Life is live

Claudia Schmölders

Menschen von morgen (Ausgabe I/2009)


Am 21. November 2008 bemerkte die Nachrichtenagentur Associated Press etwas süffisant: „Die europäische Kultur ging online, aber nur für einen Tag.“ Einen Tag zuvor konnte man Europeana, das Wunderwerk der europäischen Kulturbehörde sehen – bevor es unter dem Besucheransturm zusammenbrach. Dennoch: Endlich hat Viviane Reding, die Europa-Kommissarin für Information und Gesellschaft, das vielleicht ehrgeizigste Projekt ihrer Digitalen Abteilung vorgestellt. Schon jetzt, in seiner prototypischen Form, ist Europeana eine digitale Meisterleistung. Nichts weniger als eine neue Bibliothek von Alexandria ist angestrebt, eine Arche Noah der europäischen Kulturgüter, zugänglich für jeden, der über einen geeigneten Internetzugang verfügt.


Seit 2005 arbeiten mehrere Technikgruppen daran, diese Güter auf einer Website digital zu versammeln, unterstützt von rund tausend europäischen Institutionen. Der jetzige Prototyp enthält rund drei Millionen Datensätze bis 2010 sollen es zehn Millionen sein, vorausgesetzt, alle 27 EU-Länder beteiligen sich wie vorgesehen. Freilich, bisher ist nur ein geringer Teil der Kulturgüter auch wirklich schon digital erfasst. Bezogen auf die aktuellen Datensätze gilt das leider besonders für den deutschen Beitrag. Nur ein Prozent der jetzt vorgestellten Objekte stammt aus Deutschland, hingegen 52 Prozent aus Frankreich, der Rest aus anderen Ländern. Sollte die Finanzkrise das ganze Projekt einfrieren, bliebe die deutsche Kultur für die künftigen Benutzer aus aller Welt in tiefem Schatten. 


Man stelle es sich also vor: Europäische Bücher, Bilder, Filme, Kompositionen, gesprochene Literatur, Bauwerke, Archive, Museen, Bibliotheken – alles im Netz. Jedes einzelne Objekt wird kommentiert, jedes wird sich zoomen und womöglich auch ausdrucken lassen. Jeder Mensch soll sich seine eigene Seite zusammenstellen können: MyEurope im Netz. Alle Objekte sollen hinsichtlich ihrer nationalkulturellen Bedeutsamkeit von den einzelnen Mitgliedsstaaten ausgewählt werden. Eine Art Welterbe-Großbewegung ist hier im Gang nach dem Vorbild der UNESCO, die mit der Congress-Library, unter dem Namen der „World Digital Library“, ein ganz ähnliches, aber eben globales Projekt verfolgt.


Doch global ist natürlich auch das europäische Pendant, soll es sich doch in den sechs Amtssprachen der Union präsentieren. Und mehr noch: Gebäude sollen sogar dreidimensional erscheinen. Irgendwann könnte man sich also etwa nach Chartres klicken, um die Kirche herumlaufen, eintreten und durch die Fenster nach draußen blicken. Jede Ansicht könnte man zoomen man könnte baukünstlerische Details erkennen, auch in größter Höhe und aus nächster Nähe, die dem Normalbesucher niemals zugänglich sind. Für all das sind enorme technische Voraussetzungen zu erfüllen. Die massive Unterstützung der elektronischen Industrie unter der französischen Ratspräsidentschaft ist bekannt die technische Zentrale liegt bei der Königlichen Bibliothek in Den Haag. 


Doch wie gesagt, die meisten Artefakte sind noch nicht digital vorhanden. Rund 2,5 Milliarden Bücher besitzen die europäischen Bibliotheken, aber erst ein Prozent davon ist digital erfasst. Besser als bei den Büchern sieht es bei den visuellen Werken aus: Die Filmwirtschaft hat bereits im „European Film Gateway“ ihren Einstieg ins digitale Zeitalter vollzogen. Und die Musikindustrie ist ohnehin auf diesem für sie nicht nur einträglichen, sondern zugleich auch mörderischen Trip in den état numérique, den Zahlenzustand, wie die Franzosen es nennen. Der Ausdruck ist wunderbar. Er zeigt, dass wir mit der Erfindung des Internets versuchen, nicht nur unsere Geisteswelt überhaupt wieder in unkörperliche geistige Entitäten zu verwandeln, sondern ausdrücklich in Zahlen. Zahlen sind die Hardware des Geistes Bilder und Töne und Sprache dagegen nur weicher Schaum. 


