Der Höhepunkt des Lebens

von Sunilkumar K. Pandya

Vom Sterben. Ein Heft über Leben und Tod (Ausgabe IV/2012)


Indien hat zahlreiche Kulturen genährt und dabei das Beste aus jeder Kultur übernommen. Die verbreitete Philosophie über den Tod enthält traditionelle Gedanken der Arier und Draviden sowie Vorstellungen aus späteren Konzepten der Griechen, Moguln, Portugiesen, Franzosen, Dänen und Briten. Die indische Philosophie wurde von unterschiedlichsten religiösen Überzeugungen geprägt, insbesondere von der hinduistischen, der buddhistischen, der Jain-, der Sikh-, der jüdischen, der muslimischen und der christlichen Religion. Wichtig ist dabei das alte indische Konzept von kala, von Zeit, die nicht als geradlinig, sondern als zyklisch verstanden wird.

Das Konzept der Wiedergeburt zieht sich durch die gesamte indische Philosophie hindurch. Jeder Mensch ist einem Kreislauf von Geburt und Tod geweiht. Die Form, in der wir wiedergeboren werden, hängt von den Taten in unserem früheren Leben ab. Die Rechtschaffenen werden auf einer höheren Ebene wiedergeboren, die Übeltäter auf einer niedrigeren. Die höchste Form des Lebens auf Erden, so heißt es in den Veden, den Upanishaden und anderen philosophischen Werken, können wir nur durch Verzicht und Sittlichkeit erreichen. Erst dann werden wir mit Brahman vereint, dem absoluten universellen Geist, der Ursprung und Stütze des Universums ist, sodass wir den Kreislauf von Geburt und Tod durchbrechen können.

Die indische Philosophie unterscheidet zwischen dem sterblichen Körper, der dem Tod geweiht ist, und der unsterblichen atman (Seele). Solange die atman im Körper steckt, ist der Körper fähig zu Lust und Leid. Trennt sich die atman vom Körper, ist der Tod eingetreten. Den Autoren der Veden und der Upanishaden zufolge sollen wir uns zu Lebzeiten um die Erkenntnis bemühen, dass der Körper und seine Begierden – Lust, Gier und körperliches Vergnügen – unbedeutend sind. Stattdessen sollen wir uns auf die atman konzentrieren und durch Reinheit des Geistes bei all seinem Tun einen Zustand erreichen, der „wunschlos, weise, unsterblich, voller Seligkeit, an keinem Mangel leidend“ und ohne Furcht vor dem Tod ist (Atharva Veda X, 8, 446). Die Katha Upanishad fügt hinzu: „Wenn alle Verlangen, die in seinem Herzen quellen, enden, dann wird der Sterbliche unsterblich und erreicht so Brahman. Wenn alle Bande des Herzens durchtrennt werden, dann wird der Sterbliche unsterblich.“

Die Betonung von Moral, die Entsagung irdischer Verlangen und das konstante Streben nach geistiger Seligkeit ist Teil der Lehren großer Philosophien weltweit. Die Aussicht, auf einer höheren Ebene wiedergeboren zu werden und so den Kreislauf von Geburt und Tod zu durchbrechen, muss in Indien ein großer Anreiz gewesen sein und viele beflügelt haben, ein sittliches Leben zu führen, alles für andere zu tun und sich fleischliche Begierden zu versagen. Aufgrund dieser Lehren sehnten die Vorfahren auch den Tod herbei, da sie durch ihn dem Kreislauf von Geburt und Tod ein Ende setzen konnten. Der Akt des Sterbens barg keinen Schrecken, auch wenn die Überlebenden selbstverständlich um den Tod eines geliebten Menschen trauerten.

Bis heute gibt es Gemeinschaften, die Menschen ehren, welche – obwohl bei guter Gesundheit und im vollen Besitz ihrer geistigen Kräfte – zu sterben beschließen. Die Jain-Religion nennt dieses Ritual santhara oder sallekhana. Ein solcher Mensch, normalerweise hochbetagt, der beschließt, dass er alles, was er ersehnte, erreicht hat und nun sterben möchte, teilt seinen Entschluss seiner Familie und seiner Gemeinschaft mit und verringert schrittweise die Aufnahme von Nahrung und Wasser. Bislang wird diese Praxis von der indischen Gesetzgebung stillschweigend gebilligt.

