Die Klagemauer in Jerusalem

von Ali Ghandtschi

Geht doch! Ein Männerheft (Ausgabe I/2012)


Ich nahm an, dass ich mit meinem persischen Namen und dem Geburtsort Teheran in meinem deutschen Pass Probleme bekommen würde. Aber nach nur vier Stunden Befragung bei der Einreise hatte ich die Kontrollen am Ben-Gurion-Flughafen hinter mir. An meinem ersten Tag in Jerusalem zog es mich in die Altstadt zur Klagemauer. Die „große“ Klagemauer darf jeder Mann, egal welchen Glaubens, besuchen. Man muss nur eine Kippa aufsetzen. Zur „kleinen“ Klagemauer, die rechts daneben liegt, dürfen nur Frauen.

Der Zufall wollte es, dass an diesem Nachmittag Rabbi Rabinowitz, der Rabbiner der Klagemauer, ein großes Fest feierte. Ein wohlhabender Amerikaner hatte eine neue Thorarolle gespendet.

Unversehens geriet ich in diese ausgelassene Feierlichkeit hinein. Da ich, halb Perser, halb Deutscher, wohl optisch keiner Nationalität zuzuordnen bin und außerdem die obligatorische Kippa auf dem Kopf trug, nahmen mich die Feiernden in ihre Mitte und ich durfte, nein, musste mit ihnen tanzen. Ein zehnköpfiger Knabenchor schmetterte zwei Stunden lang immer wieder das gleiche Lied über eine völlig übersteuerte Lautsprecheranlage. Es war ein richtig gutes Fest und mein Jetlag war wie weggeblasen.

Viel später fragte mich der Assistent des Rabbiners, woher ich käme und ob ich Jude sei. An seinem Gesichtsausdruck las ich ab, dass meine Antworten nicht zu seiner Zufriedenheit ausfielen. Ich verließ die Party, weil ich mir nicht mehr sicher war, willkommen zu sein. Trotzdem hatte ich das Gefühl, etwas Besonderem beigewohnt zu haben.



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