Unfassbar viele

von Thérèse Uwitonze

Vom Sterben. Ein Heft über Leben und Tod (Ausgabe IV/2012)


Während des Genozids zwischen April und Juli 1994 sind in Ruanda unzählige Menschen umgekommen. Die Leichen wurden in Gräben geworfen, von Hunden oder Vögeln gefressen, und den Angehörigen blieb keinerlei Möglichkeit, die sterblichen Überreste ihrer Verwandten traditionsgemäß zu bestatten. Deswegen halten wir jedes Jahr im April eine nationale Trauerwoche ab. Sie beginnt jeweils am 7. April, an dem Tag, an dem vor 18 Jahren der Genozid begann. Während der gesamten Woche gehen wir nur vormittags zur Arbeit, danach brechen wir zu Gedenkveranstaltungen auf. Die offizielle Eröffnung findet im Amahoro-Stadion in Kigali statt, aber natürlich können wir nicht alle dorthin kommen, deshalb trifft sich die Bevölkerung an verschiedenen Orten im ganzen Land. Wie sich die Dorfgemeinschaft seit jeher um das Feuer versammelt hat, wenn jemand gestorben war, so versammeln wir uns auf die gleiche Weise, um der Opfer zu gedenken.

Jedes Jahr, wenn es auf die Trauerwoche zugeht, merke ich, dass die Stimmung im Land eine andere wird. Viele Überlebende fühlen sich wieder in die Vergangenheit zurückversetzt. Eine stark traumatisierte Person hat mir anvertraut, was sie zu dieser Zeit empfindet. Sie sagte: „Wenn der April kommt, fange ich an, mich zu verändern. Mein Körper macht dann eine Verwandlung durch. Ich beginne, Blut zu riechen, da ich damals unter Leichen lag und dort ausharren musste. Ich fühle die Kälte, denn damals regnete es. Ich höre den Lärm der Leute, die mich verfolgten“.

In unserem Distrikt Huye war in diesem Jahr die Nationaluniversität der Treffpunkt. Dort wurden Gebete zu Ehren der Opfer gesprochen und verschiedene Ansprachen gehalten. Auch Zeitzeugen schilderten ihre Erlebnisse während des Völkermords. Bis vor Kurzem haben bei diesen Zusammenkünften auch Täter über ihre Vergehen berichtet. Sie sollten die Möglichkeit bekommen, öffentlich zu bereuen und um Entschuldigung zu bitten. Doch wenn sie über die von ihnen begangenen Grausamkeiten sprachen, brachen bei den Zuhörern immer wieder alte Wunden auf oder sie erlitten gar neue seelische Verletzungen. Man konnte deutlich sehen, wie die Stimmung unter den Anwesenden kippte. Einige fingen an zu schreien, andere brachen in lautes Schluchzen aus und wieder andere liefen auf einmal wie wild hin und her, wodurch weitere Menschen in Unruhe gerieten. Man ist deshalb vorsichtiger geworden. Täter kommen ? zumindest in Huye ? kaum noch zu Wort. Auch achtet man darauf, dass Zeitzeugen dem Publikum ihre Erfahrungen nicht mehr bis ins kleinste grausame Detail schildern.

Ich selbst habe in den ersten Jahren aus Angst, dass auch in mir alte Wunden aufbrechen könnten, nicht an der Trauerwoche teilgenommen. Ich heiratete, zog in die Stadt und begann, Klinische Psychologie zu studieren. Während ich lernte, in das Innere eines Menschen zu sehen, wurde mir auf einmal klar, was ich selbst tun kann und muss. Ich begriff, dass ich einen Beitrag zur Trauerwoche leisten musste, um meinen Mitmenschen zu helfen. Direkt nach dem Studium bin ich also zum ersten Mal wieder zu Gedenkveranstaltungen gegangen. Meine Angst war wie weggeblasen.

Seitdem bin ich jedes Jahr dabei und sehe, dass die Trauerwoche für die Genozid-Überlebenden wirklich eine Art Heilmittel darstellt. Wenn du eine Person verlierst, die dir nahesteht, weinst du normalerweise. Aber während des Völkermords gab es keine Gelegenheit dazu. Mehrere Überlebende beschrieben mir diesen Zustand so: Während dieser Zeit war ich ein Baum. Ich hatte alle meine Emotionen wie Zweige abgeschnitten. Ich fühlte nichts mehr.

Die Trauerwoche ermöglicht es den Menschen endlich, ihren unterdrückten Schmerz zu spüren und ihre Gefühle auszudrücken. Das hilft ihnen. Es lässt sich nicht leugnen, dass in dieser Zeit besonders viele Menschen von Traumakrisen heimgesucht werden und auch vermehrt Spannungen zwischen Tätern und Hinterbliebenen auftreten. Aber für die Überlebenden sind die Gedenktage trotzdem sehr wichtig. Sie helfen ihnen, den Verlust derer zu begreifen, für die niemals eine Beerdigung ausgerichtet wurde. Sie geben ihnen Raum, um um Menschen zu weinen, von denen sie sich nie verabschieden konnten. Und sie erlauben ihnen, den Verstorbenen die Würde zurückzugeben, die ihnen durch ihre grausame Ermordung einst abgesprochen wurde.

Protokolliert von Johanna Wild



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