Wie fühlt es sich an zu töten?

Vom Sterben. Ein Heft über Leben und Tod (Ausgabe IV/2012)


„Als ich ihn fand, spielte er gerade mit seinen Kindern“

Als ich 17 Jahre alt war, wurde ich an der Boston University angenommen, aber ich konnte mir die hohen Studiengebühren nicht leisten. Ich wollte nicht, dass meine Eltern meinetwegen einen Kredit aufnehmen müssen, also ging ich zur Armee. Der Mann im Rekrutierungsbüro fragte mich „Möchtest du aus Flugzeugen rausspringen und Zeug in die Luft sprengen?“, und ich sagte: „Klar“. Im Juli 2006 wurde ich in die afghanischen Provinz Kunar geschickt. Während des Trainings wurde man darauf vorbereitet, dass man töten muss. Im Militär stellen sie den Feind als Zielscheibe dar, nicht als Menschen, man wird desensibilisiert. Sie sagen zu einem: „Sieh zu, dass du deinen Job erledigst, denn wenn der Feind seinen Job erledigt, kommst du nicht mehr heim.“ Verschiedene Kampfszenarien werden vorher durchgespielt, aber das bringt einem nicht viel, wenn die Kugeln um einen herumfliegen. Dann muss man manchmal improvisieren. Über die emotionalen Auswirkungen, die das Töten hat, wurde nicht gesprochen. Aber heute ist mir klar, dass es unmöglich ist, die Dinge zu tun, die wir tun mussten, ohne dass es einen verändert. Einige Male waren wir so nah dran, dass wir unsere Gegner sehen konnten und sie uns. Da ging es einfach darum, wer schneller abdrückt. Wir waren besser ausgebildet als sie. Irgendwann gewöhnt man sich ans Töten. Aber es gab auch Situationen, da habe ich mich gefragt, was tun wir hier eigentlich? Ich hatte als Heckenschütze den Auftrag, einen wichtigen Talibankämpfer zu erledigen. Aber als ich ihn fand, spielte er gerade mit seinen Kindern. Ich musste ihn also vor ihren Augen erschießen. Jemanden vor seinen Kindern abzuknallen, das ist doch total krank! Aber du bist gezwungen, dich innerhalb von Sekunden zu entscheiden. Entweder du tust deinen Job oder du lässt den Typen davonkommen, und er tötet weiter Soldaten und Zivilisten. Soldaten im Krieg beschäftigen sich nicht mit den politischen Entscheidungen der Regierung. Wir machen einfach unseren Job, damit wir wieder nach Hause können. Dort müssen wir uns manchmal als Babymörder beschimpfen lassen. Viele Leute sehen die Freiheiten, für die wir kämpfen, als selbstverständlich an.

Staff Sergeant Alex Correa, geboren 1987 in Don Matías, Kolumbien, trat mit 17 Jahren in die US-Armee ein. Er wird demnächst wegen einer Posttraumatischen Belastungsstörung entlassen.

„Ich bin ständig auf der Hut“

Ich bin zur Armee gegangen, weil ich mir nichts sehnlicher wünschte, als meinem Land zu dienen. Als ich in der siebten Klasse war, las ich das erste Mal etwas über Terroristen und wie sie Unschuldige töten. Da wusste ich, dass ich diese Monster bekämpfen wollte, sobald ich die Highschool abgeschlossen hatte. Es liegt nicht in unserer Natur, Menschen zu töten. Aber ich wusste, dass der Tag kommen würde, und bereitete mich innerlich darauf vor. Um ehrlich zu sein, es fällt mir schwer, mich an das erste Mal zu erinnern. Die Zeit in Afghanistan ist ein verschwommenes Bild ständiger Kämpfe. Während des Gefechts habe ich nicht groß darüber nachgedacht. Ich wusste nur, hier versuchen ein paar Typen, mich umzulegen, und meine Kameraden und ich müssen zurückschlagen. Aber nach dem Kampf begann ich, darüber nachzudenken. Zuerst konnte ich gar nicht glauben, dass ich jemanden, eventuell sogar mehrere Menschen, getötet hatte. Nach einer Weile empfand ich eine gewisse Gleichgültigkeit. Um dieses Gefühl zu erklären, könnte man sagen, es ist wie sich beim Anziehen die Schuhe zuzubinden. Man hat nicht wirklich Lust dazu, aber empfindet auch keinen Abscheu. Man macht es einfach, und wenn es so weit ist, tut man es wieder. Nicht nur die Erfahrung des Tötens hat mich härter gemacht, sondern auch das Wissen, dass andere versucht haben, mich zu töten. Ich bin ständig auf der Hut, wenn ich unterwegs bin, beim Einkaufen oder in einer Bar. Aber ich schätze das Leben umso mehr. Manchmal habe ich auch Gewissensbisse. Von klein auf wird einem beigebracht, dass es falsch ist, Menschen wehzutun. Ein Leben, das man einmal genommen hat, kann man nie wieder zurückgeben. Ich weiß nicht, ob Gott mir jemals für meine Taten vergeben wird. Aber es ist die Aufgabe eines Soldaten, die Last der Sünde zu tragen, damit unschuldige Menschen es nicht tun müssen. Und es ist schön, mit anzusehen, wie die Kinder draußen spielen und die Menschen ihre Felder bestellen und sich draußen versammeln können, ohne Angst zu haben, getötet zu werden. Es war das genaue Gegenteil, als ich mit meiner Einheit in Afghanistan ankam. Dafür in die Hölle zu kommen, wäre eine Ehre.

Sergeant James, der seinen Nachnamen nicht veröffentlichen möchte, wurde 1988 in Poughkeepsie im US-Bundesstaat New York geboren. Er ist verheiratet und hat eine kleine Tochter.

Protokolliert von Erin Trieb



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