Das Leben voll auskosten

von Gavin Baddeley

Vom Sterben. Ein Heft über Leben und Tod (Ausgabe IV/2012)


Gegenkulturen verwenden Symbole. Vom Anch-Kreuz der Ägypter bis zum Anarchiezeichen zieren sie T-Shirts, Album-Cover, Häuserwände oder die jugendliche Haut. Keines dieser Zeichen ist jedoch so allgegenwärtig und wird so häufig missinterpretiert wie der Totenkopf. Das universelle Symbol des Todes ist nur eines von vielen Beispielen düsterer Motive in der Ikonografie moderner Subkulturen. Was aber hat es mit der Todesnähe jugendlicher Gegenbewegungen auf sich? Deutet sich hier eine Neigung zum Selbstmord oder gar zum Töten an? Ringen Heranwachsende um Aufmerksamkeit? Oder muss man auf der Suche nach den Ursprüngen der düsteren Seite jugendlicher Rebellion doch etwas weiter ausholen?

Gegenkulturen entstanden kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, als der wirtschaftliche Aufschwung den Teenager entdeckte, reif für die Ausbeutung durch clevere Geschäftsleute und bereit, als Sündenbock für konservative Gesellschaftsschichten herzuhalten. Hollywood reagierte schnell und rückte die Figur des Halbstarken in den Fokus. Einer der ersten Filme dieser Art war der Thriller „Knock on Any Door“ („Vor verschlossenen Türen“) von 1949, in dem der jugendliche Antiheld den legendären Satz „Live fast, die young, and leave a good-looking corpse.“ („Lebe schnell, stirb jung und hinterlasse eine gut aussehende Leiche“) prägte. Nur wenig später drehte derselbe Regisseur, Nicholas Ray, den Klassiker des Subgenres der Halbstarkenfilme. Obwohl der Hauptdarsteller den zitierten Satz in seiner kurzen Karriere niemals aussprach, so sollte er dennoch immer unzertrennlich mit ihm verbunden bleiben. Der Film hieß „Rebel Without a Cause“ („...denn sie wissen nicht, was sie tun“), der Hauptdarsteller war James Dean. In der Rolle des Jim Stark wurde er als Archetypus des coolen jungen Außenseiters unsterblich. Im Lauf des gesamten Films spielt Jim mit seinem Leben, am Ende entkommt er nur knapp den Schüssen der Polizei.

Zwar starb James Dean hinter dem Steuer seines Sportwagens, er war jedoch auch ein leidenschaftlicher Motorradfahrer. Neben langen Haaren und E-Gitarre wurde das Motorrad schnell zu einem Markenzeichen jugendlicher Rebellion. Waghalsige Fahrer malten sich Totenkopfflaggen auf ihre schwarzen Lederjacken. Es war ein Zeichen des Hochmuts, ein Ausdruck der Furchtlosigkeit im Angesicht des Todes, möglicherweise aber auch ein Aberglaube, der Tod würde gnädig über einen hinweggehen, wenn man seine Farben trüge. Aus ähnlichen Gründen sieht man Totenköpfe auch beim Militär, oftmals mit dem Schriftzug „Death or Glory“ („Tod oder Ehre“).

Die Hippie-Bewegung mit ihren Idealen von Frieden und Liebe hat auf den ersten Blick mit dem Tod wenig gemein. Dennoch stammen Bands wie Grateful Dead und finstere Songs wie „The End“ aus dieser Zeit. Dieses Lied der Band The Doors entstand 1967 und ist eine düstere, surreale Meditation auf den Verlust, die zeigt, dass nicht alles süß und leicht war, was aus der Zeit der Blumenkinder stammte. 1969 war der Optimismus der Hippies weitestgehend erloschen. Die Band Black Sabbath aus dem grauen, industriell geprägten Mittelengland, die später als erste Heavy-Metal-Band bekannt werden sollte, stimmte den passenden Soundtrack zur Beerdigung jener Ära an. Songs wie „Electric Funeral“ waren Klagelieder auf eine Welt, die dazu verdammt war, durch nukleare Massenvernichtung zugrunde zu gehen.

Eine beliebte Figur im Heavy Metal und in benachbarten Musikrichtungen ist der Sensenmann. Diese Personifikation des Todes entstammt der mittelalterlichen Folklore und war insbesondere unter dem gewöhnlichen Volk als Nivellierer beliebt. Bauer oder Prinz, Bettler oder Papst: Der Tod kennt keine Unterschiede. Die Vorstellung, dass sich Besitz und Status vor dem Sensenmann in Luft auflösen, ist auch gegenwärtig eine makabere Genugtuung für diejenigen, die sich von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen.