Meine persönliche Überzeugung ist diese: Das Leben ist ein Mysterium. Ich weiß nicht, warum ich als Mensch geboren wurde, und ich weiß nicht, warum ich das Glück besitze, auf diesem Planeten mit all seiner Pracht und Schönheit zu leben. Als Neurochirurg betrachte ich den Tod als ein finales Ereignis und als logisches Ende des Lebens. Er birgt keinen Schrecken. Moral und Ethik sind grundsätzlich bei allen Menschen und allen Handlungen begrüßenswert und nicht etwa, weil sie unter Umständen Gewinn versprechen. Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod oder an Wiedergeburt. Wenn ich nach meinem Tod weiterlebe, dann vielleicht im Gedächtnis einiger weniger, und ich hoffe, sie behalten mich in guter Erinnerung. Meine persönliche Philosophie erlaubt es mir, meine Organe im Falle eines Hirntods zur Transplantation freizugeben und die übrigen Teile meines Körpers Anatomiestudenten zu Sektionszwecken zu vermachen.

Diese Überzeugung teilen in Indien nicht viele. Ich möchte Ihnen von einer Familie berichten, die weiter der Tradition folgt. Eine meiner Patientinnen leidet an einem hochmalignen Gehirntumor. Trotz Operation, Bestrahlung und Chemotherapie ist der Tumor zurückgekehrt und sie hat nur noch wenige Monate zu leben. Bei der Operation hatten wir einen Großteil des Knochens über der betroffenen Stelle im Gehirn entfernt, um den Druck auf das Gehirn zu verringern. Wir hatten gehofft, diesen Knochen zu ersetzen, sobald es der Patientin besser gehen und der Druck im Gehirn wieder normal sein würde. Leider war dem nicht so. Nun, da sie im Sterben liegt, kommen ihre Verwandten ins Krankenhaus und verlangen, den Knochendeckel wieder einzusetzen, denn es sei ungebührlich, ihren Leichnam mit unvollständigem Schädel einzuäschern.

Philosophisch gesprochen bestehen wir, wie der amerikanische Astronom Carl Sagan betonte, aus „Sternenstaub“. Die Elemente, die bei der Zerstörung von Sternen freigesetzt wurden, verdichteten sich zu jener Wolke, die unsere Erde wurde und Leben entstehen ließ. Die biblische Mahnung – „Staub bist du und zum Staub wirst du zurückkehren“ – deutet auf eine Kontinuität des Lebens hin. Alle Kulturen in Indien betrachten den Tod als normales und notwendiges Ereignis, als angemessenen Höhepunkt des Lebens. Wir werden geboren, wir sterben und kehren zu den Elementen zurück, die wiederum zur Entstehung neuen Lebens beitragen.

Der Wissenschaftler sieht den Tod schon dort, wo das Baby im Schoß seiner Mutter empfangen wird. Zahllose Zellen sterben ab, da sie zur Bildung der Organe überflüssig sind. Auch im Gehirn werden unzählige Nervenzellen, Bindezellen und Verbindungen zwischen ihnen zerstört, während sich der Kopf in der Gebärmutter heranbildet. Nach der Geburt sterben fortlaufend Zellen ab, die zur Entstehung der verschiedenen Körperteile dienen. Zugleich findet ein Entstehungsprozess statt, bei dem neue Zellen die abgestorbenen ersetzen, doch insgesamt beginnen wir zu sterben, noch bevor wir geboren werden. Aus diesem Grund sind alternde Organe auch deutlich weniger funktionstüchtig als junge Organe, und Senilität manifestiert sich besonders auffällig im Gehirn. Betrachtet man das nachlassende Hirn eines Hundertjährigen mittels Computer- oder Kernspintomographie, so ist es im Vergleich zum jugendlichen Hirn deutlich geschrumpft. Während dieser Schrumpfung schwinden seine Funktionen, wie Shakespeare es so treffend in „Wie es euch gefällt“ formuliert hat:

„Das sechste Alter

Macht den besockten, hagern Pantalon,

Brill auf der Nase, Beutel an der Seite;

Die jugendliche Hose, wohl geschont,

’ne Welt zu weit für die verschrumpften Lenden;

Die tiefe Männerstimme, umgewandelt

Zum kindischen Diskante, pfeift und quäkt

In seinem Ton. Der letzte Akt, mit dem

Die seltsam wechselnde Geschichte schließt,

Ist zweite Kindheit, gänzliches Vergessen,

Ohn Augen, ohne Zahn, Geschmack und alles.“
 

Aus dem Englischen von Claudia Kotte



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