„Schulen als Touristenattraktionen“

von Pierre de Hanscutter

Geht doch! Ein Männerheft (Ausgabe I/2012)


Googeln Sie mal die Wörter „Volunteer Vietnam“. Unter den Suchergebnissen werden Sie viele kommerzielle Reiseanbieter finden, die mit der Sprache von NGOs, Entwicklungshelfern und Freiwilligenorganisationen ihr eigentliches Anliegen verschleiern: Profite. Seit einigen Jahren bieten Unternehmen sogenannte „Volunteering“-Trips an, um junge Kunden zu gewinnen. Dabei werden klassische Urlaubsaktivitäten wie Trekking, Tauchen oder Surfen durch eine Kombination aus Rucksackreise und Freiwilligenarbeit ergänzt, die auch noch Spaß verspricht. Damit reagieren die Unternehmen auf die Beliebtheit von Freiwilligendiensten und auf die zunehmende Bedeutung von „Auslandserfahrungen“ für die Lebensläufe und Karrierechancen von Jugendlichen.

Zuerst beschränkte sich diese Art des Reisens auf wohlhabende Kunden aus den anglophonen Ländern – der zwei-wöchige Urlaub im Workcamp kostete schnell mal 1.500 Euro, Flug und Vorbereitungsseminare nicht inbegriffen. Dank guten Marketings erfreuen sich solche Angebote inzwischen einer wachsenden Beliebtheit. Gemeinnützige Freiwilligenorganisationen werden dadurch aus der Wahrnehmung der Jugendlichen verdrängt. Aber nicht alles, was nach Freiwilligendienst aussieht, hat damit noch etwas gemein. Hinter den Hochglanzbroschüren, schicken Fotos, rund um die Uhr erreichbaren Callcentern und komfortablen Zahloptionen per Kreditkarte verbirgt sich eine andere Realität. Viele der Unternehmen verstehen sich als Großhändler: Sie bieten Vereinen im Ausland die Unterstützung vonseiten junger westlicher Freiwilliger im Austausch für deren Betreuung und Unterbringung an. Die Organisationen vor Ort lässt man dabei im schlimmsten Fall sogar glauben, dass sie es mit Mitgliedern von Jugendvereinen zu tun haben. Er ist vorgekommen, dass Pfadfinder in Kambodscha eine Gruppe amerikanischer Touristen in Empfang nehmen sollten, die für ihren einwöchigen Trip viel Geld bezahlt haben, das aber nur zum kleinen Teil in Kambodscha ankam.

In anderen Projekten werden die „Voluntourists“ mit absurden Tätigkeiten betraut: Sie streichen alle zwei Wochen eine Schule neu oder halten ohne jegliche Qualifikation den Unterricht ab. Mit einem Jeep, der nach Abenteuer riecht, werden die Jugendlichen in Dorfschulen gebracht, an denen sie Englisch oder Französisch unterrichten. Da sie nur kurz an der Schule bleiben und weder Ahnung von Unterrichtsmethoden noch von der Mutterprache ihrer Schüler haben, können sie den Kindern kaum mehr bieten als: „Hello, what’s your name?“

Für Reisende mag das trotz allem verlockend klingen. War nicht ohnehin nur von einer „ersten Einführung in die interkulturellen Beziehungen“ die Rede? Geht es nicht vor allem darum, die Kinder für fremde Sprachen und neue Welten zu begeistern? Mag sein. Doch auf diese Weise verkommen Schulen zu Touristenattraktionen. Jedes Mal, wenn nach ein oder zwei Wochen ein Bus wieder abreist, kommen neue Touristen mit ihrem „Hello, what’s your name?“ vorgefahren. Die Kinder werden daran gewöhnt, immer wieder dasselbe zu lernen und anschließend ein nettes Gruppenfoto fürs Reisealbum zu machen, statt kontinuierlich gefordert und ausgebildet zu werden – eine bildungspolitische Katastrophe.

Letztlich ist „Voluntourism“ nichts anderes als Voyeurismus, eine neue Form des „positiven“ Rassismus. Die Annahme der Teilnehmer ist, dass sie auch ohne jede Qualifikation „denen da unten“ helfen können. Sie kommen schließlich von weit her, aus einer Industrienation, und werden den unterentwickelten Einheimischen sicher etwas beibringen können! Implizit bedient das den Mythos des edlen Wilden: „Diese einfachen Menschen sind arm, aber glücklich. Sie werden mich mit offenen Armen empfangen, schließlich bin ich kein Tourist!“

Mein Tipp: Wer Urlaub in Entwicklungsländern machen will, sollte sich ein Tourismus-Unternehmen suchen, das professionelle Reisen mit ausgebildeten Fremdenführern anbietet. Für 1.500 Euro bekommt man in den meisten Ländern der Welt einen ortskundigen Reiseleiter, schläft in guten Hotels und isst in vernünftigen Restaurants. Ein Großteil des Geldes bleibt dabei im Land und hilft der lokalen Wirtschaft. Wer jedoch Freiwilligenarbeit bevorzugt, sollte auf gemeinnützige Organisationen setzen, welche die Bedürfnisse der Region kennen und ihren Partnern im Einsatzland auf Augenhöhe begegnen. Dass man Ehrenamt und Urlaub sinnvoll verbinden kann, ist eine Werbelüge. In Wahrheit werden dabei die schlimmsten Seiten von Freiwilligenarbeit und Tourismus kombiniert: sinnloses Engagement und geringer Komfort zum Preis eines Luxusurlaubs.

Aus dem Englischen von Hanna Schüßler



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