Praktisch und schön

von Thomas Hauschild

Geht doch! Ein Männerheft (Ausgabe I/2012)


Das British Museum im Bloomsbury-Distrikt von London ist das bedeutendste kulturhistorische und auslandswissenschaftliche Museum Europas. Es wird diese Rolle auch in der nächsten Zukunft behalten, so viel können wir jetzt schon sagen. Denn in den letzten zwei Jahren der Planung und Debatte hat sich leider mehr und mehr abgezeichnet, dass das derzeit größte europäische Neubauprojekt auf diesem Gebiet, das Berliner Humboldt-Forum, eine gigantische Mall zu werden droht, ein Einkaufszentrum mit historisierender Architektur. Die kulturanthropologische „Möblierung“ dieses Zentrums ist nach bald einem Jahrzehnt der Planung unklarer und zweifelhafter denn je.

Das Humboldt-Forum im künftigen Berliner Stadtschloss wird aller Wahrscheinlichkeit nach nicht seiner Aufgabe nachkommen. Diese Aufgabe war und ist groß: Antwort zu geben auf die Fragen, die unser Zeitalter an die wissenschaftliche Geschichte und an den wissenschaftlichen Vergleich der Kulturen stellt. Das sind in der „Ära der Globalisierung“ Fragen nach dem Verlauf der früheren Globalisierungen: Wie hängen Energiereserven und kulturelle Reserven zusammen? Und – bezogen auf heute – wie können wir in einer Situation, in der die Rohstoffe knapp werden, allen Teilen der Menschheit gleiche Chancen gewähren?

Da trifft es sich gut, dass gerade jetzt eine deutsche Übersetzung der „History of the World in 100 Objects“ des jahrelangen Direktors des British Museum, Neil MacGregor, veröffentlicht wird. Es handelt sich um den Versuch, Antworten auf Grundsatzfragen der Menschheit aus den Gesamtbeständen des British Museum zu erarbeiten, „ein unmögliches Unterfangen“, wie MacGregor schon im Vorwort gesteht. Wir schauen einem der bedeutendsten Museumswissenschaftler der Welt über die Schulter, wenn wir das mächtige, aber gut zu handhabende Buch auf den Knien halten. Es ist wie früher, als wir „Götter, Gräber  und Gelehrte“ lasen oder „Kampf um Rom“ oder die „Höhlenkinder“, nur dass heute nicht mehr die Herleitung einer europäischen Zivilisation allein auf der Tagesordnung steht, sondern alle Kulturen der Welt.

Dennoch lassen sich dabei Grundlinien einer zeitgenössischen Debatte über den Stellenwert von Kultur in der sich anbahnenden Weltgesellschaft erkennen: Es hat mich begeistert, dass MacGregor dies gelingt, ohne jemals mit der Keule der „Theorie“ zu winken, ohne im Detailmaterial zu versinken, ohne überzogenen Anspruch, stets gut informiert und – was angesichts des bald tausend Seiten schweren Bandes überraschend ist – geradezu leichtfüßig.

Das Studium der evolutionären Entwicklung zum Menschen fußt nicht nur in der Analyse von Knochen, sondern auch in der Bearbeitung von Überresten früher menschlicher Aktivitäten, bei MacGregor repräsentiert durch ein „steinernes Schneidewerkzeug der Oldowan-Kultur“ im südlichen Afrika (1,8 - 2 Millionen Jahre alt). Das ist ein Stein mit Abschlägen, dem nur der Spezialist die menschliche Tätigkeit ansieht. Weiter geht es aber dann auch schon mit einem 1,2 - 1,4 Millionen Jahre alten Faustkeil aus Afrika. Hier herrscht die systematische Planung der Gestalt vor, ein Formwille.

Früh springt die Entwicklung also zur Herstellung von Objekten, die einem nicht rein auf Nahrungserwerb und Praktisches bezogenen gestalterischen Prinzip folgen: Das wird besonders gut sichtbar in der Eiszeitkunst, wo aus einem Mammutzahn zwei schwimmende Rentiere gemacht wurden, mit größter Virtuosität geschnitzt. Die Tiere sind in der Brunftzeit dargestellt, selbst das können die von MacGregor stets geduldig hinzugezogenen Spezialisten an dieser Kleinplastik aus dem prähistorischen Westeuropa (11.000 v. Chr.) ablesen. Die Brunftzeit ist aber auch die Zeit der besten Jagdbarkeit und des erhöhten menschlichen Bedarfs an Fettvorräten im Herbst. Die Betrachtung dieses prähistorischen Kunstwerks führt also zur Analyse zweckfreier Kunst und von dort zurück zu materiellen Motiven – und das macht den ganzen Menschen aus.

