen, selbst Auto zu fahren und Hosen zu tragen.

Der ehemalige Verkehrsminister ließ die Räume seines Ministeriums durchsuchen. Als er ein Büro betrat, das sich eine Angestellte und ein Angestellter teilten, forderte er sie auf, unverzüglich die Räume nach Geschlechtern aufzuteilen. Junge Frauen und Männer wurden umgebracht, weil sie in der mittäglichen Sommerhitze lange Shorts trugen, in den Augen der Extremisten westliche Ketzerei. In einer Fernsehrunde beklagte sich die Balletttrainerin einer Musik- und Ballettschule, dass sie nun mit Kopftuch und weiter Kleidung tanzen müsse. Der amtierende Kulturminister, der den Traditionalisten zuzurechnen ist, forderte die Tänzerinnen des Nationalensembles während einer Aufführung dazu auf, ihre Kostüme zu verlängern und das Kopftuch zu tragen, um der islamischen Züchtigkeit zu entsprechen.

Die intensiven Bestrebungen, die populäre Kultur auszumerzen und die Charakteristika urbanen Lebens zu verändern, bereiten noch größere Schmerzen. So wurde das Denkmal des abbassidischen Khalifen Abi Jaafar Al-Mansour zerstört, der die Stadt Bagdad gründete und den Grundstein für ihre Blütezeit legte. Sein Denkmal stand auf einem lebendigen Platz Bagdads, umgeben von vielen Geschäften, Restaurants und einem großen Park, der Verliebten als Treffpunkt diente. Das Denkmal wurde gesprengt. Viele Plätze wurden geschlossen. Die Vögel flohen. Die Liebespaare flüchteten aus den vormals so lebendigen und nun menschenleeren Bagdader Parkanlagen.

Die Zerstörung gesellschaftlichen Lebens machte auch nicht vor den Universitäten Halt, die sich nun in der Hand der Milizen befinden. Aufgrund der immer schlechter werdenden Forschungsbedingungen lassen sich neuerdings Studenten die Doktorarbeiten von anderen schreiben. Der Betrug zwischen den Studenten hat alarmierend zugenommen. Als ich im letzten Sommer eine Prüfung beaufsichtigte, versuchte der gesamte Saal zu schummeln. Als ich einen der Prüflinge darauf ansprach, drohte er mir, dass er Polizeioffizier sei und rief seinen Vorgesetzten an, den er nur mit der Ehrbezeichnung „Haji“ ansprach, was ihn als gefährliche Person ausweisen und mir Angst einjagen sollte. Ein anderer Prüfling zückte ein Messer, um einen Professor zu bedrohen, der ihm das Schummeln untersagen wollte. In diesem Moment entschied ich mich dafür, die irakische Universität zu verlassen, auch wenn ich betteln gehen müsste.

In der Fakultät für Publizistik griffen Studenten einen Doktor an, der über ein historisches Thema referierte, dass den schiitischen Studenten missfiel. Er wurde vom Dienst an der Universität entlassen. Weder sein Hilferuf an die Regierung noch an die religiösen Autoritäten half ihm. Viele Professoren wurden bereits umgebracht, sei es, weil sie der falschen Glaubensgemeinschaft angehörten oder auch, weil sie sich mit geisteswissenschaftlichen Themen auseinandersetzten, die unerwünscht sind.

Auch viele Autoren leben gefährlich. Im Frühling 2005 wurde der Dichter und Fernsehmoderator Ahmad Al-Mazhar von Milizen angegriffen, die das Hotel „Marbad“ in Basra schützten, weil sich angeblich eine Weinflasche in seinem Gepäck fand. Einen Monat danach wurde der Vorsitzende der Autorenvereinigung Basras Opfer eines Angriffes. Ein weiterer Vorfall ereignete sich letztes Jahr während eines Festivals in Marbad. Der Dichter Adnan Al-Saegh trug ein Gedicht mit religionskritischem Inhalt vor. Einer der Zuhörer hielt sich daraufhin in drohender Geste den Finger an die Schläfe. Der Dichter musste mit Hilfe seiner Freunde durch die Wüste nach Kuwait fliehen.

Die derzeit größte Gefahr für die irakische Literatur ist, dass sie ideologisch instrumentalisiert und in konfessionelle Konflikte hineingezogen werden soll – Unterstützung kommt von Personen, die sich als Dichter und Autoren ausgeben. So wird jetzt nicht mehr über die Moderne geforscht, sondern man übt sich in propagandistischem und demagogischem Stil. Man schreibt heute wieder klassische Gedichte, wie sie zuletzt vor fünfzig Jahren verfasst wurden.

Die Regierung ignorierte bisher die Radikalisierung, die das Wesen der irakischen Kultur schwerwiegend zersetzte. Wie aber kann eine Regierung etwas dagegen ausrichten, wenn ihre demokratischen Strukturen der religiösen Dogmatik innerhalb der eigenen Reihen nicht standhalten? Die Haltung des Staates gegenüber der Kultur ist nicht besser als die der Islamisten. Kultur gilt als etwas, das keine Aufmerksamkeit verdient. In der Verfassung gibt es keinen einzigen Paragraphen, der den Schutz des kulturellen irakischen Erbes vorsähe. Ein ehemaliges Mitglied des Regierungsrates, Muhammad Bahr Al-Ulum, stets in schwarzem Gewand und Turban gekleidet, erklärte einmal, dass das Kulturministerium ein Ministerium für Trommler und Schalmei-Spieler sei und brachte so deutlich die Geringschätzung von Kunst und Kultur zum Ausdruck. Als Gerüchte umgingen, dass das Kulturministerium einer Vereinigung von Parlamentsmitgliedern verschiedener Parteien („Jabhat al-tawafuq“) übertragen wurde, lautete der Kommentar eines ihrer Mitglieder, dass es ein belangloses Ministerium sei. Das Budget des irakischen Kulturministeriums beläuft sich nach wie vor auf 17 Millionen US-Dollar. Die Universität Basra, nur die viertgrößte des Landes, erhielt ein Budget in doppelter Höhe.

Aus dem Arabischen von Helene Adjouri



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