„Die Toten tauchen in euren Träumen auf“

ein Interview mit Peter Kilner

Vom Sterben. Ein Heft über Leben und Tod (Ausgabe IV/2012)


Lieutenant Colonel Kilner, Sie helfen Soldaten, mit dem Töten zurechtzukommen. Warum tun Sie das?

Wir rekrutieren Soldaten, um zu töten, wir bringen ihnen bei, zu töten, wir bewaffnen sie, um zu töten, wir geben ihnen den Befehl dazu und später verleihen wir ihnen Orden. Aber keiner erklärt ihnen, warum es moralisch gerechtfertigt ist. Es gibt eine Menge Soldaten, die getötet haben, und obwohl es moralisch vertretbar war, fühlen sie sich furchtbar schuldig und quälen sich. Es ist ein Tabu, etwas, wovon du deiner Frau und deinen Kindern nichts erzählst.

Wann ist Töten für Sie gerechtfertigt?

Im Rahmen eines gerechten Krieges mit einem legitimen Ziel.

Was ist ein gerechter Krieg?

Ein Krieg, der zur Verteidigung der Menschenrechte geführt wird, nachdem alle anderen vernünftigen Mittel, das Leben und die Rechte der Menschen zu schützen, gescheitert sind.

Was bringen Sie den Studenten bei?

Ich sage ihnen, dass es eines der emotionalsten Ereignisse ihres Lebens sein wird, einen Menschen zu töten. Dass es sehr wahrscheinlich ist, dass die Person, die sie töten, in ihren Träumen auftauchen wird, vielleicht für den Rest ihres Lebens. Jedes menschliche Wesen hat das Recht, nicht getötet zu werden. Aber wir können dieses Recht verlieren, wenn wir eine unschuldige Person angreifen. Die gegnerischen Soldaten verwirken ihr Recht, nicht getötet zu werden, weil sie einen ungerechten Krieg führen. Es ist traurig, sie zu töten, denn sie haben Freunde und Familie. Aber es ist notwendig, um unschuldige Menschen zu beschützen, denen sie sonst Schaden zufügen würden.

Nehmen wir an, zwei bewaffnete junge Soldaten stehen sich gegenüber. Beide wollen mit dem Leben davonkommen. Der eine tötet den anderen. Wie ist das gerechtfertigt?

Es kann nicht zwei gerechte Parteien geben. Einer ist immer der ungerechte Aggressor.

Ist die Welt wirklich so schwarz-weiß? Gibt es nicht Situationen, in denen das nicht so klar ist?

Ja, und das macht den Krieg so schwierig. Der moralische Entscheidungsprozess eines kämpfenden Soldaten unterscheidet sich fundamental von dem eines Zivilisten. Wir können nie die vollständigen Informationen haben, wir kennen die wahre Motivation der politischen Entscheidungsträger nicht und wissen nicht, was wirklich vor Ort passiert.

Wie soll ein Soldat dann die richtige Entscheidung treffen?

Es ist die Pflicht der Bevölkerung, extrem skeptisch zu sein, wenn die Regierung in einen Krieg eintreten will, und sie zu zwingen, diese Entscheidung sehr gut zu rechtfertigen. Menschen in Uniform müssen der Bevölkerung und der Regierung vertrauen. Es sei denn, sie sind fest davon überzeugt, dass alles ein großer Fehler ist. Im Einzelfall sollten Soldaten auch verweigern dürfen.

In diesem Jahr haben sich mehr US-amerikanische Militärangehörige umgebracht, als bei Kampfhandlungen ums Leben gekommen sind.

Die hohe Selbstmordrate unter Veteranen ist tragisch und wir müssen etwas dagegen tun. Ein Grund dafür ist, dass 2005 der Krieg im Irak nicht so gut lief und es nicht mehr so viele Freiwillige gab, die sich zur Armee gemeldet haben. Also haben wir die Aufnahmebedingungen gelockert und viele Leute genommen, die es vorher nicht geschafft hätten. Jetzt bekommen wir die Quittung.

Kann Ihre Arbeit dazu beitragen, den Veteranen zu helfen?

Ich möchte ein Vokabular entwickeln, das es den jungen Männern ermöglicht, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren und ihr Leben weiterzuleben. Viele von ihnen benutzen noch nicht einmal das Wort „töten“, stattdessen sagen sie „wir haben sie außer Gefecht gesetzt“, „wir haben sie erledigt“ oder „wir haben sie erwischt“. Die Leute müssen ihre Berührungsangst mit dem Thema verlieren.

Kilner legt Wert auf den Hinweis, dass seine Ansichten nicht die offizielle Politik oder den Standpunkt der US-Armee, des Verteidigungsminis­teriums oder der US-Regierung wiedergeben.

Das Gespräch führte Stephanie Kirchner



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