Geduldig entwickelt MacGregor aus seiner privilegierten Position als Forscher heraus diese Dinge, stets im engen Kontakt mit den zuständigen Spezialisten, nicht auf der Suche nach Sensationen, sondern nach Aha-Erlebnissen, welche die Gegenstände der Vergangenheit eher in uns erzeugen können als schriftlich dokumentierte Reden und Ideen. Es ist ein großes Vergnügen, sich MacGregors Buch ganz zu überlassen, wieder und wieder auf solche Aha-Erlebnisse gelenkt zu werden. Er hat mir gezeigt, wie man Bierbehälter auf einer Keilschrifttafel identifiziert, und dadurch musste ich über den Zusammenhang zwischen den vielen rein ökonomischen Auflistungen und Abrechnungen auf den Keilschrifttafeln und den wenigen Zauberformeln und Göttergeschichten nachdenken, die auf solchen Täfelchen überliefert sind.

Ich habe eine Fotografie bewundert, die einen dicken aztekischen Gürtel aus Stein zeigt (100 - 500 n. Chr.) – er wurde so geschickt aufgenommen, dass das schwere Objekt transparent, fast gläsern wirkt. Ich habe verstanden, dass dieser Gürtel wohl nicht getragen, sondern nur als Zeichen für das altindianische zeremonielle Spiel mit Gummibällen verwendet wurde oder auch als eine Vorlage für die Herstellung der Hüftgürtel, mit denen die Bälle geschlagen wurden. Auch hier finden wir wieder Nützlichkeit und Zeichenhaftigkeit von Artefakten in einem.

Ich habe auch die Grenzen jener Form der Globalisierung von Wissen ausgelotet, mit der wir es bei MacGregors Buch zweifellos zu tun haben. Zum Beispiel habe ich mich über die von MacGregor zitierte Aussage eines Satire-Spezialisten geärgert, der es fertigbringt, ein deutsches Flugblatt zum hundertjährigen Reformationsjubiläum zu kommentieren, obwohl er zugegebenermaßen aus Mangel an Sprachkenntnissen nicht alle Witze verstanden hat, die auf diesem komplizierten Karikaturblatt abgebildet sind. Als Deutscher versteht man natürlich einige Witze mehr auf diesem Blatt als der britische Satire-Spezialist, der nicht Deutsch spricht. Es ist ja auch schön, wenn man sich zwischendurch mal ärgern kann bei der Lektüre solch eines dicken Buches – und dadurch den Verlust an Wissen ins Visier nimmt, der mit der Globalisierung und dem Multikulturalismus einhergehen kann, einhergehen wird.

Und ein paar Seiten weiter habe ich gelernt, eine auf Hirschhaut geritzte Karte von Teilen Nordamerikas (18. Jahrhundert n. Chr.) als komplizierten Kompromiss zwischen einer indianischen und einer weißen, siedlerischen Lesart der Landschaften des Kontinents zu verstehen. Spaß hat mir auch die Lektüre des Textes über einen Porzellanteller gemacht, der nach der Oktoberrevolution in Russland entstand. Das nackte Äffchen Mensch ist hier zum Giganten angewachsen, der mitten in der tellerhaft gefassten runden Welt seine leuchtenden Städte angelegt hat und nun den letzten Ressourcen mit dem Hammer zu Leibe rückt. Die Folgen hat man als Niedergang der Sowjetunion am Ende des Kalten Krieges bewundern können, heute sprechen sie in Sibirien von „Devolution“. Und das Ganze ausgerechnet als spießiger Porzellanteller, die gehen bei Revolutionen doch eigentlich zu Bruch! Auf der Rückseite, MacGregor zeigt es uns, kann man den Stempel der alten zaristischen Porzellanmanufaktur erkennen neben einem revolutionären Emblem, Hammer und Sichel. Auch die Sowjets mussten ihr „neues Leben“ auf alten kulturellen Reserven aufbauen.

Lange hängen geblieben bin ich auch bei der chinesischen Solarlampe aus Plastik (das Datum 2010 n. Chr. ist säuberlich dazu vermerkt). Am Schluss seines Buches spricht MacGregor anhand einer simplen Lampe aus China von dem „Traum, die Sonne anzuzapfen“. Dieses Coffeetable-Buch hat immer Bodenhaftung. Das ist keine britische „Highbrow“-Kultur, sondern solides wissenschaftliches Handwerk gepaart mit dem Plan, gut zu unterhalten und zu bilden. Wenn also in Berlin vielleicht eine riesige Mall entstehen wird statt des „größten kulturanthropologischen Museums der Welt“, dann können wir immer noch auf die Welt der Bücher ausweichen und mit MacGregor nachsinnen, nachdenken, diskutieren, über Vergangenheit und Zukunft, Sinn und Unsinn von kulturellen Neuschöpfungen und Grenzziehungen.

Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten. Von Neil MacGregor. Aus dem Englischen von Waltraud Götting, Andreas Wirthensohn und Annabel Zettel. C.H.Beck, München, 2011.



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