Aber zurück zur Europeana. Madame Reding wird für die beiden kommenden Jahre noch einmal 120 Millionen Euro bereitstellen es ist Geld vor allem für die technischen Arbeiten der Standardisierung und Langzeitarchivierung. Man soll in der Kultur flanieren können wie ein bildungswilliger Tourist, der die Mühen der körperlichen Ebene nicht mehr auf sich nehmen will, sei es, weil er zu alt oder zu jung, zu arm oder zu behindert ist, oder einfach nur neugierig sucht, wohin wohl die nächste Reise gehen soll. 


„Wer die ,Gioconda‘ sehen möchte“, sagte Präsident Barroso in der Eröffnungsrede, „muss nicht mehr vor dem Louvre Schlange stehen: Über Europeana kann jedermann das Lächeln der Mona Lisa auf dem eigenen Computer bewundern und dann den virtuellen Spaziergang weiter in Richtung Venedig zum dort ausgestellten ,Vitruvischen Mann‘ fortsetzen. Ein Physikstudent aus Finnland kann in den digitalen Seiten von Isaac Newtons ,Principia Mathematica‘ blättern, einfach per Mausklick und ohne Gefahr, das aus dem Jahr 1687 stammende Original zu beschädigen.“ 


So also könnte etwa die Verstreuung eines Gesamtwerks auf die verschiedensten Museen sichtbar und gewissermaßen rückgängig gemacht werden. Endlich könnte man sämtliche Werke eines Malers oder Handschriften eines Komponisten an sämtlichen europäischen Orten aufsuchen und Links auf außereuropäische Standorte werden natürlich mitgeliefert. Für Studenten der Kunst- und Kulturgeschichte ein unbezahlbarer Vorteil. Dass für Wissenschaftler trotzdem der Blick auf die Originale unerlässlich bleibt, versteht sich von selbst. 


Zieht man alle Hindernisse ab, denen das Projekt begegnen kann – Einfrieren der Gelder angesichts der Finanzkatastrophe, Rückstände im Erfüllen der Aufgaben bei den einzelnen Nationen, technische Unfälle –, zieht man all diese Hindernisse ab und konzentriert sich auf das utopische Projekt, dann hat man hier das idealistische kunstfertige Europa in einer Nuss. Besser: in einer intellektuellen Nuss. Das Europa der Bildung ist eben nicht identisch mit dem ökonomischen, es wäre nicht das politisch mühsam geeinte, es wäre nicht überschattet von religiösen Grenzziehungen und Tabus. Jedermann könnte sich nun von einer Handschrift des Korans zu einer Handschrift der Tora und von dort wiederum zu Dokumenten der Französischen Revolution bewegen. Unter dem Diktat der mächtigen Emotion, die unsere Wissenschaften antreibt, unter dem Diktat der Neugier, könnte jeder in jedes Land reisen und es von seiner besten Seite kennenlernen. Umgekehrt hätte jedes Land einen Anstoß, sich gebührend um seine Schätze zu kümmern. Schließlich soll ja der Kulturtourist doch einmal die Koffer packen und nach Chartres fahren, mit all dem Wissen im Kopf, das er zuvor erlangen konnte.


Gibt es etwas daran zu bemängeln? Nun ja. Die Frage ist, ob die einheitliche Formatierung der europäischen Wunderkammer für ein 19 Zoll großes Bild nicht als solche doch wieder Züge eines Attentats auf die Bildung trägt. Eine Kirche ist eben kein Bild. Eine Sinfonie will nicht durch Pixelpakete transportiert und von nanokleinen Lautsprechern wiedergegeben werden. Bissig könnte man auch von einer Miniaturbildkultur sprechen oder von einer Memorialkammer. Möglich geworden ist all das nicht zuletzt durch das Unternehmen Google. Es wird Millionen Objekte digitalisieren. Und millionenfache Vernetzungen mit Amazon oder anderen Verkaufsstellen werden diesem Kulturzentrum schließlich eine ganz andere, eben ökonomische Attraktivität verleihen. Man kann nur hoffen, dass es gelingt, Kultur und Geschäft auf elegante Weise zu verschalten, dass also der wirklich Bildungssuchende nicht von den Händlern im Tempel unserer Schätze gestört wird.
 
 



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