Warten auf die Sonne

von Arved Fuchs

Vom Sterben. Ein Heft über Leben und Tod (Ausgabe IV/2012)


Ende Oktober wird im Norden Grönlands die Sonne für lange Zeit verschwinden und dann kehrt totale Finsternis im Land ein. Über Monate hinweg ist es tagsüber zappenduster. Deshalb hat für die Inuit die Wiederkehr der Sonne eine hohe Symbolkraft, sie bedeutet den Neubeginn des Lebens und ist ein sehr emotionales Ereignis. An welchem Tag im Februar sie genau erscheint, hängt von der jeweiligen geografischen Breite ab. Es wird bereits hell, bevor man die Sonne am Himmel sieht. Die Menschen versammeln sich dann auf einem Berg, irgendwann erhebt sich hinter einem der Hunderte von Gletschern der glutrote Ball und taucht die Landschaft in ein pastellfarbenes Licht, die Eisberge leuchten dann in unterschiedlichen Farben, weil sich die Sonnenstrahlen an ihnen brechen. Die Inuit stellen sich zur Begrüßung der Sonne in Richtung Süden, sie singen und essen „Kiviaq“, fermentiertes Vogelfleisch, eine grönländische Delikatesse. Die Kinder schlagen mit Stöcken auf kleine Holzfässer, bis diese platzen, und vertreiben so symbolisch den Winter. Zuerst bleibt die Sonne nur für wenige Minuten am Himmel, mit jedem Tag verweilt sie länger, bis es schließlich überhaupt nicht mehr dunkel wird und der Polarsommer wiederkehrt. Bis dahin ist es aber noch lange hin.



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