Es gibt eine weitere Tradition, die in modernen Subkulturen auch heute noch eine Rolle spielt: das Memento mori. Wenn unsere Vorfahren einen Schädel, eine Sense oder ähnliche Symbole in einem Kunst- oder Bauwerk erkannten, so deuteten sie diese nicht als Anlass, aus Respekt vor dem Tod zu erstarren, sondern als Ermahnung, das Leben voll auszukosten, denn niemand ist unsterblich.

Keine Subkultur ist so eng mit dem Tod verknüpft wie der theatralische Ableger des Punk, der in den USA als Deathrock und in Europa als Gothic Rock bekannt ist. Im Wesentlichen werden hier zwei Haltungen vertreten. Die erste zeigt sich schon in der 1979 erschienenen EP „Bela Lugosi’s Dead“ von Bauhaus, die gemeinhin als erste Gothic-Platte angesehen wird. Bela Lugosi war für die Rolle des Dracula im gleichnamigen Spielfilm von 1931 berühmt geworden. Der gruselige Song sollte Fans alter Horrorfilme ansprechen. Auch die US-Band 45 Grave vertritt den kitschig-makaberen Frohsinn. Der Künstlername ihrer Frontfrau Dinah Cancer steht für schadenfrohen, gewöhnungsbedüftigen Galgenhumor. Im Gegensatz dazu findet man in der dunklen, experimentellen Rockmusik von Joy Division oder Christian Death nur Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Die Glaubwürdigkeit von deren Songs erhärtete sich noch, als die Sänger beider Bands sich erhängten. Ian Curtis von Joy Division starb 1980, Rozz Williams von Christian Death 18 Jahre später.

Solche Tragödien bestärken Kritiker darin, in Gothic gefährliche Tendenzen zu sehen und es gar als Selbstmordkult zu brandmarken. Doch Suizide sind in der Szene glücklicherweise seltene Ausnahmen und beide Sänger hatten ernsthafte gesundheitliche Probleme: Curtis litt unter Depressionen und Williams war heroinabhängig. Wenn man seelenschwere Musik verbieten wollte, müsste man auch „Eleanor Rigby“ von den Beatles oder Tschaikowskis „Symphonie Nr. 6“ von unseren Playlists streichen. Eher schon führt das schwermütige Klingen einer verwandten Seele zu einer Katharsis. 2009 wurde in Schottland eine Studie zu Selbstverletzungen und versuchten Selbstmorden bei Jugendlichen durchgeführt. Obwohl diese unter jugendlichen Gothics häufiger verbreitet waren, stellte der Forscher Robert Young fest: „Die meisten Selbstverletzungen fanden in der Zeit statt, als die Jugendlichen noch keine Gothics waren. Die Gothic-Kultur ist also weniger ein Risiko als vielmehr ein Zufluchtsort für Jugendliche, die ohnehin zu Selbstverletzungen neigen. Es ist durchaus denkbar, dass Jugendliche innerhalb der Subkultur wertvolle soziale und emotionale Unterstützung von ihresgleichen erhalten.“

Death Metal ist für Außenstehende wegen der aus-ufernden Grausamkeiten, die sich schon in Songtiteln wie „Hammer Smashed Face“ („Vom Hammer zerschlagenes Gesicht“) oder „Regurgitaded Guts“ („Erbrochene Eingeweide“) widerspiegeln, wahrscheinlich immer noch die am schwierigsten nachvollziehbare Subkultur. Die Anziehungskraft dieser Gegenbewegung ist die gleiche wie die, die Horrorfilme auf geneigte Zuschauer ausüben. Sich in menschlichen Abgründen zu suhlen, ist für manche ein Genuss. Gleichzeitig will man beweisen, was man alles aushalten kann. Tatsächlich spielt auch hier der Humor eine größere Rolle als allgemein angenommen. Death Metal begibt sich so weit über die Grenzen des guten Geschmacks hinaus, dass es absurd wird.

Während unsere Vorfahren von Kindheit an mit dem Tod und auch mit dem Töten zur Nahrungsgewinnung vertraut waren, haben wir uns heute weitestgehend von den Realitäten des Todes entfremdet. Er ist ein dunkles Geheimnis geworden, ein Feld für Außenseiter und Gegenkulturen, die dazu neigen, dunklen Geheimnissen nachzuspüren. Letztendlich dient das einer gesunden Gesellschaft, denn sie wird daran erinnert, dass man Unangenehmes nicht einfach unter den Teppich kehren kann.

Aus dem Englischen von Jakub Rapsch



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