„Die Regierung hasst Graffiti“

ein Gespräch mit Karan Reshad

Menschen von morgen (Ausgabe I/2009)


Welche Rolle spielt Street Art im Iran?

Unabhängige Street Art jenseits von offiziellen Wandmalereien ist noch in der Experimentierphase und wird von der Öffentlichkeit nicht als Kunst wahrgenommen.

Wie politisch ist diese Kunstform?

Sie ist nicht politisch, sondern kann weltweit als sozial aufgefasst werden. In Iran wird durch das politische System alles, was sozial ist, als politisch betrachtet. Jedes unbekannte Bild, jede unbekannte Botschaft anonymer Personen wird als gegen das System gerichtet wahrgenommen.

Seit wann gibt es Graffiti im Iran?

Graffiti als gesprühte Schmiererei, als politischen oder revolutionären Akt, als Vandalismus gibt es seit 40 Jahren. Aber als Kunstform existieren sie erst seit 2003. Damals begann auch ich in meinem Studio, dem„Kolahstudio“, damit zu experimentieren. 2003 habe ich die erste Wand in meiner Nachbarschaft bemalt. Dann versuchte ich, meine Freunde mit auf die Straße zu nehmen, um auszuprobieren, wie es ist, nachts auf Wände zu malen anstatt auf Leinwände im Studio.

Welche Künstler kommen in Ihrem Studio zusammen?

Für uns gibt es eine wichtige Regel: Arbeite mit uns oder mit dem offiziellen Künstlerforum und den Regierungspappnasen. Wir haben keine Deals mit der offiziellen Szene. Kunst kann nicht genehmigt werden. Die meisten Künstler in Iran denken, sie müssen mit staatlichen Museen oder Galerien arbeiten, um bekannt zu werden. Das hassen wir und deswegen habe ich die Zusammenarbeit mit vielen Künstlern beendet, die mit dem System kooperiert haben – und wenn es nur einmal war. Wir sind radikal und ich habe lieber drei radikale Denker neben mir als 100 Künstler, die sich selbst belügen und sich nach islamistischen und zensierten Festivals sehnen.

Wie groß ist die Street Art-Szene in Iran? Wie viele Graffiti kann man in den Straßen sehen?

In den letzten Jahren gibt es immer mehr „Writer“ – solche, die die MTV-Kultur oder Satelliten-Rap-Programme imitieren, vielleicht aus Mangel an Kunstkenntnissen. In der iranischen Szene haben wir einige bekannte Künstler, wie etwa A1one, der bereits in vielen bekannten Kunstgalerien und auf Festivals in New York oder Melbourne gezeigt wurde. In Teheran ist es schwierig, Graffitiarbeiten zu finden, aber es gibt sie. Die Stadtverwaltung lässt alle Graffiti im Stadtzentrum innerhalb eines Tages entfernen und auch die großen Mauern jede Woche reinigen, wenn Graffiti auftauchen.

Wo kann man dann Graffiti sehen?

Im Zentrum findet man, wie gesagt, kaum große Arbeiten, weil das für die „Writer“ zu gefährlich und riskant wäre. In einigen Außenbezirken von Teheran, wo die Szene angesiedelt ist, kann man aber viele Graffiti auf Mauern und Mülltonnen sehen.

Wie gefährlich ist es, Graffiti zu sprühen?

Schon allein in dieser Welt zu leben ist gefährlich. Es kommt immer darauf an, wie man Gefahr versteht. Gefahr geht von der Regierung und von der rechtsgerichteten islamistischen Jugend aus. Es gibt keine Gesetze gegen Street Art und mir ist kein Präzedenzfall bekannt. Alles, was ich an dieser Stelle sagen möchte, ist, dass man kann sich vieles vorstellen kann, was passieren könnte.

Wie unterscheidet sich Street Art in Iran von der im Westen?

Im Westen hat Street Art eine Kultur und Geschichte, wird als Kunst angesehen. Aber in Iran gibt es noch immer keine Graffiti-Writer-Kultur. So passiert es immer wieder, dass Jugendliche Bilder übersprühen oder entfernen. Einige der jungen „Writer“ kopieren einfach nur weltbekannte Künstler. Außerdem gibt es in Iran nur wenige Street Art-Utensilien und die, die es gibt, sind qualitativ sehr schlecht.

Wie reagieren Gesellschaft und Politik auf diese Kunst?

Langweilige Frage. Die Gesellschaft mag es, wenn alles sauber, nett und menschlich ist. Die Regierung hasst es sogar, wenn es menschlich ist, da dies den Regierungszielen etwas anhaben könnte. Deshalb ist Street Art ein rebellischer Akt – in den Augen der Offiziellen.

Wovon leben Sie?

Ich bin Student ohne Lehrer. Ich lebe und lerne von der Stadt. Vor sechs Jahren habe ich mein Grafikdesignstudium beendet, dann habe ich als professioneller Grafiker für die zwei größten Filmmagazine in Iran gearbeitet und war Art Director des iranischen Wirtschaftsjournals. Aber nach fünf Jahren harter Arbeit habe ich damit aufgehört und die offizielle Szene verlassen, um mich selbst und meine individuelle Freiheit zu finden. Ich lebe nicht von Geld, aber mit Energie und Hoffnung.

Das Interview führte Christine Müller



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