Die Furchtlosen

Vom Sterben. Ein Heft über Leben und Tod (Ausgabe IV/2012)


Mit der Bedrohung leben

Jessica O’Rourke, Feuerwehrfrau in Australien

Wenn ich dabei bin, ein Buschfeuer zu bekämpfen, kommt mir der Gedanke an Tod nicht. Ich bleibe auf die Situation konzentriert und arbeite mit meinen Kollegen zusammen, um das Feuer so schnell und so sicher wie möglich zu löschen. Es geht in diesen Momenten darum, seine Arbeit zu erledigen. Die Zeit, innezuhalten und darüber nachzudenken, was alles passieren könnte, hat man nicht. Wir sind sehr gut ausgebildet und gedrillt worden, das macht sich im Einsatz bemerkbar. Die Freiwillige Feuerwehr in Australien hat eine lange Tradition. Seit über hundert Jahren beschützen ihre Mitglieder Häuser vor Buschbränden. Deshalb bin ich sehr stolz, Mitglied des New South Wales Fire Service zu sein. Außerdem gefällt es mir, neue Fähigkeiten zu erlernen und mich neuen Herausforderungen zu  stellen. Auch die Kameradschaft bei der Feuerwehr mag ich sehr.

Tong Fei, Minenarbeiter in China

Seit sechs Jahren arbeite ich in einem Kohlebergwerk in der chinesischen Provinz Shanxi. Am Anfang hatte ich Angst, dass die Grube einstürzen könnte. Aber ich versuche nicht zu viel darüber nachzudenken, denn in China glauben wir, dass etwas wahr werden kann, wenn man zu oft daran denkt. Ich überprüfe jedes Mal die Ausrüstung und ob die Grube stabil ist, bevor ich unter Tage gehe. Bisher hatte ich noch keinen schweren Unfall, nur ein Kollege hat mich mal am Finger verletzt, weil er mit einem Werkzeug nicht vorsichtig war. Für meinen Vater, der früher im gleichen Bergwerk gearbeitet hat, war alles viel gefährlicher. Er nutzte einfache Werkzeuge und Sprengstoff, um den Tunnel zu erkunden. Die riesigen Maschinen, mit denen wir heute arbeiten, reduzieren das Risiko. Meine Sicherheit ist mir auch deshalb so wichtig, weil ich mit meinem Job meine Eltern, meine Frau und mein einjähriges Baby ernähren muss.

Aurelia Cats, internationale Trapezkünstlerin

Obwohl ich ohne Sicherung hoch über dem Boden schwebe, fühle ich mich beim Trapezakt nicht, als ob ich in Lebensgefahr wäre. Es ist jedes Mal eine Herausforderung, meine Nummer an einem neuen Ort und in unterschiedlichen Höhen aufzuführen. Nach ein paar Tagen vergesse ich jedoch alles um mich herum und konzentriere mich darauf, die volle Kontrolle über meinen Körper zu bewahren. Es gibt nichts Vergleichbares zu dem Adrenalin, das meinen Körper und meinen Verstand ergreift. Das Einzige, was dann zählt, ist, einen kurzen Traum mit den Zuschauern zu teilen. Die Welt sieht von weit oben so viel schöner aus. Ich würden meinen Job gegen keinen anderen tauschen wollen.

Stephen Warner, Fensterputzer in Kanada

Die Gebäude in Toronto, deren Fenster ich putze, sind manchmal über 80 Stockwerke hoch. Wenn du einen Fehler machst, kannst du in wenigen Sekunden tot sein. Deshalb muss man jeden Handgriff vorher genau planen. Weil meine Firma einen guten Ruf hat, kann ich angemessene Preise verlangen und es mir leisten, für meine Sicherheit und die meiner Mitarbeiter zu sorgen. Ich führe das Geschäft seit 15 Jahren und wir hatten bisher nur einen ernsten Unfall. Wir wissen bis heute nicht, wie es genau passiert ist, aber das Sicherheitsseil hat die Plattform nicht gehalten und sie ist mit einem der Männer abgestürzt. Er hat während des Sturzes mehrmals nach dem Seil gegriffen und dabei seine Hand bis auf den Knochen aufgeschürft. Aber er konnte die Fallgeschwindigkeit senken und hat überlebt. Ich habe keine Angst dort oben, aber man muss immer geistesgegenwärtig sein. Manche werden mit der Zeit leichtsinnig und sichern sich nicht genügend ab, wenn sie an den Rand eines Gebäudes gehen. Dabei reicht schon ein starker Windstoß und es ist vorbei. Seit dem Unfall bilde ich keine Mitarbeiter mehr aus, sondern stelle nur noch Leute ein, die schon mindestens zwei Jahre Arbeitserfahrung haben.

Das Ende begleiten

Shalom Misrachi, Totenwächter in Israel

Seit zwölf Jahren bin ich Vorstandsmitglied der Chewra Kadischa in Afula, einer Stadt im Nordbezirk Israels. Wir kümmern uns darum, die Toten nach jüdischer Tradition zu bestatten. Unser Gesetz verbietet es, Menschen nach dem Tod allein zu lassen. Deshalb versuchen wir, den Leichnam so schnell wie möglich zu begraben. An Feiertagen und am Sabbat werden jedoch keine Beerdigungen durchgeführt. In diesem Fall wache ich neben dem Verstorbenen und bete Psalmen aus der Thora, um ihm die letzte Ehre zu gewähren und seine Seele Gott anzuvertrauen. Als ich mit dieser Arbeit angefangen habe, fühlte ich mich of betrübt, aber mit den Jahren lernte ich, mich innerlich zu distanzieren. Die Tätigkeit hilft mir, mich darauf zu besinnen, dass alles vergänglich ist und dass die Menschen zusammenhalten sollten – auch über den Tod hinaus.

Hudson Mabwe Kapemba, Bestatter in Sambia

Ich arbeite schon seit 25 Jahren als Bestatter. Von Toten umgeben zu sein, empfinde ich nicht als beängstigend. Als ich 1978 Soldat im Bürgerkrieg war, musste ich zwischen meinen gefallenen Kameraden schlafen, um mich vor den Feinden zu verstecken. Danach hatte ich vor nichts mehr Angst. Der erste Tote, den ich für die Beerdigung herrichtete, war mein Kommandant. Angst hatte ich keine – ich machte das sehr professionell. Ich wusch seinen Körper, zog ihn an und ging dann nach Hause. Wenn jemand stirbt, bleibt nur noch sein Körper übrig. Es ist der Koffer für die Seele. Mein christlicher Glaube spielt eine große Rolle für meine Arbeit. Es ist meine Bestimmung, diesen Beruf auszuüben. Trotzdem zögerte ich ein Jahr, bis ich meiner Frau davon erzählte. Ich war mir im Klaren über die Stigmatisierung, die bei uns mit diesem Beruf einhergeht. Wenn mich die Menschen in meinem lila Staubmantel sehen, zeigen sie mit dem Finger auf mich und laufen davon. Manche schütteln nicht einmal meine Hand. „Makula“ ist das sambische Schimpfwort, mit dem sie uns bezeichnen. Es bedeutet: einer, der mit dem Hammer um sich schlägt. Die Bezeichnung geht auf denMythos zurück, dass ein Leichenbestatter angeblich jeden erschlägt, der zu den Lebenden zurückkehren könnte. Das verletzt mich fast so sehr, als wenn sie uns als „Mörder“ beschimpfen würden.

Iuliia Mastiukova, Zahra Mihandost und Zahra Gholinejad Varazgahi, Altenpflegerinnen in Deutschland

Wir kommen aus dem Iran und der Ukraine und machen in Deutschland zusammen eine Ausbildung als Altenpflegerinnen. Für den Beruf haben wir uns entschieden, weil uns die Arbeit mit alten Menschen interessiert. Wenn man lange Zeit jemanden gepflegt hat, entwickelt man eine Beziehung zu dieser Person. Von einem Sterbenden Abschied zu nehmen, ist das Schwierigste an unserer Tätigkeit. Doch obwohl es nicht leicht ist, über den Tod eines Menschen, um den man sich gekümmert hat, hinwegzukommen, kehrt nach einigen Tagen die Routine zurück.

Penny Brander, Hospizhelferin in Neuseeland

Ich komme aus der Gesundheitsforschung und habe mich in diesem Zusammenhang mit Palliativpflege beschäftigt. Dabei habe ich ein Interesse an Themen entwickelt, die mit Tod, Sterben und Trauer zu tun haben. Irgendwann habe ich begonnen, als Freiwillige im Hospiz zu arbeiten und die Lebensgeschichten der Patienten für die Familien und Hinterbliebenen aufzuzeichnen. Im Laufe der Zeit habe ich bemerkt, dass diese Arbeit einen therapeutischen Effekt hat. Es hilft den Menschen, ihr Leben Revue passieren zu lassen, manchmal können sogar Lebenskonflikte gelöst werden. Ich mag meine Arbeit, weil sie  positiv und produktiv ist. Die ständige Konfrontation mit dem Tod macht es mir jedoch  keineswegs einfacher, mich damit abzufinden, dass ich oder mir nah stehende Personen sterben könnten. Aber ich fühle mich weniger unwohl, wenn ich in der Nähe sterbender Menschen bin und lerne viel über die individuellen und institutionellen Möglichkeiten, den Lebensabend zu gestalten